Der Häuptling der Apachen sitzt in einem holzvertäfelten Büro, bis zur Brust verborgen von einem Monumentalschreibtisch, wie man ihn aus amerikanischen Anwaltsfilmen kennt. Stumm dreht er die dunkelgrüne DVD-Hülle in seinen Händen und mustert die fremdartigen Worte. Winnetou, steht da, Teil 1. Fred Chino ist 66 Jahre alt, ein Mann mit schmalen Augen hinter einer schlichten Brille. Er trägt eine speckige Lederweste, seinen Cowboyhut hat er neben das Telefon gelegt. Sein Haar ist kurz und an den Schläfen grau. Er sei gar kein Häuptling, sagt er, man nenne ihn Präsident. Präsident des Stammes der Apachen. Sein Büro öffnet um acht und schließt um halb vier, an den Wochenenden hat er frei. Er hat eine junge Sekretärin und einen alten Pick-up, einen auf seinen Namen reservierten Parkplatz und ein Häuschen in den Hügeln. Schon vor langer Zeit hat er seinen Platz gefunden in der Welt. Er wirft die DVD auf den Tisch, schaut ratlos herüber und fragt mit schwerfällig gedehnten Silben: »Win-ne-tou?«

Ratlos kaut Fred Chino an diesem Wort herum, das in Deutschland jedes Kind kennt. An einem Wort, das ein ganzes Universum öffnet. Winnetou. Der gute Mensch in einer schlechten Welt, der edle Wilde. Wie seltsam und selbstverständlich das klingt: In Deutschland waren ganze Generationen hingerissen von einem Indianer , der nie gelebt hat. Erfunden von einem Schriftsteller , der Amerikas Prärien niemals gesehen hat: Karl May , vor hundert Jahren gestorben in Radebeul im tiefsten Sachsen. Millionen Menschen sind groß geworden mit Winnetou-Büchern, Winnetou-Schallplatten, Winnetou-Kassetten und Winnetou-Filmen. Sommer für Sommer reitet der Häuptling der Apachen über deutsche Freilichtbühnen. Seine Sprache ist auch unsere geworden, großes Indianerehrenwort. Es gibt Winnetou-Musicals. Es gibt Winnetou-Hotels. Es gibt Paare, die ihr Baby Winnetou nennen wollen und nur durch Standesbeamte davon abgehalten werden können. Wenn Winnetou irgendwo auf der Welt Asyl gesucht hätte: Deutschland hätte ihn eingeladen. Heimgeholt.

Doch was passiert, wenn man sich in die entgegengesetzte Richtung aufmacht? Sich auf jene Expedition begibt, die Karl May nie angetreten hat : auf eine Entdeckungsfahrt aus seiner Fantasiewelt in die Wirklichkeit?

Fred Chino schaut noch einmal auf das Cover, auf Pierre Brice vor Himmelblau. »Winnetou«, sagt er, »den Namen habe ich schon mal gehört.« Manchmal brächten deutsche Kampfjet-Piloten ihn aus den Air-Force-Basen unten in der Wüste ins Reservat hinauf. Winnetou, ein lautmalerisches Wort ohne jeden Sinn, aus dem Munde von Menschen in hässlichen kurzen Hosen und mit mehlweißen Beinen. Bizarr. »Ich habe die Geschichte nie gesehen oder gelesen.« Er legt die DVD zur Seite.

Vor dem Fenster liegt sein Land, gepudert von Schnee. Das Reservat der Mescalero-Apachen. Auf der Landkarte ist es ein kleines grünes Rechteck in den Weiten New Mexicos, 300 Kilometer nördlich der amerikanisch-mexikanischen Grenze in den Sacramento Mountains gelegen. Auf der Website des Stammes war von einem Luxushotel zu lesen, zwei Kasinos, einem Golfplatz, einem künstlichen See und einem Skigebiet. Winnetous Heimat sieht aus wie ein deutsches Mittelgebirge: Täler und Kuppen, von Kiefern bestanden. Straßenschilder weisen in lichte Wälder: Mescalero Boulevard, Sunrise Drive, Broken Arrow Road. Zwischen den Bäumen stehen Bungalows auf Stelzen, ohne Gärten, ohne Terrassen, als habe kein Wille sie hier abgestellt, sondern das Schicksal. In der kalten Luft schwebt Holzfeuergeruch. Hunde reißen an ihren Leinen.

Fred Chino residiert in der Mitte dieses zersiedelten Nichts, neben einem Parkplatz, groß und leer wie eine sozialistische Aufmarschfläche, umstanden von Hallen mit verhangenen Fenstern: ein Postamt, eine markenlose Tankstelle, die Stammesverwaltung und ein tribal store, der Stammesladen. Es gibt mitten in Amerika also noch farblose Flecken, wo kein Coca-Cola-Rot leuchtet, kein McDonald’s-Gelb, kein Wal-Mart-Blau.

Ist das tröstlich oder trostlos? Zeichen für Identität oder für Isolation?

»Ich weiß ja nicht, wie euer Winnetou wohnt«, sagt Chino, »aber wir sitzen hier in the middle of nowhere . Ich versuche, das Beste daraus zu machen.«

In seinem Gesicht ist keine Freude über den Besuch zu finden. Keine Neugier. Kein Lächeln. Kein »sammetartiger Glanz«, wie ihn Karl May in Winnetous Augen legte, »wie ein Gruß, den die Sonne durch eine Wolkenöffnung auf die Erde sendet«.

Eigentlich hat Chino ja auch nichts damit zu tun, dass sich vor mehr als hundert Jahren am anderen Ende der Welt ein fantasievoller Sachse aus der Enge des deutschen Kaiserreichs in den Wilden Westen träumte. Ahnungslos sitzt der Präsident vom Stamme der Apachen am Ende einer wirren Zufallskette: Karl May, Sohn einer armen Weberfamilie, war als Lehrer gescheitert, hatte als falscher Arzt, vermeintlicher Seminarleiter und verkleidet als Polizist Pelze und Pferde gestohlen und wegen dieser Hochstapelei fast acht Jahre in Zuchthäusern gesessen, ehe er die gerichtlich geahndete Gabe, »den Leuten etwas vorzumachen und daraus Gewinn zu ziehen«, literarisch anwandte. Mithilfe des Lexikons schrieb er Lügengeschichten, die er als wahr verkaufte und schließlich selber glaubte. Aus seiner tristen Wirklichkeit floh er in eine Idealwelt, und Millionen folgten ihm. Warum May dabei ausgerechnet einen Häuptling der Mescalero-Apachen zum Helden seiner Bücherwelten machte, wissen selbst Winnetou-Forscher – auch die gibt es nur in Deutschland – bis heute nicht. Eine von vielen Theorien: Nachdem der französische Autor Gabriel Ferry de Bellemare 1850 mit Abenteuerromanen über die Komantschen erfolgreich geworden war, wählte der Deutsche May deren Todfeinde.

In seinem Büro trägt Fred Chino, der Apache, der Winnetou nicht kennt, nun die wahre Geschichte seines Stammes vor, eingeleitet und immer wieder beurkundet mit dem Satz: »Apache people know how to fight.« Apachen wissen zu kämpfen.

Niemals, sagt Chino, habe sich sein Stamm einem einzigen Häuptling gebeugt, keinem Winnetou und keinem Intschu tschuna. Als halbnomadische Familienbünde zogen die Apachen durch das heutige Mexiko und den Süden der späteren USA : Chokonen, Lipan, Chiricahua, Mescalero. Sie waren Räuber und Plünderer, die über sesshafte Stämme wie die Pueblos herfielen. Krieger, die den weißen Siedlern erbitterten Widerstand leisteten, angeführt von Guerillakämpfern wie Cochise und Geronimo . Die Apachenkriege gelten als die teuersten Konflikte der USA im 19. Jahrhundert, grausam und verlustreich. Apachen wissen zu kämpfen.