Karl Mays IndianerWenn Winnetou das wüsste

Vor hundert Jahren starb der Schriftsteller Karl May. In seinen Büchern verklärte er die Apachen zu edlen Wilden – aber er hatte sie nie besucht. Henning Sußebach ist in ihr Reservat gefahren. Er traf Indianer, die weder wild noch besonders edel sind. von 

Fred Chino, der Häuptling der Apachen, ist heute ein Präsident, der keine kritischen Fragen mag.

Fred Chino, der Häuptling der Apachen, ist heute ein Präsident, der keine kritischen Fragen mag.  |  © Henning Sußebach für DIE ZEIT

Der Häuptling der Apachen sitzt in einem holzvertäfelten Büro, bis zur Brust verborgen von einem Monumentalschreibtisch, wie man ihn aus amerikanischen Anwaltsfilmen kennt. Stumm dreht er die dunkelgrüne DVD-Hülle in seinen Händen und mustert die fremdartigen Worte. Winnetou, steht da, Teil 1. Fred Chino ist 66 Jahre alt, ein Mann mit schmalen Augen hinter einer schlichten Brille. Er trägt eine speckige Lederweste, seinen Cowboyhut hat er neben das Telefon gelegt. Sein Haar ist kurz und an den Schläfen grau. Er sei gar kein Häuptling, sagt er, man nenne ihn Präsident. Präsident des Stammes der Apachen. Sein Büro öffnet um acht und schließt um halb vier, an den Wochenenden hat er frei. Er hat eine junge Sekretärin und einen alten Pick-up, einen auf seinen Namen reservierten Parkplatz und ein Häuschen in den Hügeln. Schon vor langer Zeit hat er seinen Platz gefunden in der Welt. Er wirft die DVD auf den Tisch, schaut ratlos herüber und fragt mit schwerfällig gedehnten Silben: »Win-ne-tou?«

Ratlos kaut Fred Chino an diesem Wort herum, das in Deutschland jedes Kind kennt. An einem Wort, das ein ganzes Universum öffnet. Winnetou. Der gute Mensch in einer schlechten Welt, der edle Wilde. Wie seltsam und selbstverständlich das klingt: In Deutschland waren ganze Generationen hingerissen von einem Indianer , der nie gelebt hat. Erfunden von einem Schriftsteller , der Amerikas Prärien niemals gesehen hat: Karl May , vor hundert Jahren gestorben in Radebeul im tiefsten Sachsen. Millionen Menschen sind groß geworden mit Winnetou-Büchern, Winnetou-Schallplatten, Winnetou-Kassetten und Winnetou-Filmen. Sommer für Sommer reitet der Häuptling der Apachen über deutsche Freilichtbühnen. Seine Sprache ist auch unsere geworden, großes Indianerehrenwort. Es gibt Winnetou-Musicals. Es gibt Winnetou-Hotels. Es gibt Paare, die ihr Baby Winnetou nennen wollen und nur durch Standesbeamte davon abgehalten werden können. Wenn Winnetou irgendwo auf der Welt Asyl gesucht hätte: Deutschland hätte ihn eingeladen. Heimgeholt.

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Doch was passiert, wenn man sich in die entgegengesetzte Richtung aufmacht? Sich auf jene Expedition begibt, die Karl May nie angetreten hat : auf eine Entdeckungsfahrt aus seiner Fantasiewelt in die Wirklichkeit?

Fred Chino schaut noch einmal auf das Cover, auf Pierre Brice vor Himmelblau. »Winnetou«, sagt er, »den Namen habe ich schon mal gehört.« Manchmal brächten deutsche Kampfjet-Piloten ihn aus den Air-Force-Basen unten in der Wüste ins Reservat hinauf. Winnetou, ein lautmalerisches Wort ohne jeden Sinn, aus dem Munde von Menschen in hässlichen kurzen Hosen und mit mehlweißen Beinen. Bizarr. »Ich habe die Geschichte nie gesehen oder gelesen.« Er legt die DVD zur Seite.

Vor dem Fenster liegt sein Land, gepudert von Schnee. Das Reservat der Mescalero-Apachen. Auf der Landkarte ist es ein kleines grünes Rechteck in den Weiten New Mexicos, 300 Kilometer nördlich der amerikanisch-mexikanischen Grenze in den Sacramento Mountains gelegen. Auf der Website des Stammes war von einem Luxushotel zu lesen, zwei Kasinos, einem Golfplatz, einem künstlichen See und einem Skigebiet. Winnetous Heimat sieht aus wie ein deutsches Mittelgebirge: Täler und Kuppen, von Kiefern bestanden. Straßenschilder weisen in lichte Wälder: Mescalero Boulevard, Sunrise Drive, Broken Arrow Road. Zwischen den Bäumen stehen Bungalows auf Stelzen, ohne Gärten, ohne Terrassen, als habe kein Wille sie hier abgestellt, sondern das Schicksal. In der kalten Luft schwebt Holzfeuergeruch. Hunde reißen an ihren Leinen.

Fred Chino residiert in der Mitte dieses zersiedelten Nichts, neben einem Parkplatz, groß und leer wie eine sozialistische Aufmarschfläche, umstanden von Hallen mit verhangenen Fenstern: ein Postamt, eine markenlose Tankstelle, die Stammesverwaltung und ein tribal store, der Stammesladen. Es gibt mitten in Amerika also noch farblose Flecken, wo kein Coca-Cola-Rot leuchtet, kein McDonald’s-Gelb, kein Wal-Mart-Blau.

Ist das tröstlich oder trostlos? Zeichen für Identität oder für Isolation?

»Ich weiß ja nicht, wie euer Winnetou wohnt«, sagt Chino, »aber wir sitzen hier in the middle of nowhere . Ich versuche, das Beste daraus zu machen.«

In seinem Gesicht ist keine Freude über den Besuch zu finden. Keine Neugier. Kein Lächeln. Kein »sammetartiger Glanz«, wie ihn Karl May in Winnetous Augen legte, »wie ein Gruß, den die Sonne durch eine Wolkenöffnung auf die Erde sendet«.

Eigentlich hat Chino ja auch nichts damit zu tun, dass sich vor mehr als hundert Jahren am anderen Ende der Welt ein fantasievoller Sachse aus der Enge des deutschen Kaiserreichs in den Wilden Westen träumte. Ahnungslos sitzt der Präsident vom Stamme der Apachen am Ende einer wirren Zufallskette: Karl May, Sohn einer armen Weberfamilie, war als Lehrer gescheitert, hatte als falscher Arzt, vermeintlicher Seminarleiter und verkleidet als Polizist Pelze und Pferde gestohlen und wegen dieser Hochstapelei fast acht Jahre in Zuchthäusern gesessen, ehe er die gerichtlich geahndete Gabe, »den Leuten etwas vorzumachen und daraus Gewinn zu ziehen«, literarisch anwandte. Mithilfe des Lexikons schrieb er Lügengeschichten, die er als wahr verkaufte und schließlich selber glaubte. Aus seiner tristen Wirklichkeit floh er in eine Idealwelt, und Millionen folgten ihm. Warum May dabei ausgerechnet einen Häuptling der Mescalero-Apachen zum Helden seiner Bücherwelten machte, wissen selbst Winnetou-Forscher – auch die gibt es nur in Deutschland – bis heute nicht. Eine von vielen Theorien: Nachdem der französische Autor Gabriel Ferry de Bellemare 1850 mit Abenteuerromanen über die Komantschen erfolgreich geworden war, wählte der Deutsche May deren Todfeinde.

In seinem Büro trägt Fred Chino, der Apache, der Winnetou nicht kennt, nun die wahre Geschichte seines Stammes vor, eingeleitet und immer wieder beurkundet mit dem Satz: »Apache people know how to fight.« Apachen wissen zu kämpfen.

Niemals, sagt Chino, habe sich sein Stamm einem einzigen Häuptling gebeugt, keinem Winnetou und keinem Intschu tschuna. Als halbnomadische Familienbünde zogen die Apachen durch das heutige Mexiko und den Süden der späteren USA : Chokonen, Lipan, Chiricahua, Mescalero. Sie waren Räuber und Plünderer, die über sesshafte Stämme wie die Pueblos herfielen. Krieger, die den weißen Siedlern erbitterten Widerstand leisteten, angeführt von Guerillakämpfern wie Cochise und Geronimo . Die Apachenkriege gelten als die teuersten Konflikte der USA im 19. Jahrhundert, grausam und verlustreich. Apachen wissen zu kämpfen.

Leserkommentare
  1. Mit diesem Artikel kann man Leser beeindrucken, die zuvor über Jahrzehnte von Journalisten verklärt wurden. Wir sollten uns erinnern: Auch Karl May hatte als Journalist der „Gartenlaube“ für einen steigenden Absatz zu sorgen...
    Das Wissen über Indigene ist 100 Jahre nach Karl May mit Sicherheit ein anderes. In aller Welt. Eigenartigerweise nicht in Deutschland! In diesem Land sind Indianer, Rothäute a la Karl May, noch immer die typischen Ureinwohner Nordamerikas. Lebende Indigene werden mit Winnetou – mit einem von einem Deutschen erfundenen Superhelden – verglichen. Das ist schwach. Jeder Dene – zudem jemand, der einem Volk vorsteht, muss stutzig werden, wenn man ihn Winnetou als idealen Indianer vorstellt.
    Bereits im Jahre 1910 war allen Wissenden klar, dass May eine Fantasiewelt erschaffen hatte. Warum sollte er auch nicht? Jedenfalls konnte er so der unsinnigen deutschen Tretmühle entfliehen.

    Dass ein heutiger Autor dieses „Gespinst“ (dieses Gemälde edel handelnder Menschen) mit der Realität vergleicht verwundert schon. Haben wir nicht genug korrupte Politiker, Finanz- und Wirtschaftsbosse im eigenen Land?

    Hier werden die wesentlichen kausalen Zusammenhänge – die in Jahrhunderten aufgezwungenen gesellschaftlichen Verhältnisse - zumeist ignoriert. Eine faire Betrachtung der leidvollen Geschichte der Apache ist dieser Artikel jedenfalls nicht. Er zeigt eher den prekären Umgang zwischen weißen Journalisten und Indigenen.

    9 Leserempfehlungen
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    Ich stimme fast allem, was Sie sagen zu. Nur der Satz "Jedenfalls konnte er so der unsinnigen deutschen Tretmühle entfliehen" erscheint mir etwas zu harmlos.

    Dass der deutsche Nationalist Karl May die Indianer in gute Apachen und böse Komantschen aufteilte, hatte sicher wenig Folgen. Seine hasserfüllte Darstellung der Armenier kurz vor dem von Deutschland wohlwollend begleitenden Völkermordes ist schwerer zu verdauen.

    ist ja wirklich eine Unverschämtheit, dass der Autor die Zustände so darstellt, wie sie sind. Ist ihnen das etwas zu ungemütlich? Zuviel Kasino?
    Allein die Auslassungen des "Medizinmannes" zu Evolution und "wir stammen doch nicht von Affen ab", zeigt doch ein gewisses elitäres Denken mancher Ethnien. So etwas kann man auuch bei anderen Völkern, Beispiel Maori erkennen, und ist im Endeffekt auch nichts als versteckter Rassismus.
    Längst ist doch auch bekannt, dass die Apachen vor der Besiedelung durch die Weißen nie dem Bild entsprachen, was von ihnen gezeichnet wurde. Ein mordender und plündernder Stamm, der Brandrodung etc. einsetzte. Man schmückt sich ja heute anscheinend noch damit, die Völker in den Steinhäusern eins auf die Mütze gegeben zu haben.
    Aber Hauptsache, man hat (angeblich) im Einklang mit der Natur gelebt. Das ist ja im naturromantischen Deutschland schon ausreichend, um die ein oder andere Schandtat zu legitimieren.
    Interessant übrigens, dass sich die deutsche Naturromantik, über die Beginne im 19. Jhr. und die Wandervereine der Weimarer Republik, bis zur modernen Ökobewegung und milliardenfachen Solarsubvention weiterentwickelt hat.
    Ein wunderschöner roter Faden.

    • Niles
    • 29. März 2012 12:33 Uhr

    Ich glaube nicht, dass es die Intention des Autors war, den geblendeten Lesern den Unterschied zwischen den Karl-May-Apachen und den echten Apachen beizubringen. Viel mehr wird das Leben im Reservat beschrieben. Winnetou dient nur als "Identifikationspunkt" des Artikels. Er ist nur ein Stilmittel. Die Beschreibung der deutschen Indianer am Anfang des Textes sollten, meiner Meinung nach, nur "unser Verhältnis" zu den Indianern zeigen.

    Daher denke ich, dass dieser Artikel doch recht gelungen ist. Ich wusste z.B. vorher nicht, dass die Indianerreservate so abgeschottet sind und die Assimilation der Weißen doch noch nicht soweit fortgeschritten ist, wie ich vorher glaubte.

  2. ... für Autor und Redaktion kräftig fremdschämen.

    4 Leserempfehlungen
  3. Ich stimme fast allem, was Sie sagen zu. Nur der Satz "Jedenfalls konnte er so der unsinnigen deutschen Tretmühle entfliehen" erscheint mir etwas zu harmlos.

    Dass der deutsche Nationalist Karl May die Indianer in gute Apachen und böse Komantschen aufteilte, hatte sicher wenig Folgen. Seine hasserfüllte Darstellung der Armenier kurz vor dem von Deutschland wohlwollend begleitenden Völkermordes ist schwerer zu verdauen.

  4. Ich denke, dass man sich auch in Deutschland ein recht gutes Bild der "Indianer" machen kann und dass zumindest mehr - teilweise fundiertes Wissen - darüber vorhanden ist, als bei den Amerikanern von uns, den Deutschen/den Europäern hier und heute vorhanden ist.

    Und eines kann man allen Schriftstellern, die sich mit Indianern beschäftigt haben, bescheinigen: Sie haben hier bei uns eine größere Akzeptanz der "Ureinwohner" Amerikas erzeugt, als diese in ihrer Heimat je hatten und haben werden.

    Editieren
    Wir wissen, dass Indianer unterdrückt, teilweise ausgerottet (auch durch eingeschleppte Krankheiten), betrogen und "weggesperrt" wurden, zumindest im US-amerikanischen Teil des Kontinents.

    (Meine Tochter wurde übrigens in den USA allen Ernstes gefragt, ob es in Deutschland auch Autos gäbe. So viel zu den Unterschieden im Wissen über andere.)

    Zu den Recherchen Karl Mays:
    Er war wohl nicht der einzige Schriftsteller seiner Zeit, der die Schauplätze seiner Geschichten nur aus Büchern kannte!

    3 Leserempfehlungen
  5. ist ja wirklich eine Unverschämtheit, dass der Autor die Zustände so darstellt, wie sie sind. Ist ihnen das etwas zu ungemütlich? Zuviel Kasino?
    Allein die Auslassungen des "Medizinmannes" zu Evolution und "wir stammen doch nicht von Affen ab", zeigt doch ein gewisses elitäres Denken mancher Ethnien. So etwas kann man auuch bei anderen Völkern, Beispiel Maori erkennen, und ist im Endeffekt auch nichts als versteckter Rassismus.
    Längst ist doch auch bekannt, dass die Apachen vor der Besiedelung durch die Weißen nie dem Bild entsprachen, was von ihnen gezeichnet wurde. Ein mordender und plündernder Stamm, der Brandrodung etc. einsetzte. Man schmückt sich ja heute anscheinend noch damit, die Völker in den Steinhäusern eins auf die Mütze gegeben zu haben.
    Aber Hauptsache, man hat (angeblich) im Einklang mit der Natur gelebt. Das ist ja im naturromantischen Deutschland schon ausreichend, um die ein oder andere Schandtat zu legitimieren.
    Interessant übrigens, dass sich die deutsche Naturromantik, über die Beginne im 19. Jhr. und die Wandervereine der Weimarer Republik, bis zur modernen Ökobewegung und milliardenfachen Solarsubvention weiterentwickelt hat.
    Ein wunderschöner roter Faden.

    5 Leserempfehlungen
    • tages
    • 29. März 2012 12:19 Uhr

    Karl May immer wieder der Zuchthäusler, Betrüger, Hochstapler und was weiß ich noch.Alles richtig, nur das dieser Schriftsteller Millionen von Kindern verzaubert hat, Kinder die Liebe zum Buch(besonders Jungen, die ja nicht so leicht zum Buch finden) geweckt hat, dass wird immer vergessen.Ein Verdienst, das die neunmalklugen Pädagogen erstmal schaffen müssen.Solche oben genannte Artikel sind morgen vergessen, aber Winnetou lebt weiter ;-)

    6 Leserempfehlungen
    • klamah
    • 29. März 2012 12:20 Uhr
    7. [...]

    Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke. Die Redaktion/au.

  6. Wer sich ein unverklärtes Bild zu indigenen Völkern wie den Native Americans machen will, braucht nur aktuellen Publikationen der Amerikanistiken an deutschen
    Universitäten zu folgen.
    Folgender, natürlich nicht allumfassender, Bericht weist darauf hin, wie maßgeblich Indiginitätsforschung in Deutschland auch für amerikansiche Forscher ist:

    http://www.uni-mainz.de/m...

    Nur so als Hinweis! :-)

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  • Schlagworte Karl May | Ford | Indianer | China | Apache | Geronimo
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