SexualitätSo. Und nicht anders

Unsere Autorin hat ein Buch über das Begehren geschrieben. Hier erklärt sie, warum das Intimste manchmal zur öffentlichen Angelegenheit werden muss. von 

Das Begehren als Projektion, als Wunsch, als Vorstellung

Das Begehren als Projektion, als Wunsch, als Vorstellung  |  © Hanna Putz

"Ich begehre Frauen." Das wäre mein Satz. Subjekt, Prädikat, Objekt. Das ist zutreffend. In diesem Satz ist das "Begehren" etwas, das ich tue. "Ich begehre Frauen" heißt: Ich liebe mich gerne in eine Frau hinein, ich mag es, eine Frau zu erregen, sie zu berühren, sie zu riechen, zu schmecken, zu nehmen, in die Hand, in den Mund, in und mit meinem Körper.

Das ist nicht die ganze Wahrheit. Das Verlangen hat nicht nur mit mir zu tun, sondern es entsteht zu zweit, miteinander, durcheinander, ineinander. Das Begehren ist auch etwas, das mit mir geschieht, weil es mich erfasst und davonträgt. Ich mag es auch, von einer Frau erregt zu werden, mich berühren zu lassen, genommen zu werden, zu einer Frau zu kommen.

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"Ich begehre Frauen."

Von innen betrachtet stimmt das. Es sind sexuelle Praktiken, Formen des Liebens, Arten der Lust, die ich meine, wenn ich sage: Ich begehre Frauen.

Von außen betrachtet ist es weniger einfach. Von außen betrachtet bin ich homosexuell . Im öffentlichen Diskurs, wenn dieses Begehren verortet werden soll, bin ich "lesbisch", "schwul", "eine Lesbe", das ist dann schon ein Substantiv. Mal abgesehen davon, dass ich mich selbst so nie bezeichnen würde, ist, wie ich begehre, auf einmal keine Handlung mehr, lebendig, dynamisch, wandelbar. Wie ich begehre, das ist dann eine Identität.

Carolin Emcke
Carolin Emcke

seit 2007 ZEITmagazin-Autorin, vertieft dieses Thema in ihrem Buch Wie wir begehren (S. Fischer Verlag).

Die Rede von kultureller, religiöser, ethnischer, sexueller Identität ist so selbstverständlich geworden, dass sich erklären muss, wer die Gegebenheit dieser Kategorien infrage stellt, wer ihren objektiven Gehalt bezweifelt, wem diese Zuordnungen von Identität und Differenz Unbehagen bereiten. Es gilt als tolerant, in diesen Kategorien zu denken, die "Andersartigkeit" anzuerkennen, es gilt als liberal, in Talkshows auch mal einen "echten Schwulen" oder einen "authentischen Muslim" oder einen "Juden" einzuladen, auch wenn sie dann meist nur über "Al-Kaida" und "Ehrenmorde", " Israel " und "den Holocaust" oder eben "Sex" reden dürfen, als ob nicht auch ein Atheist die Position einer gläubigen Muslimin erläutern, ein nichtjüdischer Deutscher das Existenzrecht Israels verteidigen oder ein Heterosexueller das Adoptionsrecht für Homosexuelle fordern könnte. Es war ein langer, politisch wichtiger Kampf um Sichtbarkeit und Repräsentation, aber in dieser Art der Repräsentation liegt auch etwas Befremdliches.

Was heißt denn schon "echt"? Wie "echt homosexuell" bin ich? Wie "authentisch"? Kann ich auch "typischer" sein als andere? "Echter"? "Weniger homosexuell"? Woran macht sich das fest? Am Lippenstift? Am Sex? Wie ähnlich müssen sich diejenigen sein, die da als kollektive Identitäten erfasst werden? Muss ich den Eurovision Song Contest schauen und meine Wochenenden in Baumärkten verbringen? Wie "anders" als die anderen müssen wir sein? Wie altmodisch oder postmodern oder beides gleichzeitig ist, wem diese essentialistisch aufgeladenen Etiketten unheimlich sind?

Leserkommentare
  1. Und von wohltuender Klarsicht!

  2. ... großartig!

  3. Entfenrt. Wir freuen uns über Kritik, möchten Sie aber bitten diese sachlich zu formulieren und argumentativ zu begründen. Danke. Die Redaktion/sc

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    mein Kommentar war eine Äußerung.

    In der Tat finde ich Teile des Artikels regelrecht lächerlich. Wenn man die Tatsache, dass Homosexuelle sich über ihren Sex äußern sollen, durch die bloße Anwesenheit des Wortes Sex in der Bezeichung begründen möchte, dann ist das ziemlich kurz gedacht [...]. HeteroSEXuelle haben da schließlich auch keinen Vorteil.

    Als Lesbe weiß ich genau mit welchen Problem(ch)en man konfrontiert ist. Ich glaube aber nicht, dass solche Artikel unsere Position stärken oder gar zur Gleichbehandlung beitragen. Wenn man sich nicht über sein Sexleben auslassen möchte dann hat man insbesondere bei eigenen Artikel die totale Freiheit auf solche Äußerungen: "»Ich begehre Frauen« heißt: Ich liebe mich gerne in eine Frau hinein, ich mag es, eine Frau zu erregen, sie zu berühren, sie zu riechen, zu schmecken, zu nehmen, in die Hand, in den Mund, in und mit meinem Körper." zu verzichten.

    Und als kleine Randnotiz: 'Begehren' meint eher ein intensives Streben nach etwas und nicht etwa den körperlichen Vollzug.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine respektvolle Wortwahl. Die Redaktion/vn

  4. mein Kommentar war eine Äußerung.

    In der Tat finde ich Teile des Artikels regelrecht lächerlich. Wenn man die Tatsache, dass Homosexuelle sich über ihren Sex äußern sollen, durch die bloße Anwesenheit des Wortes Sex in der Bezeichung begründen möchte, dann ist das ziemlich kurz gedacht [...]. HeteroSEXuelle haben da schließlich auch keinen Vorteil.

    Als Lesbe weiß ich genau mit welchen Problem(ch)en man konfrontiert ist. Ich glaube aber nicht, dass solche Artikel unsere Position stärken oder gar zur Gleichbehandlung beitragen. Wenn man sich nicht über sein Sexleben auslassen möchte dann hat man insbesondere bei eigenen Artikel die totale Freiheit auf solche Äußerungen: "»Ich begehre Frauen« heißt: Ich liebe mich gerne in eine Frau hinein, ich mag es, eine Frau zu erregen, sie zu berühren, sie zu riechen, zu schmecken, zu nehmen, in die Hand, in den Mund, in und mit meinem Körper." zu verzichten.

    Und als kleine Randnotiz: 'Begehren' meint eher ein intensives Streben nach etwas und nicht etwa den körperlichen Vollzug.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine respektvolle Wortwahl. Die Redaktion/vn

    Antwort auf "Ärgerlich,"
  5. Der großartige Artikel, der sprachlich präzise und sprachlich, poetisch an seine Grenzen kommend - und das hat wahrscheinlich etwas mit seinem Thema zu tun; diese Äußerung nimmt es gerne in Kauf, demonstriert, dass Begehren und Sprache einander niie kongruent werden abbilden können, macht aber einen Versuch, die gängigen Beschreibensschablonen zu durchbrechen; dieser scheinbaren Polarität Homo- Heterosexualität etwas entgegenzusetzen.

    Warum merken heterosexuelle Menschen nicht, dass auch sie eingeschränkt werden von den unterliegenden Erwartungen an ihre Beziehungen? warum so wenig Auseinandersetzing mit der heterosexuellen Repräsentation von Liebe, Sex?

    Warum überall David Beckhams Gemächt in XXL?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wo soll das denn sein? Soweit ich weiß, trägt er Unterhosen und wirbt dafür. Und soweit ich von einem schwulen Freund hörte, sind die Bilder von Beckhams Körper bei schwulen Menschen nicht gerade ungern gesehen.

    Das scheint mir also kein heterosexuelles Problemfeld zu sein genauso wenig wie die Brüste irgendwelcher Victorias Secret-Modells oder H&M-Wäsche-Werbund an der Bushalte, die soweit ich weiß nicht sagt: 'hallo Heterosexuelle, kauft Wäsche'

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