SexualitätSo. Und nicht anders
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Homosexuelle gelten schon durch die Bezeichnung als Experten für Sex

Dieses Unbehagen hat nichts mit Scham zu tun. Ich schäme mich nicht dafür, dass ich eine Freundin habe, dass ich liebe, wie ich liebe, und begehre, wie ich begehre. Es bereitet mir Lust und macht mich glücklich, wie ich nie geglaubt hätte, dass ich es sein könnte. Ich möchte nicht anders lieben oder geliebt werden als so. Mir ist es gleich, warum das so ist und ob mein Begehren angeboren ist, genetisch codiert, oder ob es sich entwickelt hat. Es mag in mir angelegt gewesen sein, aber ich habe mich auch dafür entschieden, diese Lust und diese Liebe zu leben. Ich bin darauf nicht stolz, ich schäme mich nicht dafür. Ich freue mich einfach daran und bin dankbar für dieses Glück wie für ein unverhofftes Geschenk.

Doch es gibt etwas seltsam Unangemessenes an den Etiketten und Zuordnungen, die die Arten zu lieben einteilen in Sorten, wie Tafeln Schokolade, quadratisch, praktisch, gut, als sei damit etwas geklärt, als sei das abweichende Leben und Lieben damit erfasst, als würden damit nicht Grenzen gezogen zwischen dem angeblich »richtigen« und dem »falschen« Lieben und Verlangen.

Dabei ist meine Lust zunächst vor allem meine Lust. Wie ich liebe, mit wem ich schlafe, wie ich mich in einen Körper hineinliebe, das ist intim, das ist privat; wie wir uns begehren, wild, zart, radikal, langsam, atemlos, das gehört zunächst einmal mir, uns, und niemandem sonst. Mein Begehren ist so privat und intim wie für viele religiöse Menschen der Glaube. Und sowenig sich mit den Labels »Katholik«, »Muslim« oder »Jude« das vielfältige und reiche Spektrum der Frömmigkeit erfassen lässt, so grob und indiskret die Fragen und Unterstellungen bei Muslimen sind, woran sie glauben, wie sie leben, wie eindeutig ihre Zugehörigkeit ist, so grob und indiskret scheinen mir oft die Fragen und Unterstellungen an »Homosexuelle«.

Was es für jemanden heißt, »Jude zu sein«, was »das Jüdische« im eigenen Leben ausmacht, worauf es sich bezieht: die schmerzreiche Geschichte aus Tod und Vertreibung, die segensreiche Geschichte aus Glaube und Tradition, die gebrochene Geschichte aus Zweifel und Rebellion gegen die Praktiken und Lebensformen der Vorväter, die Liebe zur Mutter, die Ablehnung des Vaters, all das ist oftmals fragiler und intimer, als es der öffentliche Diskurs nahelegt.

Und so ist das, was es für jemanden heißt, »queer«, »schwul«, »lesbisch« oder »bisexuell« zu sein, fragiler und intimer. Und so variantenreich kann sein, worauf sich der Begriff bezieht: die Liebe zu einem Menschen oder zu einem Körper, obsessives Verlangen, monogam oder promisk, eine einzelne Beziehung in einer gemeinsamen Wohnung oder anonymer Sex in »Darkrooms« oder beides, das Leben mit Kindern oder ohne. Ob es ein Leben in einem bürgerlichen Milieu bedeutet oder ob es ebendieses Milieu unterwandern will, ob diese Art zu lieben überhaupt das Leben und den Freundeskreis bestimmen soll oder nicht, all das ist offener und individueller, als die machtvollen Zuschreibungen es vorsehen.

Weil »Homosexuelle« das Wort »Sex« schon im Namen führen, gelten wir automatisch als Experten für Sex. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt: nicht nur, dass ich über meine Sexualität ausgefragt werde, sondern auch, dass ich mir Fragen und Erzählungen anderer über ihre Sexualität anhören darf. Das fällt mir nicht schwer, das hat auch etwas sehr Schönes, birgt aber eine gewisse Ironie. Wenn einerseits die Sexualität ein so entscheidendes Merkmal der Andersartigkeit sein soll, dass wir in Deutschland immer noch nicht heiraten dürfen wie Heterosexuelle, dass wir immer noch keine fremden Kinder adoptieren dürfen, dass die Ehe immer noch als heilig gilt, von den brutalen Formen der Kriminalisierung und Misshandlung in Ländern wie Uganda, Saudi-Arabien oder dem Iran mal abgesehen, wieso soll dann meine angeblich moralisch fragwürdige, kategorial andere Expertise so vielen Heterosexuellen nützlich sein?

Nicht minder eigenwillig sind die Gespräche, in die ich verwickelt werde, wenn ich von Fremden oder flüchtigen Bekannten über mein Begehren ausgefragt werde. »Wie geht das?« ist einer der Klassiker, der, auf mein begriffsstutziges Staunen hin, schließlich erweitert wird zu: »Wie geht das? So ganz ohne Schwanz?« Das ist noch vergleichsweise einfach zu beantworten. Wer nur lange genug mit schamlosen Fragen konfrontiert wird, verliert irgendwann auch die Scham, sie zu beantworten.

Leserkommentare
  1. Und von wohltuender Klarsicht!

    6 Leserempfehlungen
  2. ... großartig!

    7 Leserempfehlungen
  3. Entfenrt. Wir freuen uns über Kritik, möchten Sie aber bitten diese sachlich zu formulieren und argumentativ zu begründen. Danke. Die Redaktion/sc

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    mein Kommentar war eine Äußerung.

    In der Tat finde ich Teile des Artikels regelrecht lächerlich. Wenn man die Tatsache, dass Homosexuelle sich über ihren Sex äußern sollen, durch die bloße Anwesenheit des Wortes Sex in der Bezeichung begründen möchte, dann ist das ziemlich kurz gedacht [...]. HeteroSEXuelle haben da schließlich auch keinen Vorteil.

    Als Lesbe weiß ich genau mit welchen Problem(ch)en man konfrontiert ist. Ich glaube aber nicht, dass solche Artikel unsere Position stärken oder gar zur Gleichbehandlung beitragen. Wenn man sich nicht über sein Sexleben auslassen möchte dann hat man insbesondere bei eigenen Artikel die totale Freiheit auf solche Äußerungen: "»Ich begehre Frauen« heißt: Ich liebe mich gerne in eine Frau hinein, ich mag es, eine Frau zu erregen, sie zu berühren, sie zu riechen, zu schmecken, zu nehmen, in die Hand, in den Mund, in und mit meinem Körper." zu verzichten.

    Und als kleine Randnotiz: 'Begehren' meint eher ein intensives Streben nach etwas und nicht etwa den körperlichen Vollzug.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine respektvolle Wortwahl. Die Redaktion/vn

    mein Kommentar war eine Äußerung.

    In der Tat finde ich Teile des Artikels regelrecht lächerlich. Wenn man die Tatsache, dass Homosexuelle sich über ihren Sex äußern sollen, durch die bloße Anwesenheit des Wortes Sex in der Bezeichung begründen möchte, dann ist das ziemlich kurz gedacht [...]. HeteroSEXuelle haben da schließlich auch keinen Vorteil.

    Als Lesbe weiß ich genau mit welchen Problem(ch)en man konfrontiert ist. Ich glaube aber nicht, dass solche Artikel unsere Position stärken oder gar zur Gleichbehandlung beitragen. Wenn man sich nicht über sein Sexleben auslassen möchte dann hat man insbesondere bei eigenen Artikel die totale Freiheit auf solche Äußerungen: "»Ich begehre Frauen« heißt: Ich liebe mich gerne in eine Frau hinein, ich mag es, eine Frau zu erregen, sie zu berühren, sie zu riechen, zu schmecken, zu nehmen, in die Hand, in den Mund, in und mit meinem Körper." zu verzichten.

    Und als kleine Randnotiz: 'Begehren' meint eher ein intensives Streben nach etwas und nicht etwa den körperlichen Vollzug.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine respektvolle Wortwahl. Die Redaktion/vn

  4. mein Kommentar war eine Äußerung.

    In der Tat finde ich Teile des Artikels regelrecht lächerlich. Wenn man die Tatsache, dass Homosexuelle sich über ihren Sex äußern sollen, durch die bloße Anwesenheit des Wortes Sex in der Bezeichung begründen möchte, dann ist das ziemlich kurz gedacht [...]. HeteroSEXuelle haben da schließlich auch keinen Vorteil.

    Als Lesbe weiß ich genau mit welchen Problem(ch)en man konfrontiert ist. Ich glaube aber nicht, dass solche Artikel unsere Position stärken oder gar zur Gleichbehandlung beitragen. Wenn man sich nicht über sein Sexleben auslassen möchte dann hat man insbesondere bei eigenen Artikel die totale Freiheit auf solche Äußerungen: "»Ich begehre Frauen« heißt: Ich liebe mich gerne in eine Frau hinein, ich mag es, eine Frau zu erregen, sie zu berühren, sie zu riechen, zu schmecken, zu nehmen, in die Hand, in den Mund, in und mit meinem Körper." zu verzichten.

    Und als kleine Randnotiz: 'Begehren' meint eher ein intensives Streben nach etwas und nicht etwa den körperlichen Vollzug.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine respektvolle Wortwahl. Die Redaktion/vn

    10 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ärgerlich,"
  5. Der großartige Artikel, der sprachlich präzise und sprachlich, poetisch an seine Grenzen kommend - und das hat wahrscheinlich etwas mit seinem Thema zu tun; diese Äußerung nimmt es gerne in Kauf, demonstriert, dass Begehren und Sprache einander niie kongruent werden abbilden können, macht aber einen Versuch, die gängigen Beschreibensschablonen zu durchbrechen; dieser scheinbaren Polarität Homo- Heterosexualität etwas entgegenzusetzen.

    Warum merken heterosexuelle Menschen nicht, dass auch sie eingeschränkt werden von den unterliegenden Erwartungen an ihre Beziehungen? warum so wenig Auseinandersetzing mit der heterosexuellen Repräsentation von Liebe, Sex?

    Warum überall David Beckhams Gemächt in XXL?

    2 Leserempfehlungen
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    Wo soll das denn sein? Soweit ich weiß, trägt er Unterhosen und wirbt dafür. Und soweit ich von einem schwulen Freund hörte, sind die Bilder von Beckhams Körper bei schwulen Menschen nicht gerade ungern gesehen.

    Das scheint mir also kein heterosexuelles Problemfeld zu sein genauso wenig wie die Brüste irgendwelcher Victorias Secret-Modells oder H&M-Wäsche-Werbund an der Bushalte, die soweit ich weiß nicht sagt: 'hallo Heterosexuelle, kauft Wäsche'

    Wo soll das denn sein? Soweit ich weiß, trägt er Unterhosen und wirbt dafür. Und soweit ich von einem schwulen Freund hörte, sind die Bilder von Beckhams Körper bei schwulen Menschen nicht gerade ungern gesehen.

    Das scheint mir also kein heterosexuelles Problemfeld zu sein genauso wenig wie die Brüste irgendwelcher Victorias Secret-Modells oder H&M-Wäsche-Werbund an der Bushalte, die soweit ich weiß nicht sagt: 'hallo Heterosexuelle, kauft Wäsche'

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