Der neue Film des ungarischen Regisseurs Béla Tarr hat die klare Absicht, den Zuschauer zu misshandeln und seinen Widerstand zu brechen. Der Zuschauer soll sich ergeben, er soll das Kino mit erhobenen Händen verlassen und die wenigen Tage, die er noch zu leben hat, in Demut und Bescheidenheit verbringen. Vielleicht soll der Zuschauer auch darum beten, dass er sterben möge, bevor der Weltuntergang ihn hinwegfegt. Denn der Untergang hat längst begonnen. Schon läuft die Zeit nicht mehr nach vorn, sie läuft aus der Zukunft, die es nicht mehr gibt, zurück in den Anfang, ins Nichts.

Das Turiner Pferd heißt Béla Tarrs Werk, und seine Geschichte ist schnell erzählt – es gibt gar keine. Zweieinhalb Stunden dauert der Schwarz-Weiß-Film, und er besteht aus gut zwei Dutzend Einstellungen, mehr sind es nicht. Darin sieht man einen Kutscher mit Namen Ohlsdorfer, der mit seiner Tochter in einer gottverlassenen Kate lebt, irgendwann Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Zunächst sieht der Zuschauer, wie Ohlsdorfer (János Derzsi) und sein Pferd sich bei Wind und Wetter nach Hause quälen. Weil sein Arm gelähmt ist, muss die Tochter (Erika Bók) ihm beim Auskleiden helfen. Dann essen sie jeder eine heiße Kartoffel, der Vater verbrennt sich die Finger, beide gehen zu Bett. Das war der erste Tag. Dann kommt der zweite Tag. Die Tochter steht auf, der Kutscher steht auf, die Tochter geht zum Brunnen , der Kutscher spannt das Pferd an, das Pferd rührt sich nicht. Ohlsdorfer schlägt es, seine Tochter fällt ihm in den Arm, sie essen eine heiße Kartoffel, der Kutscher verbrennt sich die Finger. Das war der zweite Tag. Der Sturm wird stärker, und ein Ziegel fällt vom Dach. Und dann kommt der dritte Tag. Der Kutscher steht auf, die Tochter geht zum Brunnen… Nach sechs Tagen ist der Film zu Ende, aber es kommt noch ein siebter. Über ihn sollte man schweigen. Er ist das Ende des Films, das Ende der Geschichte und das Ende von allem. Der siebte Tag ist schwarz. Es ist die Nacht der Welt. Sie ist gerade untergangen, es gibt sie nicht mehr. Vielleicht aber ist nur die Öllampe verloschen.

Einen "Ästheten der Langsamkeit" nennt man Béla Tarr, aber Das Turiner Pferd ist viel schlimmer: Der Film dehnt die Zeit nicht, er lässt sie krepieren, er macht sie kalt. Die erzählte Zeit sackt in sich zusammen und schleppt sich mit letzter Kraft zurück zum Anfang. Zunächst steckt noch Bewegung im Film, ein kläglicher Funken Leben; am Schluss herrschen Starre und Tod. Am Anfang ist Licht, am Ende die Nacht. Dazwischen sieht man zwei Menschen, die nicht miteinander sprechen, die auf trübe Weise mit sich selbst identisch sind und die leben, weil sie nicht tot sind. Ihr Dasein ist Vollzug und Verrichtung. "Fertig", sagt die Tochter in einem Anfall von Redseligkeit, wenn sie die Schale mit den beiden Kartoffeln auf den Tisch stellt. "Fertig." Und wenn sie ihren Vater beim Ankleiden warten lässt, knurrt dieser wie ein Hund. Warum sollte er reden? Auch die Sprache ist tot, sie erschließt den Sinn der Welt nicht mehr, und deshalb schweigt die Welt zurück. Plötzlich, wundert sich der Vater, "schweigen die Holzwürmer". 58 Jahre lang habe er sie gehört, Nacht für Nacht, und nun seien sie verstummt. Und dann hört auch das Pferd auf zu fressen, später versiegt der Brunnen. Die Menschen haben jetzt nur noch den Schnaps, bis auch der zur Neige geht.

Wer von der Schnitttechnik Hollywoods visuell erzogen wurde, für den sind die Filme Béla Tarrs ein Schock, ein schwarz drohendes Monument und die radikalste Antithese zu cineatischen Üblichkeiten. Das gängige Sinnstiftungskino quillt über von Erklärungen, es bietet Trost und Therapie in Hülle und Fülle. Bei Béla Tarr ist es genau andersherum. Alles wird grauer, düsterer und aussichtsloser. Das Einzige, was sich bei ihm reichlich vermehrt, ist die Sinnlosigkeit, sie ist wahrhaft verschwenderisch und freigiebig bis zum Exzess. Natürlich könnte man dem Elend entrinnen, all dem Verlöschen und Verschwinden, und Vater und Tochter versuchen es auch. Sie packen ihre Habseligkeiten zusammen, etwas Nähzeug, die Sonntagsschuhe, ein Wams und eine Fotografie, nicht zu vergessen einen Sack Kartoffeln. Sie laden alles auf den Handkarren und binden das Pferd hintendran. Keuchend stapft der Tross einen Hügel hinauf und verschwindet langsam, nein: sehr langsam in der Ferne. Zuletzt sieht man das Pferd, dann sieht man es kaum noch, dann verschwinden auch die beiden aufgestellten Ohren. Die Kamera (Fred Kelemen) starrt einfach weiter auf den tristen Fleck am Himmel, das Loch in der Landschaft, das den Karren verschluckt hat. Es ist immer noch Sturm, nichts geschieht. Dann sieht man zwei Ohren, die Ohren des Pferdes. Die Flüchtlinge kehren zurück, und alles beginnt von vorn.

Das Turiner Pferd ist, wie Lars von Triers Melancholia, ein Weltuntergangs-Film, ein Nachruf auf die Zivilisation. Die Schöpfungsgeschichte, das ist seine Idee, läuft rückwärts in sich zurück, ein Tag nach dem anderen. Aus Licht wird Finsternis, aus Sprache Schweigen, aus dem Etwas ein Nichts. Doch gerade weil der Film so hermetisch ist, weist er Deutungen nicht ab, sondern saugt sie auf wie ein Schwamm. Welche Katastrophe ist geschehen? Warum ist die Geschichte versteinert? Warum geht die Welt unter?