Die Frauenquote ist wünschenswert, und sie ist überfällig. Das erklärt aber noch lange nicht die Befindlichkeitsdebatten, mit denen man derzeit auf allen Kanälen, in allen Zeitungen und im Netz behelligt wird. Jener ungeheuren Überdeterminierung des Geschlechts, jenem Dauergerede über das Selbstverständnis von Männern und Frauen (Wie fühlt es sich denn an? Sollen Männer mehr oder weniger weinen? Denken Frauen anders?), jener heiligen Beschwörung der Emanzipation , als befände man sich wieder in einer jener verstaubten WG-Küchen der achtziger Jahre. Vieles spricht im Gegenteil dafür, dass ausgerechnet das zwischenzeitliche Abebben der Geschlechterbefindlichkeitsdiskussionen in den letzten zwanzig Jahren den Weg für pragmatische Lösungen frei gemacht hat, die man heute allerorts begrüßt: Es gibt Gleichstellungsbeauftragte, eingetragene Lebenspartnerschaften, es wird Quoten geben. Es hat sich ausgequatscht, es wurde gehandelt.

Jeder Humanbiologe kann einem schlüssig darlegen, dass es zwar körperliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, die auch ihr Alltagsverhalten beeinflussen, dass aber die charakterlichen Unterschiede zwischen einzelnen Individuen, wenn man vom Geschlecht absieht, noch immer weitaus größer sein können als die zwischen Mann und Frau. Den weinerlichen Mann gibt es heute im Alltag genauso wie die nicht nur im Berufsleben über Leichen gehende weibliche Führungskraft, den verzärtelten Bartträger in Berlin-Mitte genauso wie die kommunikationsgestörte, empathielose Mutter. Die Kleidungsstile, was oft beobachtet, gefeiert und beklagt wurde, haben sich schleichend angeglichen wie auch die Frisuren, wie das Trink- und Flirtverhalten, wie auch die Herren- und Damendüfte. Man könnte auf den ketzerischen Gedanken verfallen, dass das Herbeireden geschlechtlicher Eigenarten ein homophober und damit politisch ganz und gar unkorrekter Akt ist. Wer sich uns phänotypisch angleicht, dem unterstellen wir mit Verve eine heimtückisch verborgene Andersartigkeit.

Wer Frau sagt, meint einen neuen Menschen

Dass die Unterschiede der Geschlechter derzeit grell überzeichnet werden, dass das eigene Geschlecht sowohl von Männern als auch von Frauen als mangelbehaftet, als verkannt wahrgenommen wird, hängt aber am Ende, so paradox es klingt, womöglich gar nicht am Geschlecht. Henning Ritter hat in seinen Notizheften vor Kurzem die feine Beobachtung gemacht, dass zwar Selbstverwirklichung hoch im Kurs stehe, sie aber nichts mehr mit Emanzipation gemein habe. Die 68er waren noch vom berechtigten Drang beseelt, sich von allerlei emanzipieren zu müssen, von der Elterngeneration, dem Pressemonopol, dem Patriarchat. Bei allem revolutionären Pathos mündete der Protest bald in subkulturelle Nischen oder allerlei Karrieren, die aber häufig längst aufgrund mannigfaltiger Abhängigkeiten, komplizierter Arbeitsabläufe, durchstrukturierter Funktionen nicht unbedingt als Freiheitszugewinn im Leben wahrgenommen werden, sondern häufig als Zwang, bestenfalls: als Pflichterfüllung.

Das Geschlecht erscheint heute als letzte Bastion, die noch irgendwie geschleift werden müsste. Es wird umso wütender als Kategorie eingeklagt, je mehr man im Stillen ahnt, dass die Befreiung in nichts anderes als in berufliche Selbstverwirklichung und den damit einhergehenden Zurichtungen mündet. Indem man das Geschlecht überdeterminiert, vernebelt man den Freiheitsmangel einer Gesellschaft insgesamt. Um es marxistisch zu pointieren: Die Beschwörung des Geschlechts lenkt nur vom Unbehagen an den Produktionsverhältnissen ab. Das Selbstverwirklichte ist heute das Unfreie. Wer das Geschlecht mit einem trügerischen Freiheitsversprechen befrachtet, spricht doch nur wie ein Unternehmensberater: Er setzt auf Männer und Frauen, die über Kommunikations-, Kooperations- und Empathiefähigkeit verfügen, den Schmierstoffen des allerneuesten Kapitalismus. Wer von Frauen spricht, spricht in Wahrheit von keinem Geschlecht, sondern vom neuen Menschen. Der aber ist ein Angestellter, der von einer Bürokarriere träumt, nicht von Emanzipation.