Bahnreisen: Vierzig Jahre Flatrate
Interrail hat Generationen junger Reisender einen neuen Blick auf die Welt eröffnet. Heute Paris, morgen Venedig, dazwischen eine Nacht auf dem Gang: Das freie Navigieren im Schienennetz nahm den Geist des Internets vorweg

Griechenland 1988: Interrailer auf dem Weg nach Olympia drängen sich im Gepäckwagen eines überfüllten Zugs.
Ein grenzübergreifendes Netzwerk, in dem prinzipiell jeder Knoten mit jedem anderen verbunden ist, das Wort fängt mit »Inter« an... Nein, ausnahmsweise ist nicht vom Internet die Rede, sondern von Interrail. Aus gegebenem Anlass: In diesen Tagen wird das beständigste und bekannteste Sonderangebot der Bahn 40 Jahre alt. Als Geburtstagsgeschenk ist es entstanden: Der Internationale Eisenbahnverband feierte 1972 sein 50-jähriges Bestehen mit dem Ticket, das Jugendlichen bis 21 Jahre für einen Monat beliebig viele Fahrten in 21 europäischen Ländern erlaubte. Dass der Werbegag zum Dauerbrenner würde, erwartete damals niemand, die Aktion hätte noch im selben Jahr auslaufen sollen. Inzwischen sind mehr als acht Millionen Menschen per Interrail quer durch Europa, in die Türkei und nach Marokko gereist – und längst nicht nur Jugendliche, denn es gibt Interrail-Pässe mittlerweile für alle Altersklassen.
Interrail und Internet, das ist nicht nur der Fast-Gleichklang zweier Begriffe. Interrail war seiner Zeit um ein Vierteljahrhundert voraus. Es erfand das Reisen neu, als Vorläufer und im Geist des World Wide Web. Interrail-Touren führten nicht mehr, wie alle bisherigen Fahrten, von einem Ausgangspunkt zu einem Ziel. Jeder Halt war nur Zwischenstation: Von Amsterdam ging es über Paris nach Rom, weiter nach Venedig und Nizza, Barcelona, Madrid, Lissabon... Sehr kurze Aufenthalte hier und dort, ansonsten ein ständiges Dahingleiten in einem scheinbar grenzenlosen Raum. Alles war zugänglich, nicht ganz so mühelos wie später im Web, aber ebenfalls mit Flatrate. 235 Deutsche Mark kostete das Ticket 1972; heute sind es (wenn man unter 26 ist) 422 Euro für einen Monat und 30 Länder.
In den Zeiten vor Interrail waren Reisen ein umgrenztes Projekt. Man fuhr nach Andalusien oder Kreta oder in die USA. Immer gab es klar definierte Ziele, immer standen die besuchten Orte in einem Zusammenhang. Interrail löst diese Zusammenhänge auf. Die Routen haben keine innere Struktur, sie folgen allenfalls dem Verlauf der internationalen Bahnlinien. Zu den älteren Reiseformen steht Interrail im gleichen Verhältnis wie das Internet zum Buch. Mit dem paneuropäischen Billett konnte man, wie später im Netz, von jedem Punkt zu jedem anderen springen. Hier ging es nicht mehr, wie bei den linearen Diskursen von Bildungsreise und Buch, Schritt für Schritt oder Seite für Seite voran. Heute hat die Billigfliegerei das Zappen, Klicken und Hüpfen als touristische Bewegungsformen perfektioniert. Doch die Idee wurde, wenn auch noch unvollkommen, erstmals mit Interrail verwirklicht.
Das ist ein verblüffender Befund. Er deutet darauf hin, dass diese Art, Eindrücke aufzunehmen, nicht erst mit der Technologie des World Wide Web aufkam. Das Internet entspricht offenbar Mentalitätsverschiebungen, die sich schon vorher entwickelt haben. »Die Technologie determiniert die Gesellschaft nicht, sie verkörpert sie«, schreibt in diesem Sinn der spanische Soziologe Manuel Castells in seinem grundlegenden Text über die »Netzwerkgesellschaft«.
Die wichtigste Adresse war immer der Bahnhof
Noch in einer anderen Hinsicht war Interrail seiner Zeit voraus. Es nahm die »Hybridisierung« der Reiseformen vorweg, die sich erst Jahrzehnte später in weiten Bereichen des Tourismus durchsetzte. Heute ist es selbstverständlich, dass man nach Barcelona nicht nur wegen Gaudí und Miró fährt, sondern ebenso zum Einkaufen und Essen. Reine Kunstreisen werden nicht einmal mehr von Spezialveranstaltern angeboten, auch Studienreisen werben mit dem Erlebnis von »Land und Leuten«. Diese Entwicklung lässt sich deutlich am Gebrauch von Reiseführern ablesen. In den siebziger Jahren waren noch Massen von Touristen mit DuMont-Kunstreiseführern, dem Artemis-Cicerone und Reclams Kunstbüchern unterwegs. Da war viel von Gurtbögen, Quertonnen und Risaliten die Rede und sehr wenig von kulinarischen Spezialitäten. Heute findet man in jedem Reisebuch neben den Sehenswürdigkeiten auch Restaurants und Hotels, Feste und Geschäfte.
Ein ähnliches Gemisch boten die Guidebooks der Interrailer schon vor 30 Jahren. Ob es sich nun um Budapest, Narvik oder Bordeaux handelte: Die wichtigste Adresse war immer der Bahnhof, dann kamen Billigunterkünfte, Billiglokale, Läden und Parks, Attraktionen und Treffpunkte, Märkte und Diskotheken. Der Flohmarkt war diesen Büchern und ihren Nutzern so viel wert wie das Forum Romanum; die traditionelle kulturelle Hierarchie verlor ihre Bedeutung. Diese Art des Reisens hat sich inzwischen auf breiter Basis durchgesetzt. Die Interrailer waren seine Pioniere.
Wie im Internet die Informationen, so scheinen mit dem Interrail-Ticket die Orte uneingeschränkt verfügbar. Doch es gibt einen folgenreichen Unterschied: Im virtuellen Raum des Web reisen Ideen und Informationen, in der Bahn reisen Körper. Diese Körper frieren und schwitzen, sie ermüden, sie haben Hunger und Durst. Das Billett garantiert die stete Bewegung, um den Rest müssen die Reisenden sich selbst kümmern. Und dieser Rest hat es in sich. Die Reisekasse ist knapp bei den Schülern und Studenten, die den Großteil der Interrailer bilden, schon das Übernachten schafft für viele ein Problem. »Wo kann man möglichst sicher, billig und trocken schlafen?« war vor allem in der Frühzeit des Interrail die wichtigste Frage. Es gab viele Lösungen, die wenigsten davon waren komfortabel. Ganze Nächte wurden in überfüllten Zügen verbracht, zusammengekauert auf der Gepäckablage oder im Schlafsack auf dem Gang. Man schlief in Bahnhofshallen, auf Parkbänken, am Strand, oft bedrängt von Herumtreibern oder Polizisten.






habe ich seinerzeit auch gemacht. Nur scheint auch dieses Angebot nicht vor eklatanten Preioserhöhungen, wie bei der Bahn üblich seit Teilprivatisierung, zurückzuschrecken. Ziemlich schade.
Der Preis ist schon knackig, man muss sich gut überlegen, was man will.. Wenn man nicht jeden zweiten Tag unterwegs ist, brauchts keinen GlobalPass, der jeden Tag gilt, sondern es reicht ein 10 in 22 Ticket.. Oder ein RegionalPass, wo einzelne Regionen oder Länder bereist werden. Ich war im Herbst Railen, von Wien aus einmal westlich um Deutschland herum. Eine großartige Erfahrung, die kombiniert mit CouchSurfing, einen spannden Einblick gibt in das Leben unserer europäischer Nachbarn abseits vom klassischen Sightseeing.
es war 1978, schule beendet und gaaanz viel zeit.
von hier nonstop nach rom, 5 grossartige tage, weiter nach neapel... der golf. auf der fahrt von neapel nach bari verliebte ich mich hoffnungslos in einen mitreisenden italiener. das einzige was von ihm blieb, waren ein paar weisse schuhe, ähnlich denen die er trug....
bari - patras mit der fähre, der peleponnes. die hippies in kalamata... athen... thessaloniki... der athos.
bis dahin waren die bahnreisen immer sehr entspannt, wir lernten tolle menschen und jede menge gastfreundschaft kennen und schätzen. die fast 3-tägige rückreise durch das damalige jugoslawien bis münchen war mir dann aber doch für alle zeiten genug interrail.
trotzdem, diese 4 wochen möchte ich in meinem leben nicht missen.
1980, ich war 16. Mit 3 Kumpels nach Lloret de Mar, lol. Da wurde es uns schnell zu blöd. Ja, wir waren auch für kulturelle Dinge empfänglich, also weiter nach Süden, Andalusien. Cordoba, Granada, Jerez, Gibraltar. Danach ritt uns der Teufel und wir sind weiter und haben rübergemacht nach Marokko. Tanger, Fez, Casablanca. Am Schluss dann die unendlich lange Rückreise nach Deutschland. Meine Mutter wollte mir danach erstmal den A*sch versohlen. Ich hatte ihr ja auch Postkarten von der Reise geschickt. Das Jahr darauf sind wir nochmal los. Dann über Jugoslawien und Griechenland in die Türkei. Bis zum Ararat sind wir gekommen. Und die Rückreise nach Deutschland...lol
"Das Internet entspricht offenbar Mentalitätsverschiebungen, die sich schon vorher entwickelt haben."
Diese Aussage ist hier so nicht haltbar, da der Vorläufer des Internets, das ARPANET, bereits 1969 realisiert (und übrigens schon 1962 erdacht) wurde und damit mindestens drei Jahre früher als die Interrail Idee.
ich bin 1991-1993 mit Interrail immer nach I/F/E/PL und zurück, 2x alleine, einmal mit einem Kumpel. Ich fand es cool, am Bahnhof rummzugammeln und auf den nächsten Zug zu warten. Habe auch viele interessante Leute kennengelernt. Die Zeit möchte ich nicht missen.
...würde nicht ein Wermutstropfen eingebaut. Im Heimatland des Reisenden gilt das Interrailticket nämlich mitnichten, was bei einer Reise, wie zB in meinem Fall von Frankfurt gen Osten (und auf dem Rückweg natürlich ebenfalls), dann noch einmal mit 80-100 Euro zu Buche schlägt. Generell eine astreine Sache, dieses Interrail. Aber es bringt mich nicht dazu, die Deutsche Bahn zu loben. Soweit kommt's noch.
1997 waren wir eine Gruppe von Interrailern gen Westen. Frankreich, Spanien, Portugal, Marokko (als einer der wenigen, die sich trauten) und zurück. Natürlich mit einem kleinen Abstecher nach Amsterdam. Viele haben dieselben Strecken benützt, allein deswegen ist man immer und überall anderen "individuellen" Rucksacktouristen begegnet (Hallo, sprecht ihr auch deutsch?). Wir haben dann versucht den ganzen Strom ein bißchen aus dem Weg zu gehen, was uns auch meistens gelungen ist. Ich werde nie Marrakesch, Lisabon, Barcelona, die Loire oder Cerbere vergessen. Ich kann jedem nur empfehlen einmal so eine Reise zu unternehmen. Der Preis ist sensationell billig und im Vergleich zum Fliegen, bekommt man ein Gefühl für Distanzen und sieht noch etwas vom der Landschaft. Den Trend das auch ältere Leute Interrail entdecken, kann ich nur bestätigen. Auch ich plane mit meinen 38 Jahren für dieses Jahr eine Interrailreise. Diesmal in die andere Richtung über Budapest, Transylvannien, schwarzes Meer, Istanbul und Athen zurück nach Hause über Italien. Diesmal individuell aber mit Kohle. Ohne Rucksack, dafür mit Rollkoffer und Hotelübernachtungen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren