DIE ZEIT: Mr. Clarke , Sie waren unter Margaret Thatcher Minister. Haben Sie Ihre frühere Chefin in dem Film Die Eiserne Lady wiedererkannt?

Kenneth Clarke: Ich hatte erst Bedenken, mir diesen Film anzuschauen. Aber er ist großartig, wenn auch nicht besonders politisch. Meryl Streep hat den Stil und die Stimme von Margaret Thatcher brillant hinbekommen. Allerdings hat Margaret nie getobt.

ZEIT: Wieso hatten Sie Bedenken?

Clarke: In England haben die Leute eine Art Zerrbild der Thatcher-Ära vor Augen. Keine Regierung ist so umstritten. Keine Nachkriegsregierung hat das Land so verändert.

ZEIT: Wenn Sie sich Großbritannien heute ansehen, wie viel ist ihrem Einfluss geschuldet?

Clarke: Als Margaret Thatcher Ende 1979 an die Macht kam, war das Land komplett in der Hand selbstsüchtiger Gewerkschaften: Der Müll türmte sich auf den Straßen, es gab eine Menge Gewalt. Wir haben England von einer industriellen Lachnummer in eine moderne Wirtschaft verwandelt. Ich bin stolz, in ihrer Regierung gewesen zu sein.

ZEIT: Viele Leute würden sagen, der Thatcherismus hat die sozialen Spannungen verschärft.

Clarke: Wir mussten den Widerstand gegen Veränderungen brechen, um den Menschen eine Chance für Aufstieg zu geben.

ZEIT: Hängt die aktuelle Krise nicht mit der Deregulierung zusammen, für die Thatcher stand?

Clarke: Die Gründe dafür sind das Versagen der Regulierer, der Gier der Banker und die Selbstgefälligkeit der Politiker. Tony Blairs Labour-Regierung teilte die allgemeine Ansicht, dass Banker Helden seien. Die Frage, die uns heute Sorgen bereitet, ist: Wie können wir den modernen Kapitalismus fairer gestalten? Wir haben ein riesiges Gefälle zwischen dem Einkommen der Topmanager und dem der normalen Arbeitnehmer, vor allem in den USA und Großbritannien.

ZEIT: Hier in Deutschland haben viele das Gefühl, dass die Briten gar nichts regulieren wollen. Sie wollen um jeden Preis die City von London schützen . Selbst um den Preis europäischer Geschlossenheit.

Clarke: Das ist ein Missverständnis. Wir unterstützen den Fiskalpakt grundsätzlich, auch wenn wir ihm nicht beigetreten sind. Uns ist wichtig, unseren Finanzsektor zu schützen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Eine der Richtlinien sieht vor, dass Finanzpapiere, die in Euro ausgegeben werden, nur in Frankfurt und Paris gehandelt werden dürfen. Wir können nicht zulassen, dass Finanzdienstleistungen von den protektionistischen Franzosen und Deutschen eingeschränkt werden. Wichtig wäre, dass die deutschen und französischen Banken schneller rekapitalisiert werden. Die Vorstellung, dass Kontinentaleuropa Banken strenger behandelt als Großbritannien, ist falsch.