Wer sich mit der Finanzkrise beschäftigt und nach Alternativen zum bestehenden Geldsystem fragt, stößt früher oder später auf die Theorie der Freiwirtschaft: eine ungewöhnliche Lehre, die eine »Marktwirtschaft ohne Kapitalismus« einführen will. Entwickelt hat sie der deutsche Ökonom Silvio Gesell. Wir fragten den Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Werner Onken, Chefredakteur der »Zeitschrift für Sozialökonomie« und Herausgeber der Werke Gesells, nach der Person und den Konzepten dieses erstaunlichen Mannes, der am 17. März vor 150 Jahren geboren wurde.

DIE ZEIT: Herr Onken, Silvio Gesell war kein bloßer Theoretiker, er kannte die Praxis. Hatte er überhaupt studiert?

Werner Onken: Nein. Seine Eltern hatten neun Kinder. Sein Vater war ein kleiner Beamter in der Provinz, im damals zu Preußen gehörenden wallonischen Eifelstädtchen Sankt Vith. Da fehlte das Geld. Gesell ist Kaufmann geworden. Er lebte eine Weile in Spanien und wanderte mit 25 nach Argentinien aus – zu jener Zeit eins der wirtschaftlich stärksten Länder der Welt. In Buenos Aires eröffnete er ein Importunternehmen für medizinische Artikel, für Gehhilfen, Verbände und ähnliche Dinge. Mit denen belieferte er Kliniken und niedergelassene Ärzte. Reich ist er damit nicht geworden, aber wohlhabend.

ZEIT: Andere große Ökonomen haben ihr Leben in Hochschule und Bibliothek verbracht und nie eine Firma von innen gesehen.

Onken: In der Tat. Adam Smith zum Beispiel war Astronom und Moralphilosoph. Karl Marx hatte keinerlei praktische Erfahrung, die ihn in seinen Theorien hätte verunsichern können.Auch Alfred Marshall, Léon Walras oder Carl Menger, die Begründer der sogenannten neoklassischen Theorie, die bis heute die Wirtschaftswissenschaften dominiert, kannten die Geschäftswelt nur von außen.

ZEIT: Wie aber ist Gesell dann von der Praxis zur Theorie gekommen?

Onken: Um 1890 wurde Argentinien von einer schweren Krise getroffen, das war der Auslöser. Die Arbeitslosigkeit stieg, es gab Unruhen. Einmal durchschlug eine verirrte Gewehrkugel eine Fensterscheibe in Gesells Haus. Seine Geschäfte liefen nicht mehr. Er fing an, sich Gedanken über ökonomische Zusammenhänge zu machen: Warum lag die Wirtschaft darnieder? Warum standen die Fabriken still, obwohl Argentinien doch ein reiches Land war?

ZEIT: Und warum standen sie still?

Onken: Das Kernproblem des Kapitalismus sah Gesell in der Natur des Geldes. Alle anderen wirtschaftlich relevanten Güter einschließlich der menschlichen Arbeitskraft sind der Vergänglichkeit unterworfen. Sie lassen sich nicht unbegrenzt bewahren. Sie verderben, verlieren an Wert. Geld dagegen lässt sich aufbewahren, durch den Zins nimmt es sogar noch an Wert zu.