ZEIT: Was ist daran so schlimm?

Onken: Die Leute werden verleitet, ihr Geld zu horten, zum Beispiel, weil sie auf steigende Zinsen oder sinkende Preise warten. Sie geben es nicht aus. Stattdessen liegt das Geld herum, früher unter der Matratze, heute in Form irgendwelcher hochkomplexer Finanzprodukte. Es steht weder für den Konsum noch für Investitionen zur Verfügung. Die Folge ist eine hohe Arbeitslosigkeit bei gleichzeitig großem Geldreichtum, so wie damals in Argentinien – oder heute in den USA.

ZEIT: Welche Lösung schlug Gesell vor?

Onken: Er wollte das Geld verderblich machen. Geld muss rosten. Weil dies aber nicht von allein geschieht, soll der Staat eine neue Form von Geld ausgeben, das sogenannte Freigeld oder Schwundgeld. Diese Geldscheine müssen regelmäßig mit kostenpflichtigen Wertmarken beklebt werden, damit sie ihre Gültigkeit behalten. Geld über längere Zeit aufzubewahren kommt also teuer.

ZEIT: Na ja, aber wer sein Geld horten will, wandelt es dann eben in Erde und Steine um und kauft sich ein hübsches Stück Land.

Onken: Diese Gefahr hat Gesell gesehen. Deshalb soll in einem zweiten Schritt Grund und Boden gegen Entschädigung in öffentliches Eigentum überführt werden. Die bisherigen Besitzer dürfen das Land weiterhin privat nutzen, jedoch nur gegen eine Abgabe an den Staat.

ZEIT: Das hört sich ganz nach Sozialismus an.

Onken: Nur was den Landbesitz betrifft. Ansonsten vertraut Gesell auf die Kräfte des Marktes. Man kann ihn als einen frühen Vertreter eines Dritten Weges begreifen. Im Grundansatz unterscheidet er sich gar nicht so sehr von der späteren sogenannten ordoliberalen Schule, an der sich die von Ludwig Erhard propagierte soziale Marktwirtschaft orientiert.

ZEIT: Erhard hat aber nicht den Boden verstaatlicht.

Onken: Der Ordoliberalismus beruht auf der Annahme, dass der Markt im Prinzip ein segensreiches System ist, dass er aber vom Staat reguliert werden muss. Ökonomen wie Walter Eucken waren der Meinung, es genüge, wenn der Staat verhindere, dass Unternehmen eine Monopolstellung erreichen. Gesell geht weiter: Er will auch beim Geld- und Grundbesitz Machtballungen und Kapitalkonzentration verhindern. Das ist das, was er mit Marktwirtschaft ohne Kapitalismus meint. Überließe man diese Bereiche sich selbst, so wären die Besitzer von Geld und Land immer im Vorteil. Sie würden leistungslose Einkommen beziehen. Besitztum ohne Arbeit wäre ein Leichtes. In seinem Hauptwerk Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld schreibt Gesell: » Reichtum und Armut gehören nicht in einen geordneten Staat.« Das ist seine Überzeugung. Er hofft, dass einmal »der letzte Kapitalist neben dem letzten Proletarier bestattet wird«. Sein Ideal ist das ursprüngliche Ideal der Französischen Revolution: eine egalitäre Gesellschaft von freien und gleichberechtigten Bürgern.

ZEIT: Gesells Theorie ist nicht nur Theorie geblieben.

Onken: Sowohl im bayerischen Dorf Schwanenkirchen als auch in der Tiroler Marktgemeinde Wörgl wurde während der Weltwirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre Freigeld in Umlauf gebracht. Beide Experimente verliefen sehr erfolgreich. Der Wirtschaftskreislauf kam wieder in Schwung, es entstanden neue Arbeitsplätze. Beide Experimente wurden schließlich von den Behörden gestoppt, die keine Parallelwährung akzeptieren wollten. Gesell hat diese Verwirklichung nicht mehr erlebt. Er starb 1930 in der Nähe von Berlin .