Silvio Gesell"Geld muss rosten!"

Außergewöhnliche Krisen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen: Der Sozialreformer Silvio Gesell wollte eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus. Zu Gesells 150. Geburtstag ein Gespräch mit dem Wirtschaftswissenschaftler Werner Onken. von 

Die Regionalwährungen "Regio" und "Engel. Regionalwährungen folgen der Idee von Silvio Gesell, der zufolge Geld im Umlauf bleiben soll, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Die Regionalwährungen "Regio" und "Engel. Regionalwährungen folgen der Idee von Silvio Gesell, der zufolge Geld im Umlauf bleiben soll, um die Wirtschaft anzukurbeln.  |  © Arne Dedert/dpa

Wer sich mit der Finanzkrise beschäftigt und nach Alternativen zum bestehenden Geldsystem fragt, stößt früher oder später auf die Theorie der Freiwirtschaft: eine ungewöhnliche Lehre, die eine »Marktwirtschaft ohne Kapitalismus« einführen will. Entwickelt hat sie der deutsche Ökonom Silvio Gesell. Wir fragten den Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Werner Onken, Chefredakteur der »Zeitschrift für Sozialökonomie« und Herausgeber der Werke Gesells, nach der Person und den Konzepten dieses erstaunlichen Mannes, der am 17. März vor 150 Jahren geboren wurde.

DIE ZEIT: Herr Onken, Silvio Gesell war kein bloßer Theoretiker, er kannte die Praxis. Hatte er überhaupt studiert?

Werner Onken: Nein. Seine Eltern hatten neun Kinder. Sein Vater war ein kleiner Beamter in der Provinz, im damals zu Preußen gehörenden wallonischen Eifelstädtchen Sankt Vith. Da fehlte das Geld. Gesell ist Kaufmann geworden. Er lebte eine Weile in Spanien und wanderte mit 25 nach Argentinien aus – zu jener Zeit eins der wirtschaftlich stärksten Länder der Welt. In Buenos Aires eröffnete er ein Importunternehmen für medizinische Artikel, für Gehhilfen, Verbände und ähnliche Dinge. Mit denen belieferte er Kliniken und niedergelassene Ärzte. Reich ist er damit nicht geworden, aber wohlhabend.

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ZEIT: Andere große Ökonomen haben ihr Leben in Hochschule und Bibliothek verbracht und nie eine Firma von innen gesehen.

Onken: In der Tat. Adam Smith zum Beispiel war Astronom und Moralphilosoph. Karl Marx hatte keinerlei praktische Erfahrung, die ihn in seinen Theorien hätte verunsichern können.Auch Alfred Marshall, Léon Walras oder Carl Menger, die Begründer der sogenannten neoklassischen Theorie, die bis heute die Wirtschaftswissenschaften dominiert, kannten die Geschäftswelt nur von außen.

ZEIT: Wie aber ist Gesell dann von der Praxis zur Theorie gekommen?

Werner Onken

ist Ökonom und arbeitet an der Uni Oldenburg. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Freigeld-Idee.

Onken: Um 1890 wurde Argentinien von einer schweren Krise getroffen, das war der Auslöser. Die Arbeitslosigkeit stieg, es gab Unruhen. Einmal durchschlug eine verirrte Gewehrkugel eine Fensterscheibe in Gesells Haus. Seine Geschäfte liefen nicht mehr. Er fing an, sich Gedanken über ökonomische Zusammenhänge zu machen: Warum lag die Wirtschaft darnieder? Warum standen die Fabriken still, obwohl Argentinien doch ein reiches Land war?

ZEIT: Und warum standen sie still?

Onken: Das Kernproblem des Kapitalismus sah Gesell in der Natur des Geldes. Alle anderen wirtschaftlich relevanten Güter einschließlich der menschlichen Arbeitskraft sind der Vergänglichkeit unterworfen. Sie lassen sich nicht unbegrenzt bewahren. Sie verderben, verlieren an Wert. Geld dagegen lässt sich aufbewahren, durch den Zins nimmt es sogar noch an Wert zu.

Leserkommentare
  1. Weil die Mehrzahl der Banken NICHT einfach Ihr Geld verleiht, sondern das Geld in einem Buchungsprozess neu erzeugt. Das unterscheidet den Bankenkredit vom Privatkredit. D.h. die Bank
    Sie könnten aber mit dem Biobauern z.B. vereinbaren, dass Sie einen Anteil an dem Ertrag der nächsten Ernte bekommen, wenn Sie ihm Geld für den neuen Traktor leihen, anstatt das Geld auf die Bank zu bringen, die dann damit irgendetwas macht, was man ohne 3jährige Erfahrung im Derivategeschäft nicht nachvollziehen kann und nicht unbedingt einen reellen gesamtwirtschaftlichen Ertrag bringt.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ein paar naive Fragen"
  2. Geld war zunächst nichts weiter, als ein Mittel um den Tauschhandel zu vereinfachen.

    Eine Entwertung findet heute über die Inflation statt.

    Zinsen waren für Sparer und Banken (Kreditgeber) zunächst Einnahmen. Aus der Zinsdifferenz wurden die Kosten der Dienstleistung gedeckt (Personal, Verwaltung, usw.).

    Aus den Gewinnen ob durch harter Hände Arbeit oder Dienstleistung wurden Steuern an den Staat abgeführt.

    In Schieflage gerät das System, wenn Kredite mit Zinsen nicht produktiv sind, der Staat durch die Stellschrauben bei Steuern das Gleichgewicht auseinander bringt oder wenn "systemrelevante" Banken nach wilden Zockereien Verluste sozialisieren.

    Der Geldkreislauf kann nur nachhaltig sein, wenn er Waren, Dienstleitungen und Investitionen in produktive Unternehmungen repräsentiert.

    Wenn Derivate sechsfach den Wert der Güter übersteigt, dann sind wir im Finanz-Casino ohne Bezug zur Realwirtschaft und wir sehen uns einer Finanzblase gegenüber.

    Immer wieder müssen wir die verschiedenen Kräfte austarieren:
    Staat (Steuern) - Banken (Zinsen) - Unternehmen (Gewinne) - Arbeiter (Gewerkschaften usw.) usw.

    7 Leserempfehlungen
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    • Provo
    • 17. März 2012 21:24 Uhr

    "Gesell bringt es nicht" - doch, er bringt's, denn er setzte da an, wo die Probleme entstehen! Während Sie anscheinend immer noch glauben, man könne die negativen Auswirkungen des herrschenden Geldsystems mit Steuern und Tarifverhandlungen in den Griff kriegen. Ihre Beschäftigung mit Gesell war offenbar bisher oberflächlich.

    "Eine Entwertung findet heute über die Inflation statt." - Gesell wollte nicht Inflation, sondern eine STABILE WÄHRUNG. Die Umlaufsicherungsgebühr sollte den Zins als Lockmittel und die Inflation als Druckmittel, um das Geld im Wirtschaftskreislauf zu halten, quasi ersetzen!

    "Aus der Zinsdifferenz wurden die Kosten der Dienstleistung gedeckt (Personal, Verwaltung, usw.)." - Die Bankmarge ist auch nach einer Geldreform à la Gesell unbestritten. Die Banken werden dann allerdings nicht mehr die Aufgabe haben, die ihnen anvertrauten Gelder zu vermehren, sondern ihren WERT ZU ERHALTEN.

    "In Schieflage gerät das System, wenn Kredite mit Zinsen nicht produktiv sind, der Staat durch die Stellschrauben bei Steuern das Gleichgewicht auseinander bringt oder wenn "systemrelevante" Banken nach wilden Zockereien Verluste sozialisieren." - Wie sollen Kredite mit Zinsen noch produktiv sein, wenn die reichsten 10% der Bevölkerung über MINDESTENS 60% des Vermögens verfügen? Da lohnt sich nur noch Luxusproduktion, das erleben wir doch heutzutage.

    • Provo
    • 17. März 2012 21:26 Uhr

    "Der Geldkreislauf kann nur nachhaltig sein, wenn er Waren, Dienstleitungen und Investitionen in produktive Unternehmungen repräsentiert." - Stimmt! Aber die Realwirtschaft kann zur Zeit nicht mehr so wachsen, wie es die Vermögen eigentlich benötigten, daher all die "schönen" Finanzprodukte.

    "Wenn Derivate sechsfach den Wert der Güter übersteigt, dann sind wir im Finanz-Casino ohne Bezug zur Realwirtschaft und wir sehen uns einer Finanzblase gegenüber." - Ja, diese Blasen entstehen ja gerade, weil die Vermögen sich geldsystembedingt immer weiter vermehren und die Realwirtschaft nicht mehr mithalten kann.

    "Immer wieder müssen wir die verschiedenen Kräfte austarieren:
    Staat (Steuern) - Banken (Zinsen) - Unternehmen (Gewinne) - Arbeiter (Gewerkschaften usw.) usw." - Sie sehen doch selbst, dass dieses "Austarieren" längst nicht mehr klappt, schon seit Anfang der 70er Jahre nicht mehr. Mit Steuer- und Lohnpolitik versucht man die Fehler eines Systems mit Exponentialfunktion zu beheben - vergebliche Müh, WIE MAN DOCH NUR ALLZU OFFENSICHTLICH ÜBERALL BEOBACHTEN KANN!

    Es lohnt sich also, Gesell zu studieren, statt ihn nicht nur oberflächlich, sondern auch noch falsch wiederzugeben.

  3. Tja wenn alle wieder bock haben sich an der gesellschaft zu beteiligen, dann ensteht das was Gott will, die erweiterung des Menschseins, und nicht das stillstehen, bis zurück gehen. Wer Freude hat, bringt vorran, ist kreativ, und wird treiben. Der Druck der nicht mehr da ist, wird nicht mehr bleiben, dafür stehen die neuen Medien auch, den letzten strohalm der Demokratischen neuordnung, zu greifen, und auf silizium zu speichern.

  4. zwei Geldsysteme braucht, ein regionales Schwundgeld (das nicht gespart wird, aber der Region dient) und ein überregionales, das auch gepart werden kann

    Antwort auf "interessanter"
  5. Es geht hier um Geldhortung, nicht ums Sparen! Angenommen, Sie besitzen Kapital, sagen wir eine Maschine. Beim Horten stellen sie die Maschine in eine Kammer und niemand benutzt sie. Beim Sparen verleihen Sie diese Maschine an jemanden, der sie z.B. zur Produktion verwenden kann. Übertragen auf eine Geldwirtschaft mit konstantem Preisniveau läuft das auf das selbe hinaus: Die Produktion bleibt hinter ihren Möglichkeiten zurück.

    Der Gesell-Vorschlag soll Geldhortung unterbinden, aber nicht das Sparen (=Investitionen).

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Schlimmer Unsinn"
  6. Weniger als 5 Prozent der weltweiten Geldmenge sind durch reale Werte gedeckt. Die restlichen über 95 Prozent sind nur durch Geld gedeckt.
    Gelddeckung durch Geld ist für mich kein Zeichen von realwirtschaftsbezogener Investition.

    MfG
    AoM

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Unfreiwillig entarnt."
    • Provo
    • 17. März 2012 20:47 Uhr

    Wie in dem gleichnamigen Buch von Margrit Kennedy nachzulesen, wollte Gesell ein "Geld ohne Zinsen und Inflation". Die Währung an sich sollte stabil bleiben, nur das zurückgehaltene Bargeld sollte mit einer Gebühr belegt werden. Diese Umlaufsicherungsgebühr führt - ganz im Gegensatz zu Zins und Zinseszins - nicht zu leistungsloser Umverteilung. Und sie wäre für die 95% der Bürgerinnen und Bürger eine viel geringere finanzielle Belastung als die Zinsen, die sie heute nicht nur für etwaige Kredite oder über die Steuern für Staatsschulden, sondern hauptsächlich versteckt in allen Preisen zahlen (die Firmen müssen ihre Kreditkosten ja weiterreichen).

    3 Leserempfehlungen
  7. Ich bin auch der meinung das jeder der sich hier damit auseinander setzen möchte langsam aber sicher abstumpft, und Montag morgen gerne wieder früh auf steht und zur Arbeit geht für 15 Euro stundenlohn.

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