Systematische Philosophie ist Hegel zufolge stets der Versuch, die eigene Zeit in Gedanken zu fassen. Philosophie kann wendig den Zeitgeist begleiten, als Stichwortgeberin und Interpretin. Große Philosophie entsteht aber aus dem Festhalten an grundlegenden Fragestellungen, die unter wechselnden philosophischen Konstellationen neu zur Geltung gebracht werden. Solche Fragestellungen entspringen niemals nur der reinen Vernunft, sondern prägenden Lebenserfahrungen. Für Karl-Otto Apel, einen der bedeutendsten deutschen Philosophen der Generation zwischen Gadamer und Habermas , war dies die schockhafte Erfahrung des bestialischen Bruchs aller vermeintlich gesicherten Moralstandards, zuerst in der faschistischen Ideologie, dann im totalen Krieg Nazideutschlands. Noch die subtilsten Theoriefiguren in Apels ausgereifter Position, der »transzendentalen Sprachpragmatik«, sind getragen von der praktischen Sorge um die ethische Grundlage, die überhaupt erst erlaubt, dass wir über Kulturen und Gruppenidentitäten hinweg kommunizieren und ernsthaft in gedanklichen Austausch treten können.

Unreflektiertes Beharren auf »radikaler« Differenz zwischen Kulturen, etwa religiösen, ist der erste Schritt zum Ausschluss des Anderen. Relativismus in den Ansprüchen von Vernunft und Moral entwertet die ohnehin fragile moralische Logik der Zwischenmenschlichkeit. Ein Übriges leistet das verbreitete Vorurteil, nur Tatsachenbehauptungen seien vernünftig, nämlich wissenschaftlich überprüfbar, an Werte und Normen hingegen könne man bloß glauben. Und so sinken die Chancen für die Globalisierung gerade derjenigen »postkonventionellen« moralischen Lernprozesse, die die moderne Weltgesellschaft dringend benötigt, damit eine zukünftige Weltinnenpolitik zu einer politischen Zielvorstellung wird, die kein verantwortungsbewusster Mensch ignorieren darf: Mit dieser Diagnose hat Apel wesentliche Züge der planetaren Verantwortungsethik von Hans Jonas vorweggenommen und 1980 in seinem legendären Funkkolleg zur Ethik, das der Hessische Rundfunk ausstrahlte, auch in die Öffentlichkeit gebracht.

Apels Impulse für die Entwicklung der Philosophie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg sind unschätzbar: Als Pionier des linguistic turn hat er Heideggers Existenzialanalytik verarbeitet, die philosophische Hermeneutik von Dilthey bis Gadamer und den sprachspielanalytischen Ansatz des späten Wittgenstein, und hier ist ihm der amerikanische Pragmatismus, besonders der des Zeichentheoretikers C. S. Peirce, hilfreicher als der überkommene Idealismus Kants. Der Ertrag erschien 1973 in den zwei Bänden der inzwischen klassisch zu nennenden T ransformation der Philosophie . Sie enthält auch den Quellcode der »Diskursethik«, jener inhaltlich minimalistischen, in ihrem Geltungsanspruch aber maximalen, alle argumentationsfähigen und -willigen Wesen einbeziehenden Vernunftmoral, deren Fundament Apel freigelegt hat. In seiner wichtigsten Aufsatzsammlung, Diskurs und Verantwortung, zieht Apel die Konsequenzen für die Politik- und Moralphilosophie. Er kritisiert Postmodernisten und Dekonstruktivisten, Rorty, Vattimo, Derrida und Lyotard, aber auch Jürgen Habermas, dem er »Verklärung der Lebenswelt« und die Banalisierung des Begründungsdenkens vorwirft: mithin eine Vernunftkritik, die die Macht der Vernunft unnötigerweise schwächer erscheinen lässt, als sie ist.

Apels Diskursphilosophie analysiert die innige Verbindung zwischen dem Willen, für die eigenen Handlungs- und Bewertungsgründe möglichst Konsens zu suchen – die Zustimmung Anderer –, und der Bereitschaft, sich der Kritik zu öffnen, gleich aus welchem Kontext, welcher Kultur, welcher Lebenswelt sie kommen mag. Begründungsdenken ist gerade nicht Dogmatismus, als der es manchmal diffamiert wird, sondern Offenheit für Kritik. Es geht um den Kern gültiger Normen, die deshalb aller Kritik standhalten, weil jedes kritische Argument sie schon voraussetzen muss, um sinnvoll zu sein. Karl-Otto Apel, der Letztbegründer, wird am 15. März neunzig Jahre alt.