Baustelle des Reaktorblocks 3 im finnischen Atomkraftwerk Olkiluoto (Foto vom März 2010). Block 3 soll 2014 in Betrieb gehen. © Jacques Demarthon/AFP/Getty Images

Am 15. März 2011, an dem Tag also, an dem im japanischen Fukushima auch noch Reaktorblock 2 explodierte und das Brennelementelager bei Reaktor 4 Feuer fing, schüttelten sich in Minsk Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko die Hände. Der Ministerpräsident Russlands und der Präsident Weißrusslands besiegelten einen Vertrag über den Bau von Weißrusslands erstem Kernkraftwerk. Bis 2016 soll ein 1200-Megawatt-Reaktor bei der Stadt Ostrowez nahe der Grenze zu Lettland entstehen. Drei weitere Reaktorblöcke sind im Gespräch. Russland will seinem fast bankrotten Neukunden das Kernkraftwerk mit einem Kredit in Höhe von umgerechnet 6,7 Milliarden Euro vorfinanzieren.

26 Jahre nachdem auch Weißrussland Opfer der Strahlung aus dem havarierten ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl wurde, will es nun selbst zu einer Nuklearnation werden.

Weitere Staaten wollen den Weißrussen folgen: »Wir erwarten, dass auch Vietnam, Bangladesch, die Vereinigten Arabischen Emirate und die Türkei in diesem Jahr mit dem Bau ihrer ersten Atomkraftwerke beginnen werden«, sagte Kwaku Aning, Vizechef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Ende Februar während einer Veranstaltung in New York. Außerdem haben Ägypten, Indonesien, Italien, Kasachstan, Jordanien, Litauen, Polen und Thailand bei der IAEA um Unterstützung beim Aufbau ihrer nuklearen Infrastruktur gebeten. In den USA wurde derweil – erstmals seit mehr als 30 Jahren – der Bau von zwei neuen Atomreaktoren genehmigt. Der Regierung ist das Kreditgarantien über acht Milliarden Dollar wert, weil Kernenergie für Präsident Barack Obama nach wie vor eine unverzichtbare Säule seiner Energiepolitik ist.

Gibt es also eine »nukleare Renaissance« – trotz Fukushima? Immerhin sechs Reaktoren sind weltweit seit der Katastrophe neu ans Netz gegangen. Einer davon ist das iranische Atomkraftwerk Buschehr. »Die weltweite Kernenergienutzung wird weiter wachsen, jedoch langsamer, als wir prognostiziert haben«, sagt IAEA-Chef Yukiya Amano. »Die Unterstützung für Newcomer-Staaten – insbesondere solche, die bereits auf dem Weg sind, Reaktoren in Betrieb zu nehmen – wird eine unsere Top-Prioritäten bleiben.«

»Irrelevant«, lautet dazu der knappe Kommentar von Mycle Schneider. »Ob irgendwo in Vietnam, in Weißrussland oder den USA ein Atomkraftwerk gebaut wird, spielt für die Gesamttendenz keine Rolle.« Als einer der Autoren des jährlich erscheinenden World Nuclear Industry Status Report beobachtet Schneider die globale Entwicklung der zivilen Nuklearindustrie seit mehr als 20 Jahren. Seit einem Jahrzehnt zeigt sie einen stabilen Abwärtstrend. Im Vergleich zu den Uraltmeilern, deren Laufzeit zu Ende geht, ist die Zahl der Neubauten sehr gering. Als Konsequenz des Unglücks in Fukushima würden strengere Sicherheitsauflagen die Bauprojekte nun weiter verzögern, glaubt Schneider, von Zusatzkosten ganz zu schweigen: »Mögen 2011 in Asien, Russland und im Iran neue Reaktoren ans Netz gegangen sein – allein Deutschland hat im selben Zeitraum die doppelte nukleare Produktionskapazität außer Betrieb genommen.«

Zurzeit beträgt der Anteil der Atomkraft an der weltweiten Stromerzeugung etwa 13 Prozent. Ende 2010 waren 441 Kernreaktoren am Netz, ein paar weniger als 2002. Das Durchschnittsalter des globalen Meilerparks liegt bei 26 Jahren. Während Neubauprojekte wie das finnische Kraftwerk Olkiluoto mit Bauverzögerungen und Kostenexplosionen Negativschlagzeilen schreiben, versuchen die Nuklearstaaten, über Laufzeitverlängerungen und Kapazitätserhöhungen bei laufenden Kraftwerken den Beitrag der Kernenergie zur globalen Stromversorgung zu stabilisieren. 2009 beispielsweise, im letzten Jahr, für das Zahlen vorliegen, produzierten die Reaktoren weltweit 2,558 Milliarden Kilowatt Strom. Das waren nur etwa zwei Prozent weniger als im Jahr zuvor, aber die moderate Verringerung währte damit schon vier Jahre in Folge.

Dass aus angekündigten Neubauprojekten gerade bei der Nukleartechnik nicht unbedingt auch neue Kraftwerke werden, bestätigt das Marktforschungsinstitut Prognos. Einer 2009 für das Bundesamt für Strahlenschutz erstellten Studie zufolge erwartet das Institut, dass nur ein Viertel bis ein Drittel der bis 2030 avisierten Kernkraftprojekte auch wirklich realisiert werden.

"Der langsame Niedergang der zivilen Atomkraftnutzung ist zum Absturz geworden"

Nirgendwo nimmt die Bedeutung der Atomkraft deutlicher ab als in Europa, wo zurzeit mit 134 Reaktoren insgesamt 43 weniger am Netz sind als 1989, in dem Jahr, in dem so viele Atommeiler in Betrieb waren wie seither nie wieder. Einen »radikalen Einschnitt« gebe es sogar im nuklearen Vorreiterstaat Frankreich, berichtet Energieexperte Schneider, der selbst in Paris lebt. Über 70 Prozent der Franzosen seien inzwischen für den Atomausstieg. Auch der traditionelle nuklearpolitische Parteienkonsens sei gebrochen, seit François Hollande, der Präsidentschaftskandidat der Sozialisten, angekündigt habe, im Falle seiner Wahl »zahlreiche« Atomanlagen schließen zu wollen. Die französischen Grünen fordern ohnehin den Atomausstieg. Und im Januar hat sogar der französische Rechnungshof die Wettbewerbsfähigkeit von Atomstrom angezweifelt. Die Verbrauchertarife spiegelten nicht die tatsächlichen Kosten wider, hieß es in einem Bericht. Sie müssten von 42 Euro pro Megawattstunde auf 49,50 Euro steigen, wenn Investitionen etwa in den Rückbau kontaminierter Anlagen inbegriffen wären. Wegen »großer Unsicherheiten« bei den Investitionen könne der Erzeugerpreis am Ende gar die Marke von 57 Euro überschreiten.

Selbst in China, das mit 26 im Bau befindlichen Atomkraftwerken der Motor für die sogenannte nukleare Renaissance ist, spielt die Atomenergie eine geringere Rolle, als es auf den ersten Blick scheint. Das neue Wirtschaftswunderland befriedigt seinen Energiehunger nämlich aus vielen Quellen. 2010 investierte China allein 54,4 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien, fünfmal mehr als in die Nuklearindustrie. Nach Fukushima hat das Land zudem sämtliche Planungen für AKW-Neubauten auf Eis gelegt, 2011 wurde keine Baustelle neu eröffnet.

»Lange vor Fukushima war klar, dass Neubauten ökonomisch nicht zu rechtfertigen sind«, sagt Mycle Schneider. Kein Neubauprojekt wurde je ohne staatliche Förderung und Risikoübernahme allein durch einen Privatinvestor finanziert. Die Sorge um ein kaum kalkulierbares Finanzrisiko wird durch Bauprojekte wie den Atomreaktor Olkiluoto in Finnland bestätigt. Die Kosten der Anlage dort sind seit Baubeginn von geplanten drei Milliarden Euro auf voraussichtlich mehr als das Doppelte gestiegen. Beispiele wie dieses, aber auch Studien zum Bau von Atommeilern legen nahe, dass der Neubau eines Kernkraftwerks heute um ein Vielfaches teurer ist als der Bau eines Kohle- oder Gasmeilers.

Auch am Zustand der großen Nuklearkonzerne lässt sich der Niedergang der Atomindustrie ablesen. Siemens hat im vergangenen Jahr seinen endgültigen Rückzug aus dem Nuklearsektor bekannt gegeben. Die Zukunft von Westinghouse – seit Jahren fest in der Hand von Toshiba – ist nach dem Nuklearunfall von Fukushima ungewiss. Und das Rating des französischen Staatskonzerns Areva wurde von Standard & Poor’s herabgestuft. In der Sprache der Rating-Agentur gilt das finanzielle Risiko damit jetzt nicht mehr als »signifikant«, sondern als »aggressiv«. Die Herabstufung reflektiere überdies die nach dem Unfall in Fukushima veränderten Bedingungen für die Nuklearindustrie, insbesondere die daraus resultierenden geringeren Preis- und Wachstumserwartungen, so S&P. »Wir glauben, dass dies das Management von Areva unter Druck setzt, seine Investitionspläne herunterzuschrauben.«

Von der Schwäche der früheren Weltmarktführer aus dem Westen profitiert die russische Nuklearholding Rosatom. Neben den 26 Atomkraftwerken, die sie in den kommenden Jahren im eigenen Land bauen will, soll auch der Weltmarkt für Nukleartechnologie erobert werden. Bulgarien, den Iran, die Slowakei, die Türkei, Indien, China, Weißrussland und die Ukraine zählt der Staatskonzern bereits zu seinen Kunden. Ob aus den vollmundigen Ankündigungen allerdings auch Realität wird, ist noch die Frage. »Rosatom will auf eigene Kosten bauen«, sagt Schneider. »Das geht auch in Russland nur mit Quersubventionen aus dem Gasgeschäft. So etwas lässt sich nicht unbegrenzt ausdehnen.«

Ist Deutschland also, wie in der Auslandspresse zu lesen war, mit seinem Atomausstieg auf einem Sonderweg? Energieexperte Mycle Schneider ist anderer Meinung: »Deutschland hat durch seine politische Entscheidung eine Entwicklung beschleunigt, die international ohnehin stattfindet. Nach Fukushima ist der langsame Niedergang der zivilen Atomkraftnutzung zum Absturz geworden.«