Wie entsteht Gerechtigkeit? Das diskutieren nicht nur Philosophen. Auch Naturwissenschaftler interessieren sich für die Wurzeln dieser Tugend. Während Erwachsene zum Beispiel gerecht teilen können, wollen kleine Kinder meist das Beste für sich. Wann und wie entwickelt sich die Fähigkeit, fair zu handeln und gerecht zu teilen?

Der kindliche Egoismus kommt nicht daher, dass die Kleinen nicht großzügig sein können oder nicht wissen, was gerecht ist. Nikolaus Steinbeis, Psychologe am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften , hat mit seinen Kollegen Boris Bernhardt und Tania Singer herausgefunden, dass das kindliche Gehirn noch nicht weit genug entwickelt ist , um eine gerechte Entscheidung zu treffen.

Mit Experimenten aus der Spieltheorie hat Steinbeis eine bestimmte Art von sozialem Verhalten bei 146 Kindern zwischen 6 und 14 Jahren untersucht: das strategische Handeln. In einer ersten Runde gab man in einer Gruppe von Schulkindern einigen sechs Münzen, anderen nichts. Wie wertvoll das Geld war, wussten alle: Für eine Münze konnte man einen Aufkleber bekommen, für sechs ein Buch. Dann mussten die Besitzenden ihr Geld mit den anderen teilen. Resultat: Die Habenichtse bekamen zwar etwas ab. Gerecht ging es dabei aber nicht zu.

In der nächsten Runde galt die Regel: Wenn dein Gegenüber den Deal ablehnt, bekommst auch du nichts. "Wir wollten wissen, ob die Kinder bessere Angebote machen, wenn ihnen klar ist, dass ein ungerechter Deal den Verlust eines Geschenks bedeutet", sagt Steinbeis. Doch während die Älteren ihr Verhalten anpassten, änderte sich bei den Jüngeren kaum etwas. "Sie wussten, dass mehr auf dem Spiel stand, und haben dennoch nur versucht, das Beste für sich herauszuholen." Das war eine Überraschung, weil alle Kinder im gleichen Maße sozial kompetent und ähnlich risikofreudig waren. "Junge Kinder sehen ein, wenn etwas ungerecht ist", sagt Steinbeis, "aber es fällt ihnen schwer, das Wissen umzusetzen."

Moral allein hilft nicht bei der Erziehung

Um zu erfahren, warum sie mit zunehmendem Alter besser strategisch handeln können, wurde bei 28 spielenden Kindern die Hirnaktivität untersucht. Steinbeis stellte fest, dass der präfrontale Kortex umso aktiver war, je älter die Kinder waren. Dieses Hirnareal wird unter anderem für die Kontrolle des Verhaltens benötigt. "Wir konnten zeigen, dass die altersabhängige Aktivierung des Kortex entscheidend für faires Handeln ist."

Früher vermutete man, Emotionen beeinflussten solche Entscheidungen. Steinbeis und seine Kollegen haben die Kinder daher explizit nach ihrem Befinden gefragt – und keinen Unterschied festgestellt. Berna Güroğlu, Entwicklungspsychologin an der Universität Leiden, die sich seit Jahren mit Fairnessforschung beschäftigt, hat damit gerechnet, gleichzeitig jedoch erwartet, "dass das Maß an Fairness damit zusammenhängt, wie sehr man sich in den anderen hineinversetzen kann." Empathie sei eine Eigenschaft, die sich mit zunehmendem Alter ausbildet. "Die Studie demonstriert, wie sich Fairness entwickelt. Und sie stellt eine Verbindung zwischen dem Verhalten und der Entwicklung von Hirnstruktur und -funktion her – das macht sie einzigartig."

Die neue Erkenntnis zeigt, dass allein moralische Appelle des Erziehers nicht weiterhelfen. "Man muss die Situationen identifizieren, in denen trotz besseren Wissens egoistisches Verhalten auftritt", sagt Steinbeis. Den Kleinen müsse in der konkreten Situation gezeigt werden, wie man sich korrekt verhalte. Zu wissen, was richtig ist, und das Richtige zu tun sind eben zwei grundlegend verschiedene Dinge – an denen selbst Erwachsene immer wieder scheitern.