Die ganz alte, die verschwiegene und verstockte Bundesrepublik wurde durch Gesten stärker erschüttert als durch Reden oder Artikel. Als Beate Klarsfeld im November 1968 den NSDAP-Parteigenossen 2633930, Kurt Georg Kiesinger , ohrfeigte, war das ein besonders nachdrücklicher Vorfall jener Zeit, das Zeichen eines gewaltigen Wandels. Dass sie den Kanzler malträtierte, wurde ihr im Grunde niemals verziehen, aber es veränderte das Bild von Deutschland. Danach schwebte Klarsfeld wie eine strafende Hand über der Republik, im Recht, oft aber unduldsam, von Frankreich aus den Deutschen die Nazi-Strafarbeit erledigend, was für die immer ein wenig demütigend war.

Die deutsche Öffentlichkeit hat die Journalistin nie adoptiert. Sie blieb eine Moralistin von außen. Die Jüngeren kennen sie kaum noch. Jetzt kehrt sie für einen seltsamen Tag aus Paris zurück, um als Bundespräsidentin nicht gewählt zu werden. Beate Klarsfeld ist zur Figur in einem parteipolitischen Schauspiel geworden , das mit ihrer Arbeit nichts zu tun hat. Ihre Familie ist mit dem konservativen französischen Präsidenten Sarkozy befreundet; ihm gelten auch ihre politischen Sympathien. In Berlin ist sie die Kandidatin der Linkspartei. Die Linke möchte den moralischen Überschuss der Beate Klarsfeld einstreichen und den eigenen politischen Ansprüchen zurechnen. Das aber ist unredlich, weil es zusammenzwingt, was historisch nie dasselbe war: die Verfolgung von Nazi-Tätern im liberalen Rechtsstaat und der offizielle Antifaschismus der DDR.

Klarsfeld versuchte 1971, den ehemaligen Gestapo-Chef von Paris, Kurt Lischka, in Köln zu entführen. Es ging schief, aber später wurde Lischka verurteilt. Sie spürte Klaus Barbie, den »Schlächter von Lyon «, in Bolivien auf, blieb ihm auf den Fersen, bis er 1987 seine Strafe erhielt. Sie fahndete nach Josef Mengele , sie demonstrierte gegen Kurt Waldheim . Sie legte sich mit dem Assad-Clan an, weil sie wusste, dass Alois Brunner in Syrien lebte, der für den Mord an 130000 Juden verantwortlich war. Gemeinsam mit ihrem Mann Serge Klarsfeld sammelt sie heute die Daten der deportierten Juden Frankreichs, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Dies alles trug ihr im nichtkonservativen Teil der Bundesrepublik bis heute Sympathien ein. Sie drohen sich zum 18. März zu verflüchtigen.

Kontaktperson der Stasi

Man sah Beate Klarsfeld manches nach: dass sie sich nicht immer an rechtsstaatliche Regeln hielt, auch ihre Zusammenarbeit mit Geheimdiensten, sogar ihre penetrante Selbststilisierung als »gute Deutsche«. Eine Beteiligung Ost-Berlins wurde übrigens schon aus Anlass der Kiesinger-Ohrfeige vermutet. Dass Klarsfeld seit 1966 mit der Stasi kooperierte, ist spätestens seit Philipp Gasserts Kiesinger-Biografie von 2006 bekannt. Sie war jedoch keine IM, sondern eine »Kontaktperson«, die im Ausland als Multiplikatorin wirkte. Sie erhielt dafür Akten. Für die Stasi galt sie bald als nicht steuerbar, und wenig später wurde die Entspannungspolitik für die DDR bedeutsamer als der Propagandakampf gegen die »Bonner Ultras«.

All das ist in der Rückschau nicht so schwerwiegend vor dem Hintergrund dessen, was Klarsfeld bewirkt hat. Aber jetzt schadet sie sich damit, dass sie sich vor den Karren der Linken spannen lässt – und kein Wort darüber verliert, dass deren »Antifaschismus« bis heute von israelfeindlichem und antisemitischem Geist nur so vibriert. Klarsfeld scheint gar nicht zu bemerken, dass das Freund-Feind-Schema aus den Zeiten des Kalten Krieges nicht mehr existiert – und doch für den Moment dieser Wahl noch einmal künstlich aufgerichtet wird. Die »echte« Antifaschistin soll am Sonntag gegen den »unechten« Bürgerrechtler ins Feld geführt werden, und mit ihr noch einmal die DDR gegen den westdeutschen Nazi-Staat. Niemand glaubt dieses Theater, es ist ein Fall von freundlichem politischem Missbrauch.

Allen Ernstes fühlt sich Beate Klarsfeld durch ihre Kandidatur geehrt, sie begreift sie als quasioffizielle Anerkennung für ihr Lebenswerk. Zu den parteipolitischen Umständen und den historischen Verquickungen dieser Bundespräsidentenwahl vermag sie sich nicht zu verhalten. Es gelingt ihr nicht, den ethischen Kokon zu verlassen und die Grenzen ihres Ichs zu überschreiten, nicht einmal ein paar Wochen lang. Das ist das Fazit ihres kurzen Auftritts.