Das Kohlekraftwerk Westfalen in Hamm (Archivbild) © Lars Baron/Getty Images

Wir sind keine Klimaforscher. Wir werden deshalb nicht die These kommentieren, der gegenwärtige Kaltzyklus der Sonne lasse die Erderwärmung pausieren, wie Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning behaupten ( ZEIT Nr. 10/12). Uns beschäftigt die politische Folgerung, dass wegen der kalten Sonne auch der Klimaschutz Pause machen soll.

Für eine solche Folgerung ist nicht nur der Zeitraum der Beobachtung zu kurz. Das Auf und Ab von Temperaturverläufen ist zu normal, und obendrein sind extreme Wetterverhältnisse zu häufig. Der seriösen Klimawissenschaft ist all das nicht neu. Dass die vom Menschen gemachten Treibhausgase dem Klima schaden, ist unwidersprochen. Obwohl sich die Erde seit einigen Jahren nicht mehr wie zunächst prognostiziert erwärmt, ist der Klimawandel nicht gestoppt.

Trotzdem werfen Vahrenholt und Lüning dem Weltklimarat, also einer ganzen Gruppe von Menschen, die vorsätzliche und böswillige Manipulation von wissenschaftlichen Daten und Ergebnissen zum eigenen, niederen Vorteil vor. Als Spitzenmanager im Energiekonzern RWE ist Vahrenholt natürlich selbst nicht frei von eigenen Interessen. Aber dieser einfache Gegenvorwurf ist uns zu billig.

Was steckt hinter dem Pauschalvorwurf von Vahrenholt und Lüning? Er ist kollektiv und anonym und nährt deshalb eine Verschwörungstheorie, die sich gegen Kritik immunisiert. Er kennt nur den Verdacht, nicht die Vergewisserung. Ein solch mutmaßender und nicht mit Beweisen vorgetragener Kollektivvorwurf ist von einer perfiden Wirkung. Er vergiftet die Atmosphäre. Wer so argumentiert, will nicht die wissenschaftliche Auseinandersetzung. Er blockiert den wissenschaftlichen Disput und das Ziel, den Stand des Wissens weiterzuentwickeln.

Wir kennen das aus der deutschen Energiepolitik, die lange Zeit von einem fast ausschließlich taktischen Umgang mit Wahrheit und Wissen geprägt war. Erst die Ethikkommission Sichere Energieversorgung setzte dem ein Ende. Ihre Empfehlungen verbinden die Rationalität von Argumenten mit Werthaltungen zu den Grundfragen der Zeit. An diesen Standard der Diskussionskultur knüpfen Vahrenholt und Lüning nicht an.

Zugegeben, die Beschwörung eines wissenschaftlichen Konsenses lädt Klimaskeptiker geradezu ein, Verschwörungstheorien zu entwickeln. Denn grundsätzlich wird Wissenschaft nicht durch konsensuale Bestätigung, sondern durch das Widerlegen einer vermeintlichen »Wahrheit« vorangetrieben. Ein Konsens lässt sich auch über sachlich Falsches herstellen, er kann trügerisch sein. Deshalb ist für uns Fritz Vahrenholt nicht einfach ein »Störenfritze«. Aber zur Skepsis gehört mehr, als er liefert.

Der Sonnenzyklus verordne der Erderwärmung eine Pause, die Energiewende nach Fukushima sei deshalb ein Irrweg – das ist die politische Quintessenz des Vahrenholtschen Angriffs auf die Klimawissenschaft. Vorerst, lautet seine Botschaft, könnten Kohle, Öl und Gas einfach weiter genutzt werden. Und natürlich die Atomkraft.