BundeskulturstiftungDie Nation zeigt sich avantgardistisch

Vor zehn Jahren wurde die Kulturstiftung des Bundes gegründet. Ihr Erfolg verdankt sich auch Hortensia Völckers. von 

Eigentlich sehr schön, dass es eine konkrete Person gibt, die die zeitgenössische deutsche Kultur verkörpert. Wenn man sich ein Bild machen will, wie der real existierende Kunstbegriff der Bundesrepublik Deutschland aussieht, dann könnte man sagen: vermutlich ein bisschen so wie Hortensia Völckers, die künstlerische Direktorin der Bundeskulturstiftung . Also intellektuell, für deutsche Verhältnisse von auffallend modischem Stilbewusstsein, stets an einem Begriff von Avantgarde festhaltend, ohne dabei dogmatisch zu wirken, rigoros an Inhalten interessiert, auch wo sie erst mal sperrig klingen, für Populismus unempfänglich, eine Partnerin für Künstler auf Augenhöhe, aber zugleich geschmeidig im Umgang mit der Politik, zu klug für Plattitüden und zu realistisch für Aufgeblasenheiten, bei öffentlichen Auftritten eine eher strenge Figur machend, zum Festredner nicht unbedingt begabt, dafür im Habitus ohne pomp and circumstances , keine Fürstin der Künste, die mäzenatisch Hof hielte, eher eine inhaltliche Strategin, die die Nerven auch dann behält, wenn es einmal Gegenwind gibt.

Als die Bundeskulturstiftung am 21. März 2002 vom damaligen Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin ins Leben gerufen wurde, war eine der Keulen, die als Argument gegen das Projekt bereitlagen, das Schmähwort von der Staatskunst. Ganz so abwegig, wie es heute erscheint, war dieser Vorbehalt keineswegs. Würde die Politik sich dieses neuen Instrumentes ähnlich bedienen wie der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten? Was bliebe von der Autonomie der Kunst, wenn ihre Gelder aus dem Bundeshaushalt kommen? Die Stiftung ist eine politische Institution, ihr Dienstherr der Kulturstaatsminister, im Stiftungsrat sitzen neben dem Vorsitzenden Bernd Neumann unter anderen Norbert Lammert , Wolfgang Thierse und Steffen Kampeter (während die "Persönlichkeiten aus dem Bereich Kunst und Kultur" zurzeit der Schriftsteller Durs Grünbein, der Soziologe und ehemalige Direktor des Berliner Wissenschaftskollegs Wolf Lepenies und die Schauspielerin Senta Berger sind).

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Ein solches Organ der hoheitlichen Kunstförderung könnte durchaus eine Schlagseite zu entweder teurer Repräsentationskunst oder Verpflichtung auf volkspädagogische Breitenwirkung haben. Doch über beide Versuchungen ist die Arbeit der Stiftung erhaben. Das meiste, was die Stiftung fördert oder selbst initiiert, wird höchsten Ansprüchen gerecht. Das hat auch etwas mit der Person Hortensia Völckers zu tun. Sie war Mitglied der künstlerischen Leitung der documenta X und Co-Direktorin der Wiener Festwochen, wo sie mit viel Stehvermögen Christoph Schlingensiefs Container-Performance Ausländer raus! durchzog. Ihr Kunstbegriff ist politisch und elitär. Letzteres würde sie selbst natürlich so nicht sagen, aber sie würde sich auch nicht verbiegen, um einem das Gegenteil unterzujubeln. Da Kunst aber, sagt sie, über die Schulen kaum mehr vermittelt werde, komme auf die Kulturpolitik eine größere bildungspolitische Verantwortung zu – weshalb ihr das NRW-Projekt Jedem Kind ein Instrument so wichtig sei, oder die "Kulturagenten", ein Relais zwischen Schulen und Kultureinrichtungen.

Von "Innovation" sprach Julian Nida-Rümelin vor zehn Jahren. Während die Kulturstiftung der Länder, die es seit 1988 gibt, ihren schmaleren Etat vor allem für die Pflege des Patrimoniums einsetzt, sollte die Bundeskulturstiftung nach dem Willen Julian Nida-Rümelins das "Missverhältnis zwischen Repertoire und Innovation" ausgleichen, also ausdrücklich auf der Höhe der Zeitgenossenschaft die Kunstproduktion der Gegenwart in allen Sparten unterstützen. "Das Erbe", sagt Hortensia Völckers, "hat immer die stärkere Lobby. Wenn die Länderstiftung eine Luther-Bibel erwerben will, dann sind natürlich alle im Stiftungsrat hell entzückt, weil sich über den Kanon leichter Konsens herstellen lässt."

Bei den Projekten der Bundeskulturstiftung hingegen muss schon mehr Überzeugungsarbeit geleistet werden. Als Hortensia Völckers im vergangenen Jahr den interdisziplinären Kongress Die Untoten in Hamburg initiierte, musste man im Stiftungsrat zunächst schlucken. Und auch das Großprojekt zu den schrumpfenden Städten fand man im Stiftungsrat erst mal nur "halb lustig". Doch, habe sie dann erklärt, das sei ein großes Thema, Detroit und Manchester diskutierten darüber, und in vielen Städten in den neuen Bundesländern sei das auch längst eine Realität. "O Gott", wurde ihr entgegengehalten, "können Sie das nicht lieber ›Umbau Ost‹ nennen?" Doch es blieb dabei, und plötzlich war der Begriff der shrinking cities auch aus der deutschen Diskussion nicht mehr wegzudenken – mittlerweile ist er den Diskurs-Souffleuren vielleicht sogar das eine oder andere Mal zu oft über die Lippen gekommen.

Im Ganzen aber, sagt Hortensia Völckers, habe sie das Gefühl, dass der Stiftungsrat mit großer Begeisterung und Tatendrang die Arbeit der Stiftung begleite. Und obwohl die Stiftung ursprünglich eine SPD-Gründung war, habe auch der Regierungswechsel 2005 die Zusammenarbeit überhaupt nicht beeinträchtigt. Immer wieder passiere es, dass etwa Norbert Lammert sie anrufe, ob man nicht mehr für die zeitgenössische Musik tun könne, die habe so einen schweren Stand – und ihr Schmunzeln, mit dem sie das erzählt, deutet an, dass diese Form der Einmischung ihre volle Wertschätzung genießt.

Dass sich die Stiftung heute derart natürlich in die deutsche Kulturlandschaft einfügt, war keineswegs selbstverständlich. Die Ersten, die die Idee für eine solche Institution hatten, waren 1977 Günter Grass und Willy Brandt . Doch sie galt als heißes Eisen, als ein Sprengsatz, der das Verfassungsgefüge der Bundesrepublik durcheinanderbringen könnte. Schließlich gehörte es zu den erzenen Überzeugungen der BRD , dass Kultur Ländersache sei. Dass die Länder dann vor zehn Jahren kein Veto mehr eingelegt haben, hing auch mit den finanzpolitisch engeren Spielräumen von Ländern und Kommunen zusammen: Diesen Bundesgeldsegen, der auch ihren eigenen Einrichtungen zugute kommt, abzulehnen, brachten sie dann doch nicht übers Herz.

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Leserkommentare
    • Lyaran
    • 18. März 2012 8:35 Uhr

    Bei der ganzen (berechtigten) Politikschelte der letzten Jahre is es schön dass es auch gelungene Projekte gibt. So denn der Artikel nicht maßlos übertreibt. Frau Hortensia Völckers scheint ja wirklich eine interessante und bewundernswerte Person zu sein. Ob sie nicht in die Politik wechseln will? :)

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