DIE ZEIT: Herr Boll, Sie sind Geschäftsführer für Europa bei Christie’s und haben jahrelange Erfahrung mit Auktionen. Kürzlich sind Sie von Zürich nach London umgezogen. Müssen Sie sich dort auf einen anderen Kunstgeschmack einstellen?

Dirk Boll: Engländer haben meiner Erfahrung nach tatsächlich einen anderen Geschmack als Schweizer. Spitzenpreise für Pferde und Hunde erzielen Sie vor allem in London: Englische Sammler lieben das Landleben. In der Schweiz verkaufen sich dagegen Bergansichten ganz ausgezeichnet.

ZEIT: Es heißt doch immer, die Kunstwelt sei global – wie erklären Sie sich solche nationalen Unterschiede?

Boll: Warum das so ist, weiß ich selbst nicht; ich bin kein Soziologe. Grundsätzlich sind natürlich der Name des Künstlers, die Geschichte seines Werks und der Erhaltungszustand die wichtigsten Faktoren. Dennoch kann man die Auktionsnachfrage auch einmal hinsichtlich der unterschiedlichen Bildinhalte beleuchten. Die Vorlieben lassen sich recht eindeutig an den Auktionsergebnissen ablesen. Franzosen mögen zum Beispiel überhaupt keine Schneelandschaften, obwohl es in Frankreich ja auch schneebedeckte Alpen gibt. Es gibt aber nicht nur nationale, sondern auch globale Trends: Wenn Sie beispielsweise ein Seestück verkaufen wollen, dann sollte das Meer unbedingt ruhig sein. Bloß keine sturmgepeitschte Biskaya!

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Boll: Vielleicht ist es den Sammlern lieber, wenn ihre Handelsflotte möglichst sicher über die Weltmeere schippert.

ZEIT: Kann man auch bei Gemälden mit Menschen Prognosen wagen?

Boll: Bei Porträts macht sich durchwegs Prominenz bezahlt. Auch gutes Aussehen ist wichtig. Tendenziell verkauft sich eher die hübsche Kronprinzessin als der kahlköpfige, bärtige Landtagspräsident.

ZEIT: Gibt es auch besonders gefragte Farben, die den Preis in die Höhe treiben?

Boll: Alfred Schmela, der berühmte Düsseldorfer Galerist, pflegte zu sagen: »Wenn nichts mehr hilft, dann ein blaues Bild.« Mein Kollege Brett Gorvy aus New York schwört hingegen, dass Rot die gefragteste Farbe ist.

ZEIT: Ändern sich die Vorlieben der Sammler in einer wirtschaftlichen Krise?

Boll: Der Geschmack wird konservativer. Man möchte sein Geld lieber für kanonisierte, sichere Kunst ausgeben. Auch das umgekehrte Phänomen ist interessant: Wenn eine Region sich wirtschaftlich sehr stark entwickelt, boomt die Kunst aus dieser Region. Seit Mitte der 1990er Jahre steigt zum Beispiel die Nachfrage nach klassischer Kunst aus Russland und dem Mittleren Osten sehr stark an.

ZEIT: Vermutlich auch, weil die Sammler aus den aufstrebenden Ländern selbst mehr Geld in Kunst investieren können?

Boll: Momentan gibt es eine große Nachfrage für chinesische Altkunst. Im Westen war diese Kunst im 19. Jahrhundert sehr beliebt, damals kauften viele Sammler chinesisches Kunstgewerbe wie Porzellan und Lackarbeiten, aber auch Kalligrafien. Durch die enorm gestiegene Kaufkraft der Chinesen wandert diese Kunstwerke nun wieder dorthin zurück.