Roman "Große Ferien"Lob des Unkrauts

Nina Bußmann grübelt kunstvoll in ihrem Debütroman. von Hubert Winkels

Die Autorin Nina Bußmann in Klagenfurt

Die Autorin Nina Bußmann in Klagenfurt  |  © EPA/GERT EGGENBERGER

Wir hatten sie immer schon in Verdacht, die Mathe- und Physiklehrer, die Erdkunde- und Biolehrer: nicht zu verstehen, was Schüler umtreibt, das Menschliche nicht zu verstehen, ja das Verstehen selbst nicht zu verstehen. Und jetzt haben wir es schwarz auf weiß, gleich in zwei beachtlichen Romanen hintereinander: Nach Judith Schalanskys Der Hals der Giraffe über eine Biolehrerin im entvölkerten Nordosten Deutschlands, die ihre Schülerhorde nur in darwinistischer Ausleseperspektive in den Blick kriegt, konfrontiert uns Nina Bußmann in ihrem ersten Roman Große Ferien mit dem fast gegenteiligen Wahnsinn eines Physiklehrers, der vorsichtshalber gar nichts begreift.

Der Mann mit dem Namen Schramm ist so ängstlich und vorsichtig, dass sich vor lauter Einschränkungen seine Aussagen im Nebel verlieren. Er ist skrupulös bis in den artistischen Einsatz der Körpermuskulatur beim Unkrautzupfen hinein; er baut lieber drei Nebensätze mit aufgewärmten Nebensachen, statt einfach zu sagen: Es scheint die Sonne. Und die Erzählerin tut es ihm gleich. Auf kluge Weise macht sie Umständlichkeit zu ihrem Prinzip: Umwege, Umleitungen, Umgehungen, Kehren und Wenden sind Mittel, einer ominösen Wahrheit auszuweichen. Dieser Umwegwahnsinn hat Methode: Denn was ein richtiges Trauma ist, das ist gar nicht außerhalb der Umständlichkeit seiner Darstellung zu haben. Freud nannte das: Rücksicht auf Darstellung. Also haben wir die schön verrückte, die metonymisch verrückte Wahrnehmung, aber keine verletzende Urszene, kein Ereignis, das schmerzt. Nur Unsägliches eben: »So wie die Geschichte und in der Geschichte er gesehen wurde, wusste er jedenfalls, war es nicht gewesen: Wem bereitet solches Wissen nicht Vergnügen, einen stillen Triumph.«

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Und dabei sieht von Anfang an alles nach Tabubruch und Skandal aus. Etwas ist vorgefallen, und Lehrer Schramm reinigt nun den ganzen Roman über bis zum Schmerz des Lesers die Auffahrt zur elterlichen Wohnung von Unkraut. Und Schramm, für immer in Ferien, weil er einfach nicht mehr zum Dienst erschienen ist, erinnert sich dabei: Es gab da eine Geschichte mit dem Schüler Waidschmidt, einem aus dem Osten zugezogenen Jungen. Viel wurde geredet, die Reden erreichten Waidschmidt und Schramm. Und dann gibt es die Folgen, die wir lesen: Schramm am Boden, zupfend und jätend und grübelnd. Doch warum genau, das erfahren wir nicht. Wir können nur dechiffriergeübt fragen: Was rupft so einer aus? Das Unbewusste, das wilde Wachstum desselben, die drängende Erinnerung?

© Suhkamp

Ein herkömmlicher Unterhaltungsroman wüsste uns nun Seite um Seite der verhängnisvollen Affäre am Grunde des neurotischen Zupfens näher zu bringen. Schramm mit Waidschmidt im Physikunterricht, vor allem im Kartenraum dreimal die Woche. Was geschah da neben all den intellektuellen Disputen? Hatte wer wen angefasst, gab es leidenschaftliche Bekenntnisse? Man kann am Ende vom Lied, vom leicht antiquiert klingenden, fein periodisierten Buch diese Fragen nicht einmal verneinen. Wir wissen es einfach nicht. Nina Bußmann umkreist diese Krypto-Pseudo-Urszene ein ums andere Mal, sie gelangt von diesem heißen Nichtzentrum zurück in die Kindheit von Schramm, zum despotischen Vater mit seiner Neigung zum deutschen Kunstlied, zur apathischen Mutter, zum Tod beider, zu ihren misslungenen Lebensläufen und Beerdigungen, bis klar wird, dass auch das Gedenken selbst misslingt. Alles Gesagte könnte ganz anders sein. Und das andere steckt schon im Gesagten drin.

Immer noch kniet Lehrer Schramm in der Auffahrt und jätet. Dabei steht sein Bruder Victor so gut wie vor der Tür. Er hat sich wieder einmal angesagt im alten Elternhaus bei Schramm. Victor, der lange in Nicaragua war und es dennoch zum Arztberuf gebracht hat, kommt manchmal mit wechselnden Frauen vorbei. All die gehabten Gespräche und auch das künftige, das sich um Waidschmidt und »die Geschichte« drehen könnte, werden so lange im Kopf von Schramm breitgewalzt, bis nichts mehr übrig bleibt außer einem Rauschen der Vergeblichkeit.

Der Zweifel als Erzählprinzip

Die Praxis dieses Ein- und Aufweichens eines Sachverhalts ist die erzählerische Praxis dieses Romans. Steuert ein Satz auf eine konkrete Situation zu, auf etwas Aussagestarkes, so strebt eine Hilfsarmee von Relativsätzen dahin, die szenischen Randbedingungen dieser Situation über Dutzende von Zeilen feinzumalen, wie man in der Malerei sagte – und tatsächlich ist Nina Bußmann in ihrem szenischen Naturalismus eine Feinmalerin von Graden. Dann kommt die indirekte Rede zum Einsatz, der Konjunktiv; immer stärker verweist er aufs Hörensagen, darauf, dass auch anderes hätte gemeint sein können. Manchmal behindern schon Lautstärke und Nebengeräusche das schiere Zuhören. Und ist etwas im Gehirn angekommen, ist unklar, ob es im richtigen Areal mit den richtigen Mitteln decodiert wird. Ist dies geschehen, so kann die Erinnerung trügen und so weiter.

Dem Miss- und Nichtverstehen sind keine Grenzen gesetzt; der Skrupel und Kautelen ist kein Ende. Nur das Romanende eben, bei dem man sich die Augen reibt: Was hat man da gelesen? Worum ging es? Kann man das jemandem erzählen? In Klagenfurt , beim Ingeborg-Bachmann-Preis, wo Nina Bußmann Ausschnitte aus ihrem Roman gelesen hat, behalf man sich mit der These von einem tastenden homosexuellen Lehrer-Schüler-Verhältnis: Besser, man hat überhaupt etwas, woran man zweifeln kann, als nur den Zweifel ohne gescheiten Gegenstand.

Eben einen solchen gegenstandslosen Zweifel als Erzählprinzip hat uns Nina Bußmann aber vorgesetzt: große Ferien von Ursache und Wirkung, Trauma und Folgen. Die Inszenierung der Unmöglichkeit des Verstehens bei einem Weltflüchtigen, der dabei ist, sich selbst auszuzupfen. Man kann das auf Dauer ein wenig langweilig und altbacken finden, aber es bleibt doch ein eindrucksvoller Rest kommunikativ wuchernden Unkrauts, präzis hindrapiert in die Romanauffahrt. Und zu schade zum Ausrupfen.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Roman | Trauma | Nicaragua | Klagenfurt
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