Roman "Im Kasten"Alles sehr ordentlich

Jens Sparschuh führt uns einen Terroristen des Aufräumens vor.

»Ordnung muss sein!«, der garstige deutsche Satz verrät zugleich, was er gar nicht sagen will: dass die Ordnung gar nicht sein will, sondern eben muss, weil sie sich freiwillig nur selten einstellt. Darum die vielen mahnenden Sprüche, Regeln und Rezepte. Und darum die zahllosen Fachleute fürs Ordnungschaffen, die vom Müssen mehr verstehen als vom Wollen. Hannes Felix ist einer von ihnen. Seine Domänen sind das Sortieren, Aufräumen, Auslagern und Einlagern. Und wie es sein Name nahelegt, darf man sich den Romanhelden als einen glücklichen Fachidioten vorstellen. Halbwegs zumindest.

Glück hat er mit seinem Autor Jens Sparschuh. Denn der versteht sich, wie sein Roman Der Zimmerspringbrunnen unvergesslich bewiesen hat, ausgezeichnet auf das Abschildern, Vermessen, Ausloten der eher kleiner karierten Muster des Daseins, die bekanntlich auch an den höchsten Stellen vorkommen. Im Kasten heißt sein neuer Roman ebenso lapidar wie aufgeräumt.

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Romanheld Felix liebt sein Metier noch mehr als seine Frau. Das Wichtigste ist ihm, sie zuverlässig dort zu wissen, wo sie gerade zu sein hat, sei es zu Hause, auf der Arbeit oder, falls es gar nicht anders gehen sollte, bei einem anderen Mann. Im Sortieren und Abstempeln ist Hannes Felix gut ausgebildet. Als Kind war er schon beim Mikado unschlagbar. Seine Tätigkeit in einer Stadtverwaltung brachte ihm unschätzbare Einsichten, bis er gehen musste, weil die Vorgesetzten seinem Durchblick nicht mehr gewachsen waren. Danach übernahm er eine ordnende Funktion beim Grünflächenamt und bearbeitete das Herbstlaub, indem er es mit dem Laubbläser zusammentrieb. Bis er unverhofft Norbert über den Weg lief, der seine Fähigkeiten erkannte und ihn in die mittelständische Wirtschaft holte.

NOAH heißt die Firma: Neue Optimierte Auslagerungs- und Haushaltsordnungssysteme. Oder auf Deutsch: eine Self-Storage-Firma, wo die Kunden Abteile mieten können, um dort Hausrat, Ware oder Sonstiges einzulagern. Der ideale Job für Hannes Felix, den Auf- und Einräumer, noch dazu eine leitende Aufgabe, nur mit dem kleinen Nachteil, dass das Geschäft da draußen an der Autobahn, außerhalb von Berlin, nicht so richtig in Schwung kommen will. Was andererseits den Vorteil hat, dass Felix viel Gelegenheit findet, zu räsonieren, Optimierungsideen zu entwickeln, Kunden zu akquirieren, Werbung zu entwerfen und die Leser des Romans mit alledem ausgezeichnet zu unterhalten.

Sparschuh lässt seinen Helden in der Ich-Form erzählen. Das ist nicht ohne Tücken. Schließlich bedeutet das nichts anderes, als einen, der äußerst engstirnig handelt, darüber außerordentlich reflektiert, hellsichtig und informiert sprechen zu lassen. Ein bisschen knirscht es in der Erzähllogik, wenn der Ehemann auf den dramatischen Moment, in dem seine Frau ihren Koffer packt und davonlaufen will, ausschließlich mit seiner fachlichen Pedanterie reagiert. Das ist nicht die einzige Stelle, wo der Charakter des Helden irreal reduziert erscheint.

Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

Trotzdem gelingt es Sparschuh dann doch, die Plausibilität zu wahren, indem er seinen Helden nicht realistisch, sondern entschieden als Kunstfigur konturiert. So betrachtet, lässt sich in Felix eine Figur mit Geschichte erkennen. Elias Canetti, der sich auch für die Einseitigkeiten des spezialisierten Menschen interessierte, bezeichnete diesen Zivilisationstypus als »extremen Charakter«. Nietzsche hatte Ähnliches im Sinn, als er vom umgekehrten Krüppel sprach, »der an allem zu wenig und an einem zu viel hat«. Heute ist diese Schwellenerfahrung der Moderne fast in Vergessenheit geraten, sie ist Gewohnheit geworden. Sparschuh hat die Problematik wieder aufgegriffen. Sein Held gehört unbedingt in diese literaturhistorische Tradition.

Dennoch, das ist die Kunst des Autors, wirkt Felix keineswegs blutlos. Gewiss, Sparschuh dekliniert sein Thema durch. Er lässt keine thematische Querverbindung aus, nicht das Grundproblem Chaos/Ordnung, nicht die Messies und Gerümpler, weder den Hausstaub noch die Bücherregale, er vergisst nicht die berüchtigten Hausordnungen, und er kommentiert die Differenz zwischen der Textverfertigung auf Schreibmaschine und Computer. Mit anderen Worten, er hat in seinen Roman praktisch alle einschlägigen Themen hineingepackt. Meist ist das komisch, witzig und treffsicher. Sparschuhs Roman präsentiert sich als ein ebenso riskantes wie unterhaltsam erhellendes Unternehmen. Wer sonst hätte uns mit Loriot-Komik die heute allgegenwärtigen Experten als Terroristen ihres fachlichen Milieus vorgeführt?

 
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