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Für Bücher, die im Gegensatz zu Bildbänden gelesen werden, haben Menschen in Gartenbuchverlagen ein Wort erfunden. Es heißt Reader. Plötzlich erscheinen viele Reader. Zum Beispiel einer von Jakob Augstein , Journalist, Herausgeber der linken Wochenzeitschrift Der Freitag und als Adoptivsohn Rudolf Augsteins dessen Dauertestamentsvollstrecker. Der Titel lautet: Die Tage des Gärtners. Vom Glück, im Freien zu sein. Fragt sich schnell: Warum schreibt ein Jakob Augstein über seinen Garten? Verleger geben ja viel auf Kompetenzen. Also weil er seinen Garten liebt? Weil er gern schreibt? Weil er Gartenbücher mag? Vielleicht weil er viel über Gärten weiß?

Die Lektüre beginnt mit einem entlaufenen Kaninchen. Allerdings taucht es, anders als in Alice in Wonderland , nicht als sprechendes Kaninchen wieder auf. Stattdessen beginnt Jakob Augstein Pirouetten zu zwirbeln, Drehwuchs nennt man Ähnliches bei Pflanzen. Das Kaninchen ist weg, doch nicht vergessen, genauso wie die gefällte Eibe, der aufgenommene Ziegelweg, das Hochbeet. Denn Gartenzeit ist Erinnerungszeit, ein Gartentag sind 1000 Jahre, und der Garten ist in 19 Sekunden durchschritten und so fort. Es gibt Meister des Bramarbasierens. Thomas Bernhard ist einer. Wolf Haas ein anderer. Jetzt lernen wir Jakob Augstein kennen.

Und er führt uns von der Harke zum Laubbläser, vom Laubbläser nach Zwickau , in Zwickau zu Melanchthon und schließlich zu Jesus. Irgendwie kommt man wieder zum Federbesen, Laubbesen, Laubrechen. Und landet einige Seiten später in Berlins Grüner Woche, bei Burschen in dicken Lederhosen, bei Wodka, Würsten und der Russischen Föderation. Und so fährt es fort und wächst und wuchert. Der Folienteich hat Löcher, aus Kaulquappen werden Frösche, im Winter sterben die Fische. Giersch ist nichts gegen einen Mann, der uns mit seinem Gedankensturm überzieht.

Das ehrgeizige Buch ein eigentümliches geworden

Die ganze Welt ist ein Garten, der Garten die Welt. Man könnte das wirklich so sagen. Schwierig wird es allerdings, wenn es sich um einen speziellen Garten handelt. Wenn dort im Herbst von allen Beeten das Laub gekratzt wird, wenn ihm der Winter nicht gegönnt wird – grässliche Zeit weiß verschneiter Ödnis – und er eng umzäunt ist, denn "der Zaun bedeutet Kultur", und die Nachbarn sollen nicht reingucken. Und wenn er darum voller Rhododendron steht, denn "einem Garten ohne Rhododendron fehlt der Halt" – dann ist da einem die Sicht auf die Welt zugewachsen, zumindest auf die Gartenwelt.

Und so ist das ehrgeizige Buch ein eigentümliches geworden. Eine der unhaltbaren Behauptungen: "Lassen Sie bloß die Finger von Rittersporn." Dieser total überschätzten Pflanze. Das könnte noch ironisch sein. Vielleicht hat Jakob Augstein zu viel vom Rittersporn-Papst Karl Foerster gelesen. Ernst ist es ihm mit der Ablehnung jeglicher Nutzpflanze (Spalierobst ausgenommen). Der plötzliche Hang zur Nutzgärtnerei sei eine ostdeutsche Infektion, nach 1989 in den Westen rübergeschwappt. Und vollkommen ungebremst ist seine Mission: "Im Garten kommen wir dem Ziel am nächsten: Herrschaft, Kontrolle, Ordnung." Schützen Sie gefährdete Pflanzen mit einer geballten, am besten dreifachen Dosis Schneckenkorn. Kein schlechtes Gewissen. Igel kommen eh nicht vor. Und wenn schon: "Igel blühen nicht."

Es ist auch ein Buch der Zahlen und statistischen Lesefrüchte: 40 Kilometer misst die Erdkruste, einen Meter Boden brauchen Pflanzen unter sich. In Oberfranken geht die Sonne jeden 15. Oktober um 5.37 Uhr auf, in Berlin dagegen um 5.31 Uhr. Die Abwassergebühren in Berlin betragen durchschnittlich 673,14 Euro, in Freiburg 283,31. Ein Gränsfors-Beil kostet bei Manufactum 68 Euro. Und es ist ein Buch der "Sehnsüchte beim denkenden Mann", vor allem, wenn es ums Holzmachen geht. Thomas Bernhard liefert dazu den Romantitel: Holzfällen. Der Burgschauspieler Sepp Bierbichler die Performance, das "Holzschlachten". Peter Handke die Meditation beim fließenden Gleichmaß des Sägens. Und Jakob Augstein den alltäglichen Realismus. Er haut sich das Beil ins Knie. In der Praxis, während das Knie genäht wird, stellt er sich den Arzt vor "als Stabsarzt im iranisch-irakischen Krieg". Mindestens. Der Gärtner als "grüner Schmerzensmann".

Für all das rühmt Nils Minkmar , Feuilletonchef der FAZ, das Buch und nennt es einen "botanischen Bildungsroman". Und die Süddeutsche sieht gar Ähnlichkeiten mit den Erzählungen des wundervollen tschechischen Schriftstellers Karel Čapek in Das Jahr des Gärtners . Soll ich das Buch mit dem verworrenen Gartenschlauch auf dem Einband aufheben und in meinen Schrank stellen, dorthin, wo es so offensichtlich hinmöchte, neben Karel Čapek und Rudolf Borchardt (Der leidenschaftliche Gärtner), neben den grandiosen Briefwechsel von Christopher Lloyd und Beth Chatto, neben Michael Pollans Second Nature und Charles Dudley Warners unvergleichliches Buch Mein Sommer im Garten? Nun ja, es ist beneidenswert liebevoll gestaltet mit Illustrationen von Nils Hoff, dem wissenschaftlichen Zeichner am Naturkundemuseum in Berlin. Mal sehen.