Pianist Rafał BlechaczFrüh vollendet

Der Pianist Rafał Blechacz kann mehr als großartig Chopin spielen von Wolfram Goertz

Rafał Blechaczs Karriere begann mit dem Sieg beim berühmten Warschauer Chopin-Wettbewerb.

Rafał Blechaczs Karriere begann mit dem Sieg beim berühmten Warschauer Chopin-Wettbewerb.  |  © Felix Broede/DG

Ein Volk im Ausnahmezustand. Die Zeitungen überschlagen sich. In seiner Heimatstadt wird geflaggt, denn der junge Mann hat die Krone zurückgeholt. Lange galt sie verloren an Virtuosen, an Meister des Raffinements, an Schlachtrossflüsterer und Sinneszauberer. Jetzt aber klingt Musik auf einmal wieder pur, gänzlich authentisch, die Botschaft der Musik, die da erklingt, kommt aus ihrem Innersten, und manchem scheint es, dass Chopin selbst zum Publikum spricht – hell, lebhaft, fesselnd und doch melancholisch bis ins Mark.

Im Jahr 2005 gewann der junge polnische Pianist Rafał Blechacz den Warschauer Chopin-Wettbewerb , eine Konkurrenz, in deren Verlauf auch Hausmeister in Krakau , Arbeitslose in Łódź und Hostessen in Warschau neugierig auf den Ausgang werden. Schließlich geht es um ein patriotisches Erbe und um den größten Komponisten, den das Land hervorgebracht hat. Blechacz’ großer Landsmann Krystian Zimerman hatte den Chopin-Wettbewerb dreißig Jahre zuvor gewonnen, seitdem siegten Kandidaten aus aller Herren Länder. Blechacz nun schlug seine Gegner nicht einfach nur, indem er die Jury auf seine Seite brachte: Sie wurde beinahe zu seiner Gemeinde. Sie verlieh ihm den ersten Preis und sämtliche vier Spezialpreise, und wie zur Demütigung des gesamten Teilnehmerfeldes vergab sie keinen zweiten Preis. Auffälliger, eindeutiger, gewaltsamer lassen sich Unterschied und Abstand nicht darstellen. Krystian Zimerman rief sogleich an, um zu gratulieren, und als sich die beiden Pianisten erstmals trafen, stand am Anfang eine Umarmung.

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Seitdem ist Blechacz oft in seiner Hauptrolle als Chopins jüngster Testamentsvollstrecker tätig geworden. Er hat mehrere Kontinente erobert, ein solcher Sieg ist ein Katapult, das einen hoch fliegen lässt. Trotzdem hat der junge Mann sich erstaunliche Bodenhaftung bewahrt, hat seine Herkunft, die Bescheidenheit, nie aus den Augen verloren. Manche Kritiker preisen jetzt schon Blechacz’ Diskretion, seine klassizistische Gesinnung. Aber akademisch beruhigt ist der jetzt 26-Jährige keineswegs. In Wirklichkeit ist er – und das ist das Spektakuläre – ein unerhörter Systematiker.


Nach dem Sieg in Warschau nahm ihn die Deutsche Grammophon unter Vertrag, der er zunächst eine sensationelle Aufnahme von Chopins Préludes spendierte. Dann legte er mit Sonaten der Wiener Klassik nach, nahm sodann die beiden Chopin-Konzerte mit dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam auf, wofür er den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik bekam – und jetzt hat er Klavierwerke von Claude Debussy und Karol Szymanowski eingespielt. So betreibt der Pianist die Ausweitung der Kampfzone.

Für den Chopin-Wettbewerb hatte Blechacz, der Junge aus dem oberschlesischen Dorf Nakel, nicht sonderlich trainiert. Er erschien ihm eher wie eine Mautstation, die man notwendigerweise auf dem Weg zum Solistendasein passieren muss. Mit seiner Lehrerin Katarzyna Popowa-Zydron hatte er die Wettbewerbsstücke gewissenhaft präpariert, aber seine Zukunft nicht von einem Preis abhängig gemacht. 2005 steckte er noch mitten im Studium, und die öffentliche Kür zu einem der besten Nachwuchspianisten der Welt hatte für ihn anfangs etwas Irreales. Es spricht sehr für seine Erdung, dass Blechacz nicht größenwahnsinnig wurde.

Von den ersten größeren Honoraren kaufte er sich und seiner Familie (Vater, Mutter und Schwester) ein schönes Haus auf dem Land, wo er heute noch lebt und arbeitet, beschränkt die Zahl der Konzerte pro Jahr auf maximal 40 und weigert sich hartnäckig, innerhalb Europas allzu oft im Flugzeug zu sitzen. Die Reisen zu den Konzertorten bewältigt er gemeinsam mit seinem Vater im Auto – und spätestens jetzt werden die Parallelen zu Krystian Zimerman sehr offenkundig. Den ruft er manchmal aus Verbundenheit an, und dann sagt Zimerman lakonisch: »Ich stehe hier gerade 25 Kilometer vor Madrid im Stau.« Zimerman reist ebenfalls im Auto zu allen Konzerten und transportiert stets seinen eigenen Flügel im Anhänger. So weit in der Idiosynkrasie ist Blechacz noch nicht. Einstweilen fügt er sich artig in den Betrieb, akzeptiert die Instrumente vor Ort und vertritt seine Rolle als Chopinist.

Leserkommentare
    • naej
    • 25. März 2012 22:30 Uhr

    Sein Geburtsort Nakel (Nakło nad Notecią) ist ein großes Dorf mit 19000 Einwohnern; üblicherweise wird so ein Dorf Stadt genannt. Es ligt auch nicht in Oberschlesien, sondern in der Woiwodschaft Kujawien-Pommern, 30 Kilometer westlich von Bydgoszcz (Bromberg).

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