Gumpert und Sommer: Das Fernweh bleibt
Ulrich Gumpert und Günter Baby Sommer sind Veteranen des DDR-Jazz. Bis heute sehnen sie sich nach dem offenen Horizont.
© Tobias Sommer

Die Ost-Jazzer: Ulrich Gumpert und Günter Baby Sommer (von links)
Man sieht sie förmlich vor sich, diese zwei abgehangenen Gestalten, wie sie im Schwarzwald, in dem legendären MPS-Studio, hinter ihren Instrumenten sitzen: der eine klassisch unterkühlt mit seiner Intellektuellenbrille, verborgen hinter dem großen, glänzenden Bösendorfer Imperial, für den man seinerzeit Teile des Treppenhauses versetzen musste; der andere massig und überbordend hinter seiner ausladenden Schlagzeugbatterie mit all den Trommeln, Becken, Klingeln. Man meint zu sehen, wie Ulrich Gumpert und Günter Baby Sommer verschmitzt grienen, während sie La Paloma spielen, das alte Schlachtross der Varietés.
Wie Gumpert lächelnd die Durakkorde drückt, ganz einfach und klar, wie er den leicht synkopierten Beguine-Rhythmus andeutet, die Melodie, in unaufgeregten, manchmal fast schon stolpernden Sentenzen und ausgesprochen liedhaft. Auch Sommer spielt das (für ihn) Außergewöhnliche: Er macht sich klein, raschelt ganz leise mit dem Besen, akzentuiert einige Offbeats und genießt. Manchmal genügt schon wenig – wie sie etwa nach jeder Strophe eine kleine Pause setzen, einen Riss in der Zeit, durch den neue Wahrnehmungen in das vertraute Stück dringen. La Paloma hat Bedeutung für die beiden Musiker – es ist das Titelstück ihrer neuen Duo-Produktion. Mit La Paloma und ähnlichen Schmachtfetzen, erfährt man aus den Liner-Notes dieser CD, fingen sie an, damals, Ende der Fünfziger, als junge Tanzmucker in der Zone, die es eigentlich zum Jazz zog. Gerade mal vierzehn Jahre war Sommer alt, als er sich La Paloma und den Radebeuler Tanzrhythmikern mit einem Abgang durch ein Toilettenfenster entzog. Zu peinlich waren ihm diese Elegien des Fernwehs. Gumpert kam erst später mit dem Song in Berührung, er sah den Song entspannter. Und entspannt sieht er ihn auch noch, wenn er ihn heute spielt.
So weit sie den beengten Verhältnissen von damals entwachsen sind und die DDR hinter sich gelassen haben, die aus dem Abstand von 22 Jahren ohnehin schon etwas verwaschen wirkt, so fest klebt das Etikett des DDR-Jazz an Günter Baby Sommer und Ulrich Gumpert. Im Krieg geboren (Sommer im August 1943 in Dresden, Gumpert im Januar 1945 in Jena), sind sie echte Kinder der DDR, und die Geschichte des DDR-Jazz ist von Anfang an ohne ihre Zusammenarbeit nicht zu erzählen. Kein leichtes Umfeld für werdende Jazzmusiker: 1964 wurde Gumpert wegen ungenügender Leistungen im Fach Marxismus-Leninismus exmatrikuliert. Sommer widmete dem Armstrong-Schlagzeuger Baby Dodds seinen zweiten Vornamen Baby und orientierte sein Spiel am Vorbild Art Blakey. In den Stasiakten wird er, ohne dass eine Verpflichtungserklärung vorliegt, in den sechziger Jahren eine Zeit lang als Mitarbeiter geführt, bevor die Zusammenarbeit wegen mangelhafter Disziplin, Nichterscheinens zu Treffen und Unzuverlässigkeit eingestellt wurde.
In der DDR der sechziger Jahre kamen die aufregenden Entwicklungen aus dem Westen mit einer gewissen Verzögerung an, trafen aber auf einen besonders fruchtbaren Humus, denn wer als Musiker arbeiten wollte, musste eine entsprechende Ausbildung nachweisen, was zur Folge hatte, dass Musiker in der DDR einen hohen technischen und musiktheoretischen Standard pflegten. Zu Beginn der siebziger Jahre hatte sich eine brodelnde Szene entwickelt, die mit Rockrhythmen und freieren Spielformen experimentierte. Gumpert und Sommer waren dabei. Sie spielten im Duo und verhalfen mit einem Auftritt ihres Quartetts Synopsis im Oktober 1973 auf der Jazz Jamboree in Warschau der speziellen, ostdeutschen Spielart des Free Jazz zum Durchbruch. Die DDR hatte plötzlich ein international zugkräftiges, kulturelles Produkt, dessen Erfolg die Kulturbürokratie zwang, darüber hinwegzusehen, dass diese Musik so gar nicht mit den Leitlinien des sozialistischen Realismus auf einen Nenner zu bringen war.








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