Tenor Klaus F. VogtWagner mit wehendem Haar

Schwere Jungspartien, leicht geschultert: Auf seinem Debütalbum schlüpft der Tenor Klaus Florian Vogt in die Rollen großer Opernhelden und hinterlässt bleibenden Eindruck von Mirko Weber

Der Tenor Klaus Florian Vogt

Der Tenor Klaus Florian Vogt  |  © Uwe Arens/Sony Classical

Ein Held? Dass wir nicht lachen! Trifft nicht beim Schießen, muss sich von den anderen Jägern veralbern lassen, zittert, zagt und stellt vollkommen unheldisch schon gleich zu Anfang die reinsten Memmenfragen: "Hat denn der Himmel mich verlassen?" – ja, schlimmer noch: "Lebt kein Gott?" Dennoch eröffnet der Tenor Klaus Florian Vogt als Max aus Carl Maria von Webers Freischütz mit der Arie Durch die Wälder, durch die Auen eine CD, die frank, frei und gleich doppelt fett Helden und Heroes im Titel heißt. Und dann? Singt Vogt den Max so hell, transparent und wässerchenungetrübt, als sei der Freischütz tatsächlich nicht mehr als jenes "Spielzeug in der Sonntagnachmittagsvorstellung", das Adorno aufblitzen sah. Einerseits. Andererseits schaute Adorno, was nun bei Vogt nie direkt aufscheint – die Abgründe des Stücks und der Figur, hier den biedermeierlich getarnten Terror, dort die nackte individuelle Verzweiflung.

Allerdings – und um es gleich deutlich zu sagen: Vogt bringt als Max wahrlich "reiche Beute" aus dem deutschen Repertoire auf seiner Debütplatte ein. Viel Wagner vor allem – Siegmund, Lohengrin und Walther von Stolzing, Mozarts Tamino, Lortzings Chateauneuf (aus Zar und Zimmermann ), Flotows Lionel (aus Martha ), noch einmal Oberon und schließlich den Paul aus Wolfgang Korngolds Oper Die tote Stadt . Und wann, bitte, wäre schließlich das letzte Mal von einem (Helden-)Tenor aus unseren Breiten die Rede gewesen, der diese ganzen höllisch schweren Jungspartien mitunter geradezu aufreizend leicht schultert? Da muss man schon zurückgehen zu Peter Hofmann , dessen Spektrum freilich von Anfang an kleiner war.

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Was Vogt und Hofmann eint, ist, dass sie ihre wahre Geburt als Sänger in Bayreuth erlebt haben. Vogt mimte dort 2007 nach etlichen Stadttheaterrunden den Actionpainter Walther von Stolzing in den Meistersingern . Das war nicht leicht, denn die Produktion stand unter immensem Druck, schließlich inszenierte die künftige Hausherrin Katharina Wagner gewissermaßen aufs Erbe hin. Aber auch wenn das letzte der Hunderte von Reclamheften im Fundus vergilbt sein wird, die in dieser alle Muskeln des Regietheaters kräftig überdehnenden Produktion immer wieder durch die Luft flogen, dürfte man sich noch erinnern an den Hügel-Debütanten Klaus Florian Vogt: sportlich, wiewohl bis zum Schluss scheint’s gar nicht so recht gefordert, bestand er alle gymnastischen und vokalen Verrenkungen.

So auch wieder auf dieser Aufnahme unter dem dann manchmal doch ein bisschen überroutiniert schlagenden Peter Schneider, der das Orchester der Deutschen Oper Berlin leitet: Vogts Helden gehen stets erhobenen Haupts und mit wehendem Haar, ja überhaupt fast lässig durchs Ziel. Strahlend, null derangiert, mit hofmannscher Höhe (bei Wagner) und leichtem Fritz-Wunderlich-Appeal bei Flotow und Mozart. Das sind, anders als bei David Bowie (oder Peter Hofmann), nicht nur Helden für einen Tag oder ein paar Jahre, die hier kommen. Das könnten, altmodisches Wort, aber wahr, Dauerbrenner werden!

Zu Vogts Nichtangestrengtheit passt, dass es sich gesprächsweise bei ihm immer anhört, als habe sich die Sängerkarriere des eigentlich gelernten und länger im Hamburger Philharmonischen Staatsorchester angestellten Hornisten wie nebenher ergeben. Neuerdings immerhin streut er öfter ein, dass Gestalten wie Lohengrin, den er in Hamburg , Baden-Baden , Mailand und Bayreuth zuletzt gesungen hat, sich nicht einfach aus dem Nichts entwerfen lassen. Genau das ist der Punkt: Vogts Wagner-Figuren haben auf der CD etwas – wie soll man sagen? – aus dem Hut Gezaubertes. Sie sind auf einmal da, und dann sind sie auch schon wieder weg, gerade dass man ungefähr ihre Umrisse erkennen konnte. Das hat auch ein wenig damit zu tun, dass Vogt in der hohen Lage immens auf mezza voce zielt. Beniamino Gigli lässt allerfreundlichst grüßen.

Was Webers Max und Wagners Heroen indes nicht ausreichend bekommen, ist eine Fallhöhe. Dass Vogt eine Ahnung hat, wie man die herstellt, erfährt man von ihm als Paul in Korngolds Die tote Stadt , wo das monochrom Blendende und Lineare in der Tonführung allmählich bewusst verdunkelt wird. Ob Vogt in dieser Richtung viel dazulernt, scheint fürs Erste zweifelhaft. Sein Terminkalender bis Mitte 2013 ist ausschließlich gepflastert mit Wagner-Rollen: Siegmund, Lohengrin, Parsifal und wie die Helden alle heißen. Wenig Zeit zum Luftholen und zum Nachdenken.

Klaus Florian Vogt: Helden (Sony Classic)

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Leserkommentare
  1. Dans le
    murmure de la
    nuit, dans le
    son qui revient
    comme la
    douce atmosphère
    qui chante le
    matin.....

    Francesco Sinibaldi

    • cmaul
    • 14. April 2012 15:54 Uhr

    menschliche Stimmen sind etwas sehr subjektives, ich will hier nicht ungerecht sein. Also vorher mal kurz zu youtube. Ich kann die Begeisterung nicht verstehen. Wenig Ausdruck, kleine Stimme, und Dinge, die einfach musikalisch falsch sind:... so kostbar als auf Erden nichts bekannt... Diese Phrase der Gralserzählung muss legato gesungen werden, 6 Sekunden dauert das, sowas muss ein Sänger doch hinkriegen, ohne vor dem 'als' Luft holen zu müssen. Die Arie ist voll davon, die gute Solveig Kringelborn (ein guter Sopran) ist an ihn geschmiegt und guckt die ganze Zeit, als ob sie garnicht glauben kann was der da singt. Schon komisch.
    Wie will Vogt denn zum Beispiel den Belmonte singen? Konstanze-Arie ... und bringe mich zum Ziel, die Note auf dem i ist zehn Sekunden.
    Nächster Versuch Lehar: Dein ist mein ganzes Herz.... Da muss die zweite Wiederholung mit einiger Verve gesungen werden, leider ist es auch eine ziemlich hohe Note, kriegt er nicht hin, denn in der Höhe hat die Stimme keine Kraft. Manche Sänger machen das mit Intensität wett, klappt aber hier auch nicht.
    Dritter Versuch wieder Wagner 'Winterstrümpfe riechen im Sommer ..' grauenvoll, aber das liegt auch an dem ebenbürtigen Klavierspieler. Zuviel Pedal.
    Vierter Versuch Korngold: 'Da bist Du ja Marie...'. Das klingt schon besser, aber die einzige Stelle, wo er ein forte braucht klingt wieder gepresst. Aber Tatyana Pavlovskaya der Sopran in diesem Duett hat die Stimme eines Engels. Hat sich also doch gelohnt.

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  • Schlagworte Peter Hofmann | David Bowie | Sony | Katharina Wagner | Oper | MIT
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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