Frauen im Pop : Pippi Punkstrumpf schlägt zurück

Die bösen Mädchen sind wieder da: Frauenbands wie Luise Pop, Doctorella oder Sawoff Shotgun treten das Erbe der amerikanischen Riot-Grrrls-Bewegung an.
Luise Pop aus Berlin © Ulrich Dertschei

Zu gern steckte man einen Tag lang in der Haut von Martin Lehr. Wie fühlt er sich, wenn er den Takt zu Zeilen wie "A boy is a boy, he’s a marvellous toy, and one can be fun, but twenty make you cry" trommelt? Ein Spielzeug zu sein, wenn auch ein lustiges, ist in der Regel kein Zuckerschlecken. Leider kann man ihn nicht selbst fragen. Nur die Sängerin von Luise Pop sitzt an diesem Tag im hipsterverdächtigen Kreuzberger Frühstückscafé.

Obwohl Vera Kropf gleich in der Nähe wohnt, ist sie zum ersten Mal hier, und eilig hat sie es auch. Auf dem Nachmittagsprogramm steht eine Probe mit ihrer zweiten Band Half Girl. Die besteht nicht zur Hälfte, sondern ganz aus weiblichen Mitgliedern. Reiner Zufall, behauptet Frau Kropf. Sie trinkt Bergtee, trägt einen dunklen Rock und unterm schwarzen Pullover eine babyblaue, vollständig zugeknöpfte Bluse. So zart, wie ihr Gesang klingt, ist ihre Stimme in Wirklichkeit gar nicht. Gut so, denn sie muss sich gegen eine Geburtstagsparty feierwütiger Briten am Nachbartisch durchsetzen.

Ein Mann in einer Band mit feministischem Anspruch ist bloß einer der scheinbaren Widersprüche beim Quartett Luise Pop. Mit fixen Ideen, wie Frauen oder Männer sein sollen, allein und miteinander, damit kommt man hier nicht weit. Ein Lied wie Black Cat könnte Luise Pop halbwegs geradlinig ins Radioprogramm führen, wären da nicht die textlichen Brüche und Vera Kropfs leicht verrutschte Tonlage. Sehr wahrscheinlich, dass derlei Imperfekt Teil des Plans ist. Sie bricht die Erwartungen an die Frontfrau einer Popband wie eine Laufmasche unterm kurzen Kleid die Erwartungen an eine "Dame". Wer sagt denn, dass man immer den Ton treffen muss? "I don’t give a fuck on the colour of your eyes."


So schnuppe wie die Augenfarbe ihres Sexpartners sind Luise Pop all die Ismen, mit denen diskursfreudige Poptheoretiker gern um sich schmeißen. Man kann das Feminismus nennen, wobei das schnell eine andere Art von Abgrenzung bedeutet – und für Frau Kropf eine Einschränkung. Klar geht es bei Luise Pop, deren Rhythmusgruppe noch in Wien wohnt, um Männer und Frauen. Nur spielen die traditionellen Rollenbilder keine entscheidende Rolle mehr. Männer müssen keine Cowboys mehr sein. Frauen sitzen nicht bloß vorm Telefon und warten darauf, gerettet zu werden. "Diese unnatürliche Festgefahrenheit, was die Geschlechter betrifft, muss beseitigt werden", sagt Vera Kropf, "Geschlechtsteile sind gut zum Liebe machen, für andere Lebensbereiche sollten sie keine Rolle spielen."

Luise Pop sind nicht die Einzigen, die so denken. Von einer Bewegung zu sprechen, dazu wäre es zu früh, ein Trend ist es allemal. Ein überfälliger Trend, wo doch die Genderstudies längst kein geisteswissenschaftliches Orchideenfach mehr sind, sondern ein viel diskutiertes Medienthema. Man kann den alten Geschlechterrollen nachtrauern, wie das dieser Tage in den deutschen Feuilletons geschieht, wenn laut über den "modernen Mann" nachgedacht wird. Dann lautet die Frage: Braucht man angesichts des Vorwurfs, dem Mann sei seine Männlichkeit abhanden gekommen, überhaupt noch so etwas wie Feminismus? Man kann die verlorenen Attribute aber auch als neue Freiheit und die überkommenen Rollen als Spielzeug begreifen. So sehen das neben Luise Pop auch Doctorella .

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