Renaissance-Musik: Andächtig ja, religiös nein
Das britische Vokal-Ensemble Stile antico ist eine Klasse für sich. Stimmlich perfekt und makellos klar interpretiert es die Madrigale und Ayres der späten Tudorzeit.
© Harmonia Mundi

Die zwölf Sänger von Stile antico
Das religiöse Klima im England des 16. Jahrhunderts war rau. Wer auf der falschen Seite stand, endete mit etwas Pech auf der Streckbank im Tower und anschließend am Galgen, wie 1581 der Jesuitenpater Edmund Campion. Für die englischen Katholiken dürfte es ein schwacher Trost gewesen sein, dass der große englische Renaissance-Komponist William Byrd Campion mit seinem Madrigal Why do I use my paper, ink and pen ein bewegendes klingendes Epitaph setzte und darin seinen »glorreichen Tod« besang. Fromm war man sicherer im stillen Kämmerlein.
Das könnte zumindest ein Grund dafür sein, dass sogar Stars der Epoche wie William Byrd, Thomas Tallis oder Orlando Gibbons in der späten Tudorzeit neben ihren Werken für die großen Kathedralen wunderbare Andachtsmusiken für private Gottesdienste im kleinen Zirkel komponierten. Hausmusik im Grunde, doch auf welchem Niveau! Ob John Amner, von dem wir nicht einmal die Lebensdaten kennen, die Dissonanzreibungen in seinem grandiosen Andachtsmadrigal A stranger here, as all my fathers were jemals so intonationsrein gehört hat, wie sie jetzt die zwölf jungen Damen und Herren von Stile antico auf ihrer sechsten und jüngsten CD mit dem schönen Titel Tune thy Musick to thy Hart servieren? Das gehobene englische Bürgertum hat seinerzeit offenbar fantastisch gesungen. Ansonsten müssten die Gottesdienste, die fromme Protestanten und bedrohte Katholiken in der guten Stube feierten, künstlerisch eine Tortur gewesen sein. Und so war der hoffnungsvolle Hinweis »Andacht braucht um Kunst sich nicht zu sorgen« in einer Ayre von Thomas Campion wohl kaum gemeint.
Stile antico macht aus dieser Musik ein Fest. Auf die Vokalmusik der Renaissance hat sich das englische Ensemble spezialisiert. Das kann man trotz der unüberschaubaren Literatur als arge stilistische Beschränkung empfinden, doch auf ihrem Gebiet sind die zwölf Briten eine Klasse für sich. Kein vergleichbares Ensemble musiziert derzeit mit einer solchen stimmlichen Perfektion und makellosen Klarheit. Dass trotzdem auch bei dieser ganz auf Klangschönheit zielenden Musik nie der Eindruck glatter Oberflächenpolitur entsteht, liegt an der atemberaubenden Expressivität, mit der Stile antico zu Werke geht. Sehr, sehr andächtig wird man da in der Tat. Religiös muss man nicht unbedingt sein.
Stile antico/Fretwork: Tune thy Musick to thy Hart (harmonia mundi)











http://www.youtube.com/us...
und eine Homepage: http://www.stileantico.co...
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