Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Dass es so etwas wie »weiblichen Führungsstil« gibt, bezweifle ich. Bei den weiblichen Führungskräften, die ich aus der Nähe beobachten durfte, habe ich, abgesehen von der Kleidung, nie einen weiblichen Stil feststellen können. Die waren wie männliche Chefs. Manche bekamen Wutanfälle und brüllten herum. Andere waren die Höflichkeit in Person. Auch Faulheit oder Fleiß scheinen nicht durch den Östrogengehalt im Blut vorherbestimmt zu sein.

Aber vielleicht irre ich mich. Deshalb habe ich eine wissenschaftliche Studie von Katja Glaesner gelesen: Hintergründe, Mythen und Konzepte zum weiblichen Führungsstil . Glaesner hat weibliche und männliche Führungskräfte beobachtet. Auch sie kommt zu dem Schluss: »Ein weiblicher Führungsstil existiert nicht.« Falls ich die Studie richtig verstanden habe, ist Führungsstil eher eine Generationenfrage. Auch jüngere männliche Chefs sind heute, im Durchschnitt, keine autoritären, unempathischen Testosterongeschwüre mehr. Die hören auch mal zu, die kommunizieren, machen Multitasking, Meditation, Diät, alles. Man darf halt nicht den Stil von 70-jährigen Firmenbossen, Rollenvorbild John Wayne , mit dem Stil 35-jähriger Jungmanagerinnen vergleichen. Das wäre sehr, sehr ungerecht.

Es gibt aber einen Punkt, in dem sich, laut Katja Glaesner, Männer im Berufsleben von Frauen unterscheiden. Männer haben dieses starke Geltungsbedürfnis. Deswegen, wegen der verdammten Hormone, würden Männer in Konferenzen immer deutlich länger reden als Frauen. Mehr noch: Sie reden auch dann, wenn sie gar nichts zu sagen haben. Ein typischer Mann meldet sich, obwohl in seinem Kopf nur Wolken, Melodiefetzen und geometrische Formen vorhanden sind, und wiederholt, in leicht veränderter Form, das, was längst eine andere Person gesagt hat. Ein Mann möchte ganz einfach irgendwas gesagt haben in dieser Konferenz. Als Hundeexperte weiß ich: Der Rüde muss unbedingt ständig sein Bein heben, auch wenn gar nichts mehr kommt.

Zahlreiche Journalistinnen haben jetzt die Frauenquote gefordert , 30 Prozent, für Führungspositionen in den Medien. Das wird vielleicht regelmäßige Leser dieser einzigen nicht hundertprozentig feministischen Kolumne Deutschlands wundern, aber: Sogar ich bin dafür. Hervorragende Journalistinnen gibt es in Hülle und Fülle. Dass es trotzdem recht wenige Chefredakteurinnen gibt, ist sonderbar. Ich hätte gerne eine Chefin wie Meryl Streep in Der Teufel trägt Prada, ich brauche Herausforderungen.

Ein Medienmagazin, Meedia, hat dazu eine Umfrage bei Verlagen und Sendern veranstaltet . Dabei kam heraus, dass die Forderung angeblich längst erfüllt ist. Von den Chefs sind, nach eigenen Angaben, beim Spiegel 28 Prozent weiblich, bei Condé Nast 40 Prozent, bei der ZEIT 30 Prozent, bei Burda 33 Prozent, bei Gruner + Jahr 30 Prozent, beim ZDF 34 und so weiter. Offenbar hatten die Journalistinnen sich einfach verrechnet oder nicht genau hingeschaut. Chefinnen tragen ja meist Hosenanzüge. Überhaupt: Frauen und Mathematik!

Ich bin jetzt völlig verwirrt. Ich sehe ja auch in den Medien fast überall Männer, an der Spitze. Und dann lese ich solche Zahlen. Ich dachte immer, Männer und Frauen, das kann ich gut auseinanderhalten. Offenbar bin ich eine Frau, die sich in den Körper eines Mannes verirrt hat, sonst hätte ich nicht diese Wahrnehmungsstörung. Letzten Endes kann das Problem nur gelöst werden, indem man für Medienchefs, ähnlich wie bei Leichtathletinnen, eine Hormonkontrolle einführt.

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