Ameisen, Bienen und Wespen sind soziale Wesen. Zu Tausenden leben sie auf engstem Raum zusammen und kooperieren statt zu konkurrieren: Arbeiterinnen schleppen Pollen und Nektar in den Bienenstock. Ammen füttern die Brut. Soldatinnen verteidigen das Nest. Jahrzehntelang bewunderten Forscher Staaten bildende Insekten als altruistisch und friedlich.

Doch inzwischen vertritt die Mehrheit der Forscher eine ganz andere Auffassung. Unablässig tragen Ameisen, Wespen und Bienen demnach in ihrem Staat Konflikte aus. »Friedlich geht es bei diesen Tieren nicht zu«, sagt der Insektenforscher Manfred Ayasse von der Universität Ulm .

Die Heile-Welt-Vorstellung stellten die Evolutionsbiologen Robert Trivers und Hope Hare aus den USA schon 1976 infrage . Sie entdeckten unter Honigbienen einen Kampf um das Geschlechterverhältnis: Die Königin will für die optimale Vermehrung ausreichend Männchen. Die Arbeiterinnen bevorzugen jedoch ihre Schwestern.

Aufgrund der ungewöhnlichen Geschlechtsbestimmung sind die Weibchen mit ihren Schwestern im Durchschnitt enger als mit ihren Brüdern verwandt. Die Weibchen entwickeln sich aus befruchteten Eiern mit einem doppelten Chromosomensatz – tragen also das Erbgut von Vater und Mutter in sich. Sie haben damit mehr Erbgut als die Männchen, die aus unbefruchteten Eiern mit dem einfachem Chromosomensatz der Mutter schlüpfen.

Um das Verhältnis zugunsten der Schwestern zu kippen, fressen Arbeiterinnen die männliche Brut auf. Geschwistermord – eine im Tierreich ausgesprochen seltene Praxis.

Doch unter sozialen Insekten, das haben Forscher in den vergangenen Jahren festgestellt, ist es nur eine von vielen rabiaten Verhaltensweisen. Jedes Jahr im Herbst tobt beispielsweise im Bienenstock eine Drohnenschlacht: Die männlichen Bienen, die Drohnen, sorgen von Frühjahr bis Frühsommer für den Nachwuchs der Königin. Danach sitzen sie allerdings untätig im Bau und lassen sich füttern. In guten Zeiten duldet die Kolonie diese Müßiggänger. Aber sobald der Winter näherrückt und die Nahrung knapp wird, packen die Arbeiterinnen die Faulpelze an ihrem Mundwerkzeug, den Mandibeln, und zerren sie aus dem Stock. Eine wochenlange Auseinandersetzung beginnt. Mitunter beißen die anderen Bienen die Drohnen so lange, bis sie freiwillig das Weite suchen. »Einige sterben bei der brutalen Vertreibung«, weiß Ayasse.

Egoistischen Ameisen-Arbeiterinnen droht eine Tracht Prügel

Auch Schmalbrustameisen, die zu Dutzenden in hohlen Eicheln leben, fechten miteinander in ihrer winzigen Behausung. Meist entzündet sich der Streit an der Frage, wer Männchen in die Welt setzen darf, hat der Ameisenforscher Jürgen Heinze von der Universität Regensburg beobachtet. Für die Königin ist es von Vorteil, wenn sie alle Männchen selbst hervorbringt. Doch die Arbeiterinnen bevorzugen eigene Söhne, mit denen sie genetisch enger verwandt sind. »Es gibt einen Interessenkonflikt zwischen der Königin und der Männchen produzierenden Arbeiterin. Dazu kommt ein zweiter Streit mit den anderen Arbeiterinnen«, erläutert Heinze. »Denn wer ein Männchen großzieht, verteidigt nicht das Nest und fehlt bei der Futtersuche.«