Nevada: Der milde Westen
Kaminfeuer und Twostepp: Beim Dichtertreffen in Elko, Nevada, zeigen Cowboys ihre weiche Seite.
»Polish your cowboy boots«, hatte Steven, mein amerikanischer Informant, in einer E-Mail empfohlen. »Putz deine Cowboystiefel. Schlaf im voraus, du wirst die Woche in Elko nicht oft dazu kommen. Trink mindestens einen Picon Punch, das wird dich locker machen für Twostepp und Polka. Finde heraus, wo nach den Konzerten die Jamsessions sind, häng dort herum, so lange du kannst, und schau in der Morgendämmerung mal nach Osten, zu den Ruby Mountains. Wenn du schon in eins der Casinos gehst, lass dein verdammtes Geld in deiner verdammten Tasche. Stay out of the brothels.« Brothels? Bordelle. Sind legal in Elko, wie im ganzen Staat Nevada.
Elko, das ist der Prototyp des Provinznests im amerikanischen Westen. Hoch oben in der High Desert gelegen, einem kargen Ödland mit Salbei- und Wermutbüschen. Gut 20.000 Einwohner – Rinderzüchter, Minenarbeiter, Glücksspieler. Und einmal im Jahr Treffpunkt für Rodeo-Poeten und Cowboy-Dichter aus dem ganzen Land.
Davon erzählte mir Steven Hatcher, ein junger Volkskundler mit Spezialgebiet Cowboy Culture. Ohne ihn hätte ich vom National Cowboy Poetry Gathering wahrscheinlich nie erfahren. Die Veranstalter machen keine Werbung. Wer kommt, der hat durch Mundpropaganda davon gehört. Man wolle authentisch bleiben, sagte Steven.
Die ersten Cowboyhüte – auf den ondulierten Häuptern zweier älterer Damen – sehe ich schon im Zug kurz hinter San Francisco. Zwölf Stunden dauert die Fahrt; bei gutem Wetter ein schöner, langer Landschaftsfilm. Die Bucht von San Francisco, das Delta des Sacramentoflusses, dann windet sich der Zug hinauf in die waldigen Höhen der Sierra Nevada und rollt vom Scheitelpunkt wieder hinunter zur Spielerstadt Reno, die am Fuß der Berge glitzert wie ein Rummelplatz. Die Ladys mit den Cowboyhüten steigen aus. Noch drei Stunden bis Elko, durch eine endlos platte, baumlose, urzeitlich leere Ebene fährt der Zug der Nacht entgegen.
Seit 28 Jahren treffen sich die reitenden Volkspoeten in dem kleinen Städtchen – und ziehen von Jahr zu Jahr mehr Publikum an. Inzwischen laden die Veranstalter auch Musiker ein, dazu gibt es Vorträge, Dokumentarfilme und Workshops (Kochen für Cowboys, Tanzen wie Cowboys, Lederzügelflechten nach Cowboyart). Den Mittelpunkt aber bilden immer noch die Dichter. Männer wie Waddy Mitchell, 62 Jahre alt, eine der bekanntesten Figuren der Szene. Er wuchs auf Ranches in Nevada auf, wo sein Vater als Lohn-Cowboy arbeitete, schon mit 14 Jahren verdiente auch er sich sein Geld im Sattel. Ein schwer gebauter Mann mit Walrossbart und freundlichen blauen Augen im Schatten einer mächtigen Hutkrempe. Tiefe Stimme. Ruhige Gesten. Als er im Saal des Convention Center ans Mikrofon tritt, ist es, als nähere er sich einem ängstlichen Fohlen.
Nach den ersten Versen halten 1.000 Menschen im Publikum überrascht die Luft an. Mitchell reimt nicht, wie erwartet, von scheuenden Pferden und kalbenden Kühen, sondern von den verstörten jungen Kriegsheimkehrern der USA: »...the young ones coming home from war, wishing they could sleep just once like before.« Ein Gedicht über schlaflose Afghanistan-Veteranen, beim National Cowboy Poetry Gathering? Als ich mich backstage mit Mitchell darüber unterhalte, sagt er: »Ich war in Vietnam. Die Hundesöhne haben uns damals angelogen.« Und die Politiker heute? Der Vorwahlkampf, Mitt Romney, Newt Gingrich? Cowboy Mitchell sagt: »I’m so embarrassed. I’d like to see them in a fistfight.« Die sind ihm so peinlich. Die sollten das beim Boxen austragen.
Ich lerne: Cowboy Poetry ist thematisch ziemlich offen. Das Pferd – the horse, auch hoss oder hawse geschrieben – bleibt die Nummer eins, aber Pick-up-Trucks gehen auch. Demente Eltern. Querschnittslähmung, klemmende Reißverschlüsse. Zwar höre ich in meiner Woche in Elko auch Plattitüden, Kalauer, Furz-Humor (Cowboys und Bohnen), aber das sind Ausrutscher. Manche Verse zeigen beachtliche Sprachartistik, viele Gedichte bestehen aus einem dreiteiligen Schema. Konkreter Einstieg aus dem Cowboyalltag, schweifende Assoziationen, Lehre fürs Leben. Ein Beispiel aus Waddy Mitchells Feder: Cowboy sucht eine abgängige Kuh, findet ihren Kadaver im Bachbett. Maden, Schleim, Verwesung, Gestank. Cowboy realisiert, dass er vorhin weiter unten aus dem Bach getrunken hat, es wird ihm furchtbar schlecht. Die letzte der acht Strophen geht so:
»For months after it, just the thought made me spit,
and I lived it over like a bad dream.
And the moral, I think, is if you must take a drink,
never, ever remount and ride upstream.«
(Noch monatelang musste ich beim bloßen Gedanken daran ausspucken, das kam zurück wie ein böser Albtraum. Und die Moral davon: Wenn du schon aus einem Bach trinkst, reite niemals danach flussaufwärts.)
Fast alle, die sich auf eine der Bühnen stellen, sind im großelterlichen Alter. Sie reimen und erzählen davon, wie das eigene Leben war, und davon, wie das cowboying sich verändert hat: Branchenfremde Großunternehmer kaufen Ranchbetriebe, bloß um sie steuerlich abzuschreiben. Viel Arbeit, sogar das Branding, kann heute ohne Pferd und Lasso maschinell gemacht werden. Das Jagen, Fangen und Zähmen der wilden Mustangs – Symbolmotiv vieler Gedichte – hat der Staat den Cowboys schon lange verboten.
To cowboy: Ich habe ein neues Wort gelernt. Als Verb war mir der Ausdruck nicht bekannt. Weil ich überhaupt wenig weiß von tatsächlicher Cowboyarbeit, fahre ich mit beim Gruppenbesuch auf einer Working Ranch im Hinterland von Elko.
Der dreijährige Julian nimmt die Zügel in die Hand, und der Braune geht los
Die Tomera-Ranch liegt eine Stunde südwestlich im Pine Valley, einem flachen Hochtal. Die Leere in diesem Land, die Offenheit – nicht zum ersten Mal zieht mich das an wie ein Sog. Ich möchte da jetzt hineingehen, dem Rest der Welt entschwinden. Nein, nicht gehen: reiten natürlich. Auf meinem treuen hawse. Mit zwei Packtaschen und der bedroll hinter dem Sattel. Eine Handvoll Trockenfleisch, was braucht man mehr zum Leben, es kann kein schön’res geben, Klippklapp der Hufe Klang, vor gar nichts ist mir… »Welcome, folks!«, ruft eine junge Frau in Jeans und dicker roter Fleecejacke. Mit einem kleinen Jungen an der Hand tritt sie aus der Tür des Ranch-Hauses. Sabrina Reed, geborene Tomera, ist 30 Jahre alt, Julian, ihr Sohn, drei. Zusammen mit einigen Verwandten bewirtschaftet die Familie eigene und gepachtete Flächen von fast 40 Kilometer Länge und 15 Kilometer Breite. Sie halten 1.600 Stück Vieh.
Ein Traktor mit Anhänger rumpelt auf den Hof, zwei Pferde am Zaun spitzen die Ohren. Heraus steigt ein Mann in staubigen Arbeitskleidern, in einer Hand schwenkt er gut gelaunt – eine Babytrage. Sabrinas Ehemann John ist draußen gewesen mit dem feeder, der Heuballen auf dem Hänger zerkleinert und auf den winterdürren Weiden verstreut. Den einjährigen Sohn Hugh nimmt der Vater dabei immer mit. Hugh sieht happy aus in seiner Trage, ballt die Fäustchen und sabbert zufrieden auf den Babyschlafsack.
In der gelben Ferne unter dem blassblauen Winterhimmel bewegen sich kleine schwarze Punkte, viele, grüppchenweise verstreut – die Rinder. »Glückliche« Kühe? Jedenfalls sind sie ihr Leben lang im Freien. Im März werden sie draußen geboren, im April und Mai mit Brandzeichen markiert, im Juni die Bullen zu den Kühen gelassen, den Sommer über weiden alle zusammen in den Bergen. Im September ist der fall roundup, da treiben die Cowboys das Vieh auf die Heimweiden, trennen und sortieren sie, kastrieren die Stierkälber. Und im Oktober und November steht die shipping time an – die Händler kommen mit den Viehtransportern. »Then they go to the steakhouses in New York«, resümiert John den Lebenszweck seines Produkts. Sabrina setzt den zappelnden Julian inzwischen auf eins der gesattelten Pferde am Zaun. Der Dreijährige nimmt die Zügel, macht stoßende Bewegungen mit dem Becken, und der Braune geht langsam los.
Jemand lässt mir ein Bier hinstellen, ich weiß bis heute nicht, wer
Auf der Rückfahrt sitze ich neben einer Frau, die Elko schon lange kennt. Die große Tomera-Ranch sei nicht gerade der klassische Familienbetrieb, sagt sie. Gute Rancher seien sie, aber auch wohlhabend, weil sie viel Geld vom Staat bekommen haben, als auf ihrem Grund ein Stausee gebaut wurde. Typisch sei eher die kleine Family Ranch, wo der schwer arbeitende Mann kaum ein Taschengeld erwirtschaftet und die Frau in die Stadt fährt, um als Lehrerin das nötige Geld zu verdienen. »Was bekommt ein Lohncowboy?«, frage ich. »800 bis 1.200 Dollar«, sagt die Frau, »Wohnen und Essen kriegt er umsonst. Cowboyin’ won’t make a man rich.« Reich wird man als Cowboy nicht.
Wer Glück hat, Talent und die Gabe der Selbstvermarktung, kann allerdings als Cowboydichter ordentlich verdienen. Seit dem Erfolg des Dichtertreffens in Elko gibt es fast jeden Monat irgendwo ein Cowboy Poetry Gathering. Es entstand ein begehrter neuer Berufszweig: Professional Cowboy Poet. Leute wie Waddy Mitchell, den jeder Veranstalter haben will, leben gut davon.
Aber geht damit nicht die Glaubwürdigkeit den Bach runter? Kann sich nicht jeder sprachgewandte Opportunist als Cowboydichter kostümieren? Offiziell gilt das Motto: »Alles, was das Cowboyleben feiert, ist willkommen.« Klingt etwas theatralisch für mich. Ehrlicher scheint das Statement eines Cowboymusikers: »Ich bin oft genug aus dem Sattel geflogen, von Pferden und Mulis getreten, von zornigen Rindern rumgeschleudert worden«, sagt Dave Stamey, der mit seinen Songs über die Nöte heutiger Rancher Erfolg hat. »Jetzt bin ich Entertainer. Das ziehe ich vor.«
Umso rührender wirkt dann eine Gestalt wie der 87 Jahre alte Glenn Ohrlin. Er war sein Leben lang nichts anderes als Cowboy und »Buckaroo« – einer, der fürs Buckeln gezüchtete Rodeopferde reitet. Entsprechend krumm und schief steigt er auf die Bühne. Die zerschrammte Gitarre nutzt er als Gehhilfe. Dann singt er vom Cowboyleben, was sonst. Die Augen schimmern wässrig, im Mund sind noch zwei Zähne. Aber Ohrlins Stimme ist stark, vom Bass bis ins Falsett. »Back in the Twenties, there was a famous bucking horse in South Dakota…«
Nach den Vorstellungen sind die Bars und Restaurants Downtown voll, laut und lustig. Einmal gehe ich in den Star, der seit Generationen einer Familie von Basken gehört; um 1900 kamen viele baskische Auswanderer als Schafhirten nach Nevada. Ich esse mit anderen Gästen aus gemeinsamen Schüsseln, Fleisch in Mengen, alles andere in Massen, trinke zwei Picon Punch dazu, umwerfendes Zeug mit Cognac und Orangenbitter. Dann swinge ich über die Straße in die Straight On Bar. Da spielen Mike Beck and the Bohemian Saints mit Schmackes olle Kamellen, und der ganze Laden singt mit: »Ah but I was so much older then, I’m younger than that now.« Mike Beck? Cowboyed in Kalifornien und Nevada. Jemand lässt mir ein Bier hinstellen, ich weiß bis heute nicht, wer.
Am nächsten Tag gehe ich zum Tanzen. Erst beim Workshop in der Highschool-Turnhalle mit 50 anderen students. Das geht gut, Twostepp ist auch nicht schwieriger als Discofox. Abends im Saal des Pioneer Hotel spielt Hot Club of Cowtown auf, ein jazziges Swing-Trio mit Geigerin. Das Publikum hat sich westernmodisch hergerichtet mit bestickten Hemden oder gerüschten Blusen, schwingenden Röcken oder Jeans, unbedingt knackig. Riesige Gürtelschnallen. Boloties. Stiefel mit Ziernähten. Ich tanze mit Carla aus Berkeley, Witwe, seit vielen Jahren Elko-Stammgast; mit Carol aus Australien, Showreiterin und horse poet; mit Lina aus Elko, Juwelierin. Sie trägt ein Lederkostüm mit Fransen und viel goldenen Schmuck.
- Elko: Anreise
Mit American Airlines täglich von Frankfurt a. M. nach Reno oder Salt Lake City (www.aa.com). Weiter nach Elko mit Mietauto, Greyhound-Bus (ab Reno) oder der Amtrak-Eisenbahn
- Unterkunft
Stockmen’s Hotel and Casino (340 Commercial Street, Elko), Tel. 001-775/7385141, www.stockmenscasinos.com/hotel/hotel.html. DZ ab ca. 35 Euro
- Ticketpreise
Viele Veranstaltungen sind kostenlos, die größeren Shows kosten ca. 15 bis 27 Euro
- Ausflüge
Skifahren und Skitouren in den Ruby Mountains (www.exploreelko.com)
- Poetry Gathering
Nächstes Cowboy Poetry Gathering: 28. Januar bis 2. Februar 2013 (www.westernfolklife.org)
Samstagabend, Finale des Cowboy Poetry Gathering für dieses Jahr. Noch einmal treffen sich alle in der Bar des Western Folklife Center, Poeten, Musiker, Publikum, freiwillige Helfer. Jeder kennt inzwischen beinahe jeden. Wen man nicht kannte, der wurde hier von Anfang an in die Plauderrunden einbezogen, auf die offene amerikanische Art. In einer Ecke spielt ein Mann mit weißem Haar Ragtimes auf dem Saloon-Piano. Sobald er eine Pause macht, klirren Banjo-Arpeggien oder eine fiddle fiddelt oder ein paar Frauen singen a cappella. »I’ll fly away...« Schön, das kenne ich, da sing ich mit. Am zehn Meter langen Tresen stehen Männer mit großen Hüten dicht an dicht, drei Dollar kostet das Bier, vier der Wein. Karen und Randy, Bankerin und Anwalt aus Kalifornien mit Freizeitpferden zu Hause, haben sich in Capriola’s berühmtem Western Store gegenüber Stiefel gekauft. Nur Hans aus Linz, der 1987 »wegen Karl May« nach Kanada ausgewandert ist, trägt wie immer Schluffi-Klamotten und strähniges Langhaar. Dafür rezitiert er Cowboygedichte, auswendig, eins nach dem anderen.
Spät nachts stellt sich eine ganz junge Frau mit Gitarre vors Kaminfeuer. Sie ist klein, drall verpackt in Jeans und Karohemd, unter ihrem Hut wuscheln rotblonde Locken. »Siebzehn«, höre ich jemand sagen, »aus Texas.« Das Mädchen singt Cowboysongs, dass es fast still wird in der Bar, klar, hoch und vibrierend, als wäre Joan Baez als Cowgirl wiedergeboren. Streets of Laredo, Home on the range. Und den Abschiedsklassiker: »Happy trails to you, until we meet again, happy trails to you, keep smiling until then...« Sentimental gestimmt und müde, schlurfe ich danach noch einmal auf der Mainstreet in Richtung Hotel. Im Osten wird es hell. Die High Desert liegt noch im Dunkel, aber darüber werden die Schneegipfel der Ruby Mountains sichtbar, erst grau, dann weiß, dann rosa. Da draußen ist der eine oder andere Cowboy vermutlich schon unterwegs. Zäune richten, Tränken eisfrei machen, nach den neugeborenen Tieren sehen. Kojoten schießen – die reißen den Kühen die Kälber gern bei der Geburt aus dem Leib. Auch das gehört zum cowboying. Auch dazu gibt es bestimmt ein Cowboygedicht.









Wunderbar, bitte mehr davon!
trifft genau auf das Herz und die Selle NEVADAS und so toll
und vergnüglich ist es auch tatsächlich, auch in dem von
vielen verpönten LAS Vegas. In dieser Art habe ich dies
jeden Samstag Abend in über 6 Monaten erlebt und vermisse diese Unbefangenheit und Wärme, dieser Cowboys und Country Sänger. Von Grund auf bin ich Rock`n Roll Fan aber bei Country Songs einmal wöchentlich, spürte ich die Erholung pur unter all diesen lebenserfahrenen Cowboys, schade, ich vermisse diese Wochenende und die Sehnsucht danach ist im Moment wieder überwältigend.
Eines ist sicher: Dies gönne ich mir wieder!
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