Acht Monate vor der Wahl scheint Barack Obama seine Botschaft gefunden zu haben – und ebenso das dazu passende Vorbild unter seinen 43 Vorgängern im Weißen Haus. Gestern Kansas , heute Ohio , morgen Colorado , rastlos beklagt der Präsident, dass eine kleine Minderheit auf Kosten der Mittelklasse immer reicher werde, und verlangt grundlegende Reformen fürs 21. Jahrhundert. Und jedes Mal erinnert der Demokrat seine Zuschauerscharen daran, dass hundert Jahre früher schon einmal ein republikanischer Präsident zu gewaltigen Modernisierungsanstrengungen aufgerufen und es zur Staatspflicht erklärt habe, mehr Chancengerechtigkeit zu schaffen: Theodore Roosevelt .

Scharf greift Obama die Republikaner von heute an und wirft ihnen vor, sie würden mit ihrem hartbeinigen Nein zu Staatsprogrammen und einer höheren Besteuerung von Millionären Roosevelts Fairnessgebot verraten. Wie weiland der vom Konservativen zum Progressiven gewandelte Roosevelt, so wettert jetzt auch Obama: »Die Ungleichheit straft das amerikanische Versprechen Lügen, dass dies ein Land ist, in dem du alles schaffst, wenn du es nur versuchst!« Die bebende Stimme, der populistische Unterton, der erhobene Zeigefinger – man könnte meinen, der alte Teddy sei wiederauferstanden.

Roosevelt ist das bislang letzte Leitbild in einer langen Reihe. Wie oft schon wurde Barack Obama mit einem seiner Vorgänger verglichen – und wie häufig hat er sich selber an ihnen gemessen! Mal erscheint Obama auf der Titelseite eines Magazins unter der gepuderten Perücke des Staatsgründers George Washington , mal mit grauem Hut und silberner Zigarettenspitze als Kopie des Sozialreformers Franklin Delano Roosevelt , einem entfernten Verwandten des gleichnamigen Theodore.

Historische Maskeraden und der sehnsüchtige Blick in die Ahnengalerie sind ein alter Brauch, sucht die vergleichsweise junge Nation doch seit ihren ersten Tagen nach Traditionslinien und geschichtlichen Anknüpfungspunkten. Aber kein anderer amerikanischer Staatsführer hat sich bislang so ruhelos im ehrwürdigen Präsidenten-Pantheon nach einem geistigen Vater umgeschaut wie Barack Obama.

In der Tat hat die Neue Welt in rund 200 Jahren eine stattliche Riege von Präsidenten hervorgebracht, die – wenn auch bisweilen erst posthum – weit über die Vereinigten Staaten hinaus faszinierten. Unter ihnen waren bedeutende Feldherren, Dichter, Denker und Reformer. Der Versuch, sich als deren Erbe zu präsentieren, erhöht darum nicht nur die Bedeutung der eigenen Präsidentschaft, sondern verschafft ihr zusätzliche Legitimation. Überdies gibt man Freund wie Feind zu erkennen, wessen Geistes Kind man ist und wohin die Reise gehen soll.

Der Republikaner Ronald Reagan zum Beispiel, Vater der konservativen Revolution in den achtziger Jahren, ließ zum Entsetzen vieler Demokraten im Weißen Haus ein Porträt von Präsident Calvin Coolidge aufhängen. Der predigte bereits in den zwanziger Jahren, was auch Reagan zu seiner Philosophie erklärte: Der Staat ist das Problem und nicht die Lösung! Der Demokrat Bill Clinton erklärte vor seiner Amtseinführung feierlich, er wolle sich am Hauptautor der Unabhängigkeitserklärung und dritten Präsidenten ein Beispiel nehmen: »Jefferson war wahrscheinlich der brillanteste Präsident unserer Geschichte. Er glaubte an die Macht der Ideen und an den Dienst am Staat.«

Es ist die ewige Suche nach dem Über-Ich und dem höheren Sinn der eigenen Amtszeit, die allen Präsidenten gemein ist. Doch für Obama mussten bereits mehr als ein halbes Dutzend amerikanische Staatsoberhäupter Pate stehen. Auffällig ist nicht nur, auf wen sich der 44. Präsident alles beruft, sondern ebenso, wen er dabei bewusst ausklammert, obwohl sich hier eine Parallele geradezu aufdrängt. Für Obamas zahllose Verwandlungen gibt es vor allem zwei Erklärungen, die eine ist psychologischer, die zweite politisch-philosophischer Natur.