NahostWillkommene Ablenkung

In Israel blicken alle auf die Bedrohung durch den Iran – und ignorieren das eigentliche Problem des Landes: Die Besatzung.

Palästinensische Frauen demonstrieren vor einer israelischen Siedlung in Nabi Saleh im Westjordanland.

Palästinensische Frauen demonstrieren vor einer israelischen Siedlung in Nabi Saleh im Westjordanland.

In den Medien scheint weltweit das Wort »Israel« derzeit unvermeidlich mit dem Wort »Iran« verbunden zu sein. Ungenannte »Quellen« und halb informierte Fachleute debattieren darüber, ob Israel die iranischen Atomanlagen bombardieren wird; ob die Vereinigten Staaten den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu davon überzeugen können, seine Kampfflugzeuge am Boden zu lassen; ob der Iran bei einem Angriff Israels zurückschlagen würde; und ob Israels Abschreckungspotenzial den Iran abhalten würde, seine Atombombe tatsächlich einzusetzen – sofern es dem Land überhaupt gelingt, eine solche zu bauen.

Ich bin selbst Israeli und würde die Gefahr eines Krieges oder einer möglichen iranischen Atombewaffnung nicht herunterspielen. Doch meine Sorge ist, dass diese äußere Bedrohung Israels die öffentliche Aufmerksamkeit von der inneren Krise des Landes ablenkt. Denn was die Lebensfähigkeit Israels als Staat und seine demokratischen Ideale tatsächlich bedroht, ist die israelische Herrschaft über das Westjordanland. Netanjahu und seine Minister haben weder die Absicht noch den Mut, sich diesem Problem zu stellen. Darum bringt sie die allgemeine Konzentration auf das Thema Iran in eine ungemein komfortable Lage.

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Seit seiner Gründung hat sich Israels demokratische Ordnung als haltbarer erwiesen als die jedes anderen postkolonialen Staates. Einen Militärputsch oder eine zivile Diktatur hat das Land noch nie erlebt. Innerhalb der Grenzen des jüdischen Staates, so wie sie im Waffenstillstandsabkommen mit den arabischen Nachbarn von 1949 festgelegt wurden, haben die Angehörigen der arabischen Minderheit zwar Benachteiligungen erlitten, aber sie sind im Besitz der staatsbürgerlichen Rechte. Seit einer wegweisenden Entscheidung des Obersten Gerichtshofes 1953, die es der Regierung untersagte, Zeitungen aufgrund der in ihnen geäußerten Ansichten zu schließen, schützt die zupackende Justiz die Prinzipien des Rechtsstaates vor den Launen der Exekutive. Sie hat auch den Status der Menschenrechte kontinuierlich ausgeweitet.

Gershom Gorenberg

ist israelischer Historiker und Journalist. Sein jüngstes Buch The Unmaking of Israel ist im Verlag HarperCollins erschienen. Gorenberg lebt in Jerusalem.

Im Rückblick jedoch wird klar, dass der Sechstagekrieg vom Juni 1967 Israels politischen Kurs verändert hat. Der militärische Sieg in einem Konflikt, der nicht geplant war, sicherte zwar Israels Überleben. Aber zugleich setzten die Eroberungen – besonders im Westjordanland und im Gazastreifen – einen Prozess in Gang, in dessen Verlauf frühere Errungenschaften wieder zunichtegemacht wurden. Statt eine große strategische Entscheidung über die Zukunft der besetzten Gebiete zu treffen, unternahmen die nachfolgenden Regierungen nur kleine, taktische Schritte zur Sicherung der israelischen Vorherrschaft. Diese Politik hatte unbemerkte Nebenwirkungen: Sie untergrub den israelischen Staat und setzte die Demokratie im Land aufs Spiel. Nur wenige Monate nach dem Krieg wurden auf Anordnung eines Kabinettsmitglieds die Vorkriegsgrenzen aus Israels Landkarten gelöscht. Das offizielle Kartenwerk wies nun ein einziges Territorium zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan aus. Zwischen dem souveränen Staat Israel und den neu besetzten Gebieten wurde fortan nicht mehr unterschieden. In symbolischer Hinsicht gab Israel damit auf, was der Soziologe Max Weber als ein grundlegendes Merkmal des modernen Staates benannt hat: ein eindeutig definiertes Territorium.

Auf dem Boden begann der Wandel sogar schon, bevor die Landkarten neu gezeichnet wurden. Im September 1967 genehmigte das Kabinett die erste israelische Siedlung im Westjordanland. Es setzte sich damit über die Rechtsberater des Außenministeriums hinweg, die die Ansiedlung israelischer Bürger in den besetzten Gebieten als Verstoß gegen internationales Recht bewerteten. Das Verwischen der Grenzen höhlte so auch den Rechtsstaat aus. Dieses Muster ist seit den neunziger Jahren immer augenfälliger geworden. Die staatlichen Behörden haben die Errichtung etlicher kleiner Siedlungen unterstützt – der sogenannten »Außenposten« Israels – und dafür Gesetze gebrochen, die im Westjordanland gelten.

Schritt für Schritt sind mithilfe von Gesetzgebung und militärischen Befehlen alle Rechte der innerhalb Israels lebenden israelischen Bürger auf die Siedler ausgedehnt worden. Siedler aus dem Westjordanland nehmen an israelischen Wahlen teil; Palästinenser aus demselben Gebiet dürfen das nicht. Die elementaren Prinzipien der Demokratie – Gleichheit und Volkssouveränität – werden auf diese Weise untergraben.

Die nicht markierte Grenze zum Westjordanland trägt dazu bei, dass dieser demokratische Verfall auch auf den israelischen Kernstaat übergreift. Die undemokratische Besatzung macht Israel selbst kaputt. Unter Netanjahu wurden sehr viele antidemokratische Gesetzentwürfe ins Parlament eingebracht. Ein neues Gesetz unterläuft beispielsweise frühere Gerichtsurteile, die eine Diskriminierung arabischer Bürger Israels aufgrund ihres Wohnortes verhinderten. Ein anderes verbietet jeglichen Aufruf zum Boykott von Waren, die in den Siedlungen produziert wurden. Das alles hat in Israel heftige Kritik ausgelöst.

Leserkommentare
  1. Meinen Kommentar, der wegen angeblicher "pauschaler Herabwürdigungen" entfernt wurde, kann ich inhaltlich jederzeit argumentatorisch und sachlich begründen, weshalb ich die Zensur als Unterstellung der Redaktion betrachte. Wenn ich die historischen und sie sozialspychologischen Momente zusammenzähle, dann ergibt sich für mich hier eine politisch motivierte Zensur, die mich an der Freiheit der Meinungsäußerung zweifeln lässt!

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    Ja, das ist aber schon länger unter Beobachtung
    hier bei Z online.
    Erzeugt aber wie üblich eher einen starken Bumerang-Effekt...

    Ja, das ist aber schon länger unter Beobachtung
    hier bei Z online.
    Erzeugt aber wie üblich eher einen starken Bumerang-Effekt...

  2. Ob die Palästinenser einen Staat hatten oder nicht, spielt keine Rolle, israelisches Land war und ist es sicher nicht.

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    um die Ecke kommen, erinnern der ursprüngliche will das Land nicht mehr zurückhaben!

    um die Ecke kommen, erinnern der ursprüngliche will das Land nicht mehr zurückhaben!

    • papi
    • 18.03.2012 um 20:06 Uhr

    http://www.haaretz.com/ne...
    ich verstehs nicht, die damen sind sicher der meinung von
    GERSHOM GORENBERG.

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  3. Als ich diesen Artikel las wollte ich auch einen Kommentar mit ähnlichem Inhalt verfassen. Es gibt in der Tat eine Menge an der momentanen Regierung Israels zu kritisieren. Bei dieser Kritik wird jedoch immer wieder vergessen, dass

    A) in Israel bis jetzt immer die "Falken" frieden schlossen

    B) bis her kein kritischer Kommentar der arabischen Seite hier zu lesen war

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    Es gibt keine "arabische Seite", wenn sich die arabischen Staaten wirklich einig wären, würden wir diese Diskussion wohl nur noch in einem Geschichtsforum führen.

    Es gibt keine "arabische Seite", wenn sich die arabischen Staaten wirklich einig wären, würden wir diese Diskussion wohl nur noch in einem Geschichtsforum führen.

  4. Ein interessanter Link:

    http://en.wikipedia.org/w...

    Aus diesem Link entnehme ich, dass Herr Gorenberg mehr amerikanisch als israelisch ist. Er arbeitet ausschließlich für US-Amerikanische Zeitschriften. Im Wikipedia-Artikel sind keine Publikationen auf hebräischer Sprache erwähnt.

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    Antwort auf "In Israel geht man"
  5. Ja, das ist aber schon länger unter Beobachtung
    hier bei Z online.
    Erzeugt aber wie üblich eher einen starken Bumerang-Effekt...

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Frechheit"
  6. Siehe hierzu auch die Verschiebung der Grenzen der letzten paar Jahrzehnte in Europa... Das Opfer ist glasklar zu identifizieren.
    *Ironie off*

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    Ja, ich sagte berreits, wer Täter und wer Opfer ist, dürfte zu erkennen sein:
    http://thefeministwire.co...

    Ja, ich sagte berreits, wer Täter und wer Opfer ist, dürfte zu erkennen sein:
    http://thefeministwire.co...

  7. um die Ecke kommen, erinnern der ursprüngliche will das Land nicht mehr zurückhaben!

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    Antwort auf "Beutezug"
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    das soll natürlich heißen:
    erinnern(!) der ursprüngliche Besitzer will das Land nicht mehr zurück haben!
    Und nun?

    das soll natürlich heißen:
    erinnern(!) der ursprüngliche Besitzer will das Land nicht mehr zurück haben!
    Und nun?

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