Philosoph Jacques Derrida: Denker in dürftiger Zeit
Frankfurt feiert mit einer Konferenz den Philosophen Jacques Derrida. Ein Besuch in Straßburg bei Jean-Luc Nancy, seinem größten Schüler.
Dem Philosophen fehlt das Gefäß. Er glaubt zu wissen, dass es in seiner Wohnung eine Vase gibt. Nur weiß er nicht, wo. Die Blumen kommen vorerst in einen Kochtopf. Beim Einlassen des Wassers leckt der Hahn. Danach setzt sich der Philosoph auf einen mit Decken drapierten Sessel. Und als er die Beine übereinanderschlägt, zeigt sich ein Gewirr von Fäden an seinen Strümpfen, weil deren Strickmuster nach innen weist. Wer einen Philosophen besucht, sucht Rat. Der erste, den Jean-Luc Nancy, 71, erteilt, lautet: Das Leben steckte voller Widrigkeiten, nähme man sie ernst.
Das ist aber auch fast schon der letzte Rat Nancys. Denn der Franzose gehört zu einer seltenen Spezies, er ist ein ratloser Philosoph. Auch wenn er gerade ganz und gar gefragt ist, weil er als einer der besten Kenner der Dekonstruktion gilt. Dekonstruktion? Das ist jene höchst artistische, anti-totalitäre, hyperkritische Denkrichtung, die ihre Wurzeln im Frankreich der 1960er Jahre hatte, in den 1980er Jahren das akademische Leben Amerikas prägte, in den 1990ern schließlich auch in Deutschland durchschlug und die sich mit dem Namen Jacques Derrida verbindet. Derrida starb 2004, geriet in den letzten Jahren etwas in Vergessenheit – und ist nun mit einem Paukenschlag zurück. Die Frankfurter Universität ehrt ihn gerade mit eine gewaltigen dreitägigen, internationalen Konferenz, zu der gut hundert Vortragende kommen, aus Harvard, London, Paris, Tel Aviv. Und Jean-Luc Nancy aus Straßburg als prominentester Gast.
Für Nancy war Derrida ein Ereignis. Als er in den sechziger Jahren den zehn Jahre älteren Kollegen zu lesen beginnt, hat er erstmals das Gefühl, mit zeitgenössischer Philosophie in Berührung zu kommen, zeitgenössisch, weil diese Philosophie aus der Zeit der Geschichte heraustrat. »Sartre war der Letzte«, sagt Nancy in seinem fabelhaften Deutsch, »der noch an die Geschichte glaubte, an eine zielgerichtete Bewegung. Wir konnten das nicht mehr.« Stattdessen begannen Derrida und Nancy, und wer sich noch so anschloss, zu schauen, was denn die Geschichte, diese fortlaufende Katastrophe, bislang ausmachte. Gibt es eine unheilvolle Denkart, die sich hinter der Geschichte verbirgt? Gibt es womöglich einen blutroten Faden, der das Gewebe des westlichen Denkens in all seinen Epochen zusammenhält?
Ja, sagt Derrida, nämlich ein Denken, das sich über die Differenz am Grund aller Dinge hinwegsetze; das zu sich selbst zurückkehre, und sich seinen Gegenstand gewaltsam einverleibe, ein Denken, das der binären Logik verhaftet sei, die wie ein Fallbeil mitten durchs Leben fährt: den Kopf vom Körper trennt, das Gute vom Bösen, das Richtige vom Falschen, das Notwendige vom Zufälligen, das Wichtige vom Unnützen, den Menschen vom Tier und das Männliche vom Weiblichen. Und in diesem Denken siege immer die eine Seite über die andere. Es sei ein Denken innerhalb der Koordinaten Dominanz und Ausschluss.
Derridas Antwort war eine philosophische Praxis, die die alten Texte aufbrach und ins Offene wies, die auf Unentscheidbarkeit setzte, auf permanente Beweglichkeit. Mehr als vierzig Jahre später scheint diese Philosophie aber auf unheimliche Art verwirklicht. Dekonstruiert sich nicht heute die Zeit schon selbst? Offenheit, Unentscheidbarkeit, Beweglichkeit: Denkt man da nicht an den flexiblen Zeitgenossen, bei dem mal wieder eine Lebensabschnittspartnerschaft zu Ende geht, eine befristete Stelle ausläuft und der sich nicht entscheiden kann zwischen den Optionen, die er sich offengehalten hat? Ist das Flottieren im Ungewissen, im Privaten wie Politischen, nicht bereits der Alltag unserer beschleunigten und zersplitterten Zeit? Und was bleibt dann von der Dekonstruktion?
Eine verordnete Orientierung führt immer in die Katastrophe
Laut Nancy ist diese Situation nicht neu, sie trete nur stärker ins Bewusstsein. Schon Heidegger habe von der Zerstreuung gesprochen. »Alles schießt auseinander«, seit ungefähr 100 Jahren sei das die Zeiterfahrung. Nancy hat dafür einen alten Namen: »Untergang des Abendlands«. Wir seien in der Situation der Römer im 6. Jahrhundert nach Christus: Die wussten, dass etwas zu Ende geht, die Antike. Das christliche Mittelalter aber ließ sich weder vorhersehen noch vorstellen. Genauso wenig können wir uns vorstellen, was der gegenwärtigen Umbruchphase folgen wird. Und das sei es, was so viel Verwirrung schaffe, was uns all die Führer im 20. Jahrhundert beschert habe und was zurzeit den Ruf nach einem neuen Mythos wieder lauter werden lasse, nach etwas Übergreifendem, das uns verbindet. Eins aber sollten wir gelernt haben, sagt Nancy: dass sich ein Mythos nicht erzwingen, Orientierung sich nicht verordnen lässt, ohne in der Katastrophe zu enden.






Danke für diese knappe und gute Zusammenfassung über den Dekonstruktivismus.
Vielleicht etwas polemisch, aber macht ja nix: Ich fand den Artikel eher unkritisch-heldenverehrend und inhaltlich dürftig.
Link entfernt. Bitte nutzen Sie Ihr Profil, um auff Ihre Website zu verweisen. Danke. Die Redaktion/sc
“Wir seien in der Situation der Römer im 6. Jahrhundert nach Christus: Die wussten, dass etwas zu Ende geht, die Antike. Das christliche Mittelalter aber ließ sich weder vorhersehen noch vorstellen. Genauso wenig können wir uns vorstellen, was der gegenwärtigen Umbruchphase folgen wird.“
Diesen Vergleich halte ich für überaus zutreffend. Während aber damals die neue sich durchsetzende Deutung, die neue Erzählung, nämlich das Christentum, bereits 500 Jahre alt war, gibt es heutzutage keinen neuen Mythos der bereit stünde, die Zukunft zu übernehmen. Stattdessen haben wir etwas anderes: Aus dem zutiefst antikulturellen Geist der modernen materialistischen Naturwissenschaften dringt der Anspruch immer mehr in die Mitte der Gesellschaft vor, die gesamte Deutungshoheit über den Menschen zu übernehmen. Weder das Christentum, noch eine verwurzelte humanistische Tradition, noch die Philosophie zeigen sich rege und kräftig genug, dem Vordringen dieses neuen und endgültigen banalen Nihilismus entgegenzutreten und die Schranken zu weisen.
Im schlimmsten Fall haben wir es mit dem historischen Erlöschen des mythischen Sinnes des Menschen zu tun, und dann kann man nur noch sagen: après nous, le déluge.
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