Opernsänger Christian Gerhaher"Ich habe wenig Ahnung von Musik"

Der Opernsänger Christian Gerhaher definiert sich über seine Defizite – und schöpft daraus Selbstvertrauen. von Louis Lewitan

Der deutsche Bariton Christian Gerhaher

Der deutsche Bariton Christian Gerhaher  |  © Alexander Basta

ZEITmagazin: Herr Gerhaher, Sie singen Arien in deutscher Sprache. War Opernsänger schon als kleiner Junge Ihr Traumberuf?

Christian Gerhaher: Ich war als Schüler mit meinen Eltern fast jede Woche in einem Konzert. Ich lernte Geige und später Bratsche, kam aber auf beiden nicht besonders weit, leider. Gesang hat mich nicht interessiert. Als ich etwa sechzehn war, meinte mein bester Freund, dass es da einen Chor gebe mit vielen hübschen Mädchen. Bei der nächsten Probe waren wir dabei.

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ZEITmagazin: Und dann war – unerwarteterweise – doch der Gesang interessanter als die Mädchen?

Christian Gerhaher

42, ist ein deutscher Bariton. Er gehört zu den international gefragtesten Konzert- und Opernsängern. Er wurde mit Preisen wie dem Grammophone Award, dem Laurence Olivier Award und mehrmals mit dem Echo Klassik ausgezeichnet. Gerhaher ist gebürtiger Niederbayer und lebt heute in München.

Gerhaher: Das vielleicht nicht, aber das Singen klappte einfach besser als das Flirten. Und nach der Pleite mit der Geige war ich sehr angetan, dass alles wie von selbst funktionierte. Ich konnte sofort eine gewisse Klanglichkeit umsetzen. Singen ist idealerweise ein Zusammenkommen von Körper und Geist, das sinnliche Begreifen einer Idee. Das Singen hat mich fasziniert und seitdem nicht losgelassen.

ZEITmagazin: Haben Sie nach der Schule dann Gesang studiert?

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

Gerhaher: Nein, Philosophie. Aber dafür war ich nicht ausreichend begabt. Also habe ich ein Medizinstudium begonnen und Gesangsstunden genommen. Nach dem Besuch eines Liederabends von Hermann Prey, der die Dichterliebe von Schumann sang, war ich so fasziniert, dass ich sofort meinen heutigen Pianisten anrief und ihn überredete, mit mir ebenfalls die Dichterliebe zu erarbeiten. Wir fingen bei null an, nach einem halben Jahr haben wir vor unseren Familien und Freunden vorgesungen. So ging es weiter: Wir haben begeistert studiert, auf eigene Faust.

ZEITmagazin: Medizinstudent und Musiker – wie haben Sie das miteinander vereinbart?

Gerhaher: Nur mit Mühe und Schmerzen. Ich stand ab morgens um sieben im OP, kam abends heim, lernte dann für das dritte Staatsexamen und übte häufig danach noch meine Stücke. Denn am Wochenende hatten wir immer Aufführungen. Dieses Nebeneinander von Gesang und Studium, heute Mediziner, morgen Sänger, wurde für mich zu einem Identitätsproblem. Außerdem erkrankte ich an Morbus Crohn und musste mehrmals operiert werden musste. Aber ich habe mein Studium abgeschlossen. Allerdings mit der Gewissheit, dass ich Sänger werden möchte.

ZEITmagazin: Mit dem Pianisten Gerold Huber bilden Sie ein erfolgreiches Duo. Wann wurden Sie beide als Talente erkannt?

Gerhaher: Mein Pianist und ich sind immer als Underdogs behandelt worden. Wir hatten keine Aufführungsmöglichkeiten. Wir wurden nie, und das empfinde ich als wirklichen Teil meiner Rettung, von irgendjemandem gefördert. Bei Fischer-Dieskau und Schwarzkopf – ich hatte nach dem Physikum mein Medizinstudium für ein Jahr ausgesetzt, um in München Gesang zu studieren – wurden wir auch eher als Gäste wahrgenommen. Kein einziger Lehrer sagte, ich rufe mal den und den an, dann könnt ihr da vielleicht mal ein Konzert machen. Nix.

Leserkommentare
  1. Das Interview und der Interviewte gefallen mir: Selbstbewusstsein ohne Überheblichkeit oder falsches Sendungsbewusstsein; das Zu-sich-selbst-Stehen, ohne sich an theoretischen oder ideologischen Konstrukten festhalten zu müssen.

    So etwas fällt mir sonst häufig bei US-amerikanischen Künstlern angenehm auf. Vielleicht ist es das Fehlen von Subventionen und Förderungen, die diese Art von selbstbewusst-unüberheblichen Künstlertypus hervorbringt. Ein weiteres Argument dafür, die Kunstsubventionen in Deutschland kräftig zu kürzen.

    Vielen Dank für dieses Interview.

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