Homosexualität Mann, sind wir frei
Ist das der Himmel? In Leipzig leben Schwule so wie der Filmemacher Ringo Rösener: Entspannt, weil alles erlaubt ist
S-T-A-R-G-A-Y-T-E. Wie ein Versprechen leuchten die Buchstaben in der Nacht. Deutschlands größte Schwulen-Sauna hat sich in einem bürgerlichen Wohngebiet der Leipziger Innenstadt einquartiert, Porsche vor der Tür, Plauener Spitze in den Fenstern. Der Club liegt verborgen in einem Hinterhof. Auf der Einfahrt tritt plötzlich ein Mittdreißiger in Armeehosen und Kapuzenpullover aus der Dunkelheit. "Sie wissen", sagt er, "dass Sie hier nicht reindürfen, oder?"
Dies also ist das Zentrum der schwulen Szene in Leipzig. Das Tor zu einem anderen Stern, wie Starga(y)te salopp übersetzt heißt. Wer es passiert, findet auf 2.600 Quadratmetern Gay-Saunen, ein Gay-Kino, eine Gay-Bar, alles durchgehend geöffnet von freitagmittags bis montagmorgens.
18 Euro kostet der Eintritt. Frauen müssen draußen bleiben. Auch die Presse hat keinen Zutritt. Reporter dürfen den Club nicht mal betreten, wenn dieser nun am Wochenende seinen 15. Geburtstag feiert. Es heißt, die Gäste wollten unter sich bleiben.
Warum, kann man nur erahnen. Wer hier herkommt, sucht Entspannung, in der Sauna oder beim Sex in einer der abschließbaren Kabinen. Und legt keinen Wert darauf, erkannt zu werden.
- Kerle im Kino
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In ihrem Film Unter Männern – schwul in der DDR porträtieren Ringo Rösener und Markus Stein Vorkämpfer der homosexuellen Emanzipation im Osten. Die Dokumentation, gefördert vom MDR, wurde bei der diesjährigen Berlinale uraufgeführt. Vom 25. April an läuft sie im Kino.
Für seinen Mut, sich zu DDR-Zeiten zu outen, zahlte mancher einen hohen Preis. So wurde der Vater der Bewegung, Eddi Stapel, nicht zum Theologiestudium zugelassen. Unter dem Dach der evangelischen Kirche gründete er 1982 in Leipzig den ersten von 21 Arbeitskreisen für Homosexuelle. Die Arbeitskreise bildeten das Rückgrat der Schwulenbewegung in der DDR. Stapel, der heute von einer kleinen Rente lebt, erhielt 2003 den Zivilcourage-Preis des Berliner Christopher Street Day.
Ein historischer Tag für die Schwulenbewegung Ost war der 9.November 1989. In Berlins Kino International feierte ein Defa-Film Premiere, der als Zäsur in die Geschichte homosexueller Befreiung einging: Coming out von Heiner Carow. Minuten nach der Premiere fiel die Mauer – dieses große Ereignis überstrahlte das kleinere. »Die DDR war um ihr Coming-out gebracht«, sagt Stapel.
Leipzig und seine Homosexuellen – das ist eine Geschichte, die lange Zeit vom Wegschauen erzählte. Gleichgeschlechtliche Kontakte unter Erwachsenen sind hier legal, seit die DDR-Volkskammer 1968 den sogenannten Schwulenparagrafen im Strafgesetzbuch kippte, noch vor der BRD.
Der Staat interessierte sich erst dann für Homosexuelle, wenn die sich mit Geschlechtskrankheiten infiziert hatten oder gleiche Rechte forderten. Solange sie nicht weiter auffielen, ließ man sie dort, wo sie sich trafen, in Ruhe. Der bekannteste Ort war eine öffentliche Toilette. Was davon übrig ist, liegt in einem Park im Zentrum der Stadt, vis-à-vis dem Neuen Rathaus. Heute ist es eine Verkehrsinsel, umtost von Autos. Gestrüpp überwuchert Stufen, die hinab in gekachelte Räume führen. "Der Bürgermeister", so wurde diese Klappe spöttisch wegen ihrer unmittelbaren Nähe zum Rathaus genannt.
Wer diesen Ort alter Versteckspiele kennt, dem muss es erst recht wie ein Anachronismus vorkommen, dass sich das Stargayte so sehr verschanzt. Auf seiner Website wirbt das Unternehmen mit Fotos, die halb nackte Männer beim ausgelassenen Flirt in der Sauna oder im Whirlpool zeigen. Doch am Telefon sagt der Betreiber, er müsse seine Kunden vor Reportern schützen. Angeblich sind unter den Kunden auch solche, für die der Himmel erst hinter der Tür zur Gay-Sauna beginnt. Männer, die ein Doppelleben führen. Mehr will er dazu nicht sagen.
In einem Interview mit dem schwul-lesbischen Magazin Gegenpol gibt man sich offener. Dort wird der Geschäftsführer mit den Worten zitiert, es sei noch nie so voll in der Sauna gewesen wie zum Katholikentag oder zum CDU-Parteitag. Namen nennt er keine. Diskretion belebt das Geschäft.
- Datum 22.03.2012 - 07:44 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.3.2012 Nr. 12
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Liest man diesen Artikel als einer der schwul ist und in Leipzig wohnt, glaubt man seine eigene Stadt nicht zu kennen. Aber so hat jeder seinen eigenen Blick.
Man muss sich eben länger mit dem Geschehen, der Szene und den Leuten befassen wenn man Außenstehender ist.
Zu viel Zeitungsartikel, aber sonst sehr interessant!
Die Aussage der Kampagne "Ich weiß, was ich tu" ist nicht: "Ich bin für alles offen", wie hier geschrieben. Vielmehr geht es um Veranwortung beim Sex, insb. im Hinblick auf HIV/Aids.
--> http://www.iwwit.de/ueber...
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... wie jüdisch, schwarz, weiss, rothaarig, behindert.
Und wenn ich mich nicht ganz irre, gibt es mehr Homosexuelle und schon länger, als zb blonde Menschen oder die Fähigkeit Kuhmilch zu trinken ^^
Was ist normal?
Alles und nichts.
Bitte beachten Sie Ihre Ausdrucksweise. Danke, die Redaktion/mo.
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