Ein weiterer massiver Angriff auf den Kulturauftrag des öffentlichen Rundfunks ist im Gange. Die beiden hochrangigen Orchester des Südwestrundfunks in Stuttgart und Baden-Baden / Freiburg sollen aus Gründen der Kostenersparnis in der heutigen Form nicht weiter bestehen. Alle vom SWR vorgeschlagenen Alternativen haben die Zerschlagung der Orchester zur Folge und damit die Zerstörung zweier in Jahrzehnten unter namhaften Dirigenten gewachsenen Ensembles mit unvergleichbaren Profilen.

Das Profil des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg zeigt sich zum Beispiel in seiner herausragenden Rolle bei der Entwicklung zeitgenössischer experimenteller Musik. Und hier spielt es nicht nur in der Bundesliga, sondern auf Weltniveau. Mit dem öffentlichen Rundfunk und seinen Klangkörpern wurde nach dem Krieg in unserem Land Musikgeschichte geschrieben. Das war nicht eine mäzenatische Wohltat, sondern das war und ist öffentlicher Auftrag. In ihrem Programm müssen die öffentlich-rechtlichen Sender anspruchsvolle kulturelle Sendungen mit hohem Kostenaufwand anbieten, die unter Umständen nur für eine geringe Zahl von Hörern von Interesse sind. Das fordert ausdrücklich das Bundesverfassungsgericht!

Der SWR will mit seinem Anschlag auf seine beiden Orchester fünf Millionen Euro jährlich einsparen. Doch selbst wenn Sparmaßnahmen im Sender notwendig sein sollten, verbieten sich rein proportionale Kürzungen. Mut zur Setzung von Schwerpunkten, die dem Kulturauftrag entsprechen, ist gefordert. Tatsächlich aber behandelt der SWR seine Klangkörper wie einen Wirtschaftsbetrieb, dessen Marmeladenproduktion er fusioniert. Er zerstört damit sensible Organismen, die eines besonderen Schutzes bedürfen. Der Komponist Helmut Lachenmann bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: Diese Orchester verkörperten, »was uns unter dem ungeheuren Begriff Kunst als Nachricht von Geist und kreativer Freiheit anvertraut ist«. Es ist unübersehbar, dass diese »Nachricht« auch junge Leute erreicht, die in den ausgebuchten Konzerten der Donaueschinger Musiktage ihre Neugier auf Neues zum Ausdruck bringen.

Was tun? Der Sender sollte sich lukrativen Sparpotenzialen in anderen Bereichen widmen. Muss denn die ARD zum Beispiel außerordentlich teure Sportrechte in Konkurrenz zu den privaten Sendern einkaufen? So ist es kein Zufall, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk zunehmend in Kritik gerät. Seine Verteidiger sehen mit Bestürzung, wie er seine Existenzberechtigung aufs Spiel setzt. Warum muss er auf die Sprache des Entertainments setzen? Die Rundfunkgebühr ist eben kein reines Finanzierungselement. Sie dient auch der Qualitätssicherung. Zahlen wir inzwischen Gebühren für unsere intellektuelle Unterforderung?

Es ist jetzt an der Zeit, dass die Verantwortlichen des SWR sich der öffentlichen Diskussion stellen. Helfen könnten vielleicht auch Konzerte, mit denen die früheren und jetzigen Dirigenten gemeinsam ein öffentliches Zeichen der Solidarität setzen! Unabhängig von dem erklärten Verzicht des Senders auf betriebsbedingte Kündigungen greift schon jetzt qualitätsgefährdende Unsicherheit um sich.

Schon einmal – im Jahre 1996 – hat breiter Protest Pläne des SWR zur Einschränkung der Donaueschinger Musiktage zu Fall gebracht. Der damalige Intendant verstieg sich zu der Äußerung, dass anspruchsvoller öffentlicher Rundfunk auch ohne eigene Klangkörper möglich sei.

Beispielhafter Protest hat sich auch dieser Tage mit nahezu 14.000 Unterzeichnern auf der Internetseite radioretter.de gegen Reformpläne beim Kulturradio WDR 3 artikuliert. Nun ist es Zeit für die orchesterretter.de ! Der SWR hat allen Anlass, auf seine Klangkörper stolz zu sein. Was er jetzt vorhat, grenzt an Kulturbarbarei.