Mit der Bologna-Reform ist es wie mit dem Euro: Ob gewollt oder nicht, wir werden uns mit ihren Konsequenzen auseinandersetzen müssen. Im Falle von Bologna mit den Nebenfolgen eines Neuanfangs, der das kontinentale, in seinen Grundlinien fast tausendjährige Konzept der Universität einem atlantischen Verständnis von higher education geopfert hat.

Im Kern der Umstellung des universitären Bildungssystems stand in den vergangenen zehn Jahren der Bachelor als »erster berufsqualifizierender Abschluss«. Die aus der Bologna-Deklaration von 1998 übrigens nur hierzulande so erfolgte Ableitung einer unbedingten Forderung nach »Beschäftigungsfähigkeit« der Hochschulabsolventen hat eine fast vollständige Transformation des universitären Auftrags nach sich gezogen: weg von der »allgemeinen Menschenbildung durch Wissenschaft«, hin zur Berufsausbildung. Diese Transformation hinterlässt ein Vakuum, das sich nicht durch »allgemeine berufsorientierende Studienanteile« vom Schlage praktisch-nützlicher Bewerbungstrainings, Persönlichkeitsseminare, Präsentationstechniken oder ähnlichem »Soft-Skills-Training« füllen lässt.

So gesehen, befinden wir uns in der Situation Wilhelm von Humboldts in der Wende zum 19. Jahrhundert, der mit seiner Gegengründung der Berliner Universität den Akademien und Spezialschulen mit ihrem Nützlichkeitsdenken eine Institution gegenüberstellen wollte, die auf »Bildung durch Wissenschaft« setzte. Das Ergebnis war indes eine Einrichtung, in der auch das Standesdenken des deutschen Bildungsbürgertums seinen Anfang nahm, sodass eine Kopie heute ausgeschlossen ist. Denn heute müssen wir zugleich eine zweite Frage beantworten: Wie können wir Bildung durch Wissenschaft statt für drei für mindestens 50 Prozent eines Altersjahrgangs verwirklichen? Wie kann das funktionieren, wenn wir gleichzeitig den jungen Menschen einen Weg in den Beruf eröffnen wollen? Kurzum: Wie kultivieren wir in einem zweiten, durchdachteren Prozess, in »Bologna 2.0«, die Möglichkeit allgemeiner Menschenbildung für eine künftige freie, demokratische Gesellschaft bei der gleichzeitigen Notwendigkeit akademischer beruflicher Bildung zur Sicherung von Beschäftigung und Innovation?

Ein Hochschulstudium ist kein Verschiebebahnhof

Die Formulierung der Frage schließt eine gern gegebene Antwort aus: diejenige, dass für das harte Berufsleben die Fachhochschulen und für die weiche Allgemeinbildung die Universitäten und dort womöglich nur die Geisteswissenschaften zuständig seien. Diesen Fehler haben Fichte und spätere Erben Humboldts begangen, die sich ein Refugium schufen, dessen Innerlichkeitskult Max Horkheimer bereits 1952 beklagte.

Diese Erkenntnis wiederum darf aber auch nicht bedeuten, dass der erste Zyklus der universitären Ausbildung, der Bachelor, sich berufsbildend versteht und der Master die Allgemeinbildung nachschiebt. Wir müssen von jedem akademischen Unterricht erwarten, auch von dem berufsorientierten, dass er einen Beitrag zu allgemeiner Menschenbildung (vulgo: Persönlichkeitsentwicklung) leistet. Ein solcher Unterricht muss:

  1. Dem Prinzip der methodisch gesicherten Kritik, – dafür stand Humboldt auch – und dem radikalen Zweifel an allem folgen.
  2. Erkenntnisorientiert sein, ohne zu leugnen, dass Erkenntnisse Interessen folgen.
  3. Das Verstehen vermitteln.
  4. Immer historisch sein und die Geschichtlichkeit des scheinbar Sicheren thematisieren.