La Habana, Hotel Sevilla

Vorgestern auf Kuba angekommen. Kulturreferentin im Fahrzeug der Botschaft holt uns in Varadero ab. Sind gegen 23 Uhr in Habana. Hotel Sevilla: Kolonialstil, pompös, überraschend gepflegt. Zimmer kosten zwischen 150 und 200 CUC, wie die konvertierbaren Pesos heißen (im Gegensatz zu den "Volkspesos", 1 CUC = 1 US-Dollar). Am nächsten Tag führt uns Matthias, circa 30 Jahre alt, Student der Sozialwissenschaften, verheiratet mit einer Botschaftsmitarbeiterin, durch eine halbwegs intakte Hauptstraße zur Kathedrale. Prächtige Häuser. Nicht zu vergleichen etwa mit Mexiko-Stadt, auch wenn der Verfall nagt. Kolonialstil, hauptsächlich 18. Jahrhundert. Habana und Kuba waren wichtige strategische Punkte bei der Eroberung der Neuen Welt. Die vergangene Größe sieht man der Stadt an. Ansonsten ist alles genau so, wie man es erwartet: alte Ami-Schlitten zwischen klapprigen Ladas und wenigen neuen Autos. Chinesische Busse. Südländisches Leben. – Was ist südländisch?

Schaue gerade aus VIP-Frühstücksrestaurant im neunten Stock auf die Dächer von Habana (ich frage den Kellner, wer VIP ist: Jemand, der 10 CUC extra bezahlt!), wo aller mögliche Schrott herumliegt; kleine Hütten auf den Dächern, Slum-Atmosphäre. Sehe durch die sperrangelweiten Fenster und Türen in einen Klassenraum weit unten, in dem, unbehelligt vom brüllenden Autoverkehr, Pioniere im weißen Hemd an Schulbänken sitzen. Denke an meine erste Lesung gestern in der Cátedra Humboldt: offene Fenster, brüllender Verkehr, Lärm in den Nebenräumen und – natürlich kein Mikrofon.

Cátedra Humboldt: eine undurchschaubare, ehemals universitäre Einrichtung in einem zerfallenden Gebäude. Der Leiter hat für meine Ankunft einen Vortrag über die Cátedra vorbereitet, in dem er lauter unwahrscheinliche Prahlereien über sie aneinanderreiht, die ich zumeist nicht verstehe. Nur dass die Cátedra angeblich jedes Jahr 350 (!) Deutschstudenten ausbildet, verstehe ich.

Zurück zu Habana. Matthias zeigt uns die Hauptgeschäftsstraße, den Parque Central ganz in der Nähe, dann fährt er uns im nagelneuen Suzuki Vitara zum Essen, das der deutsche Botschafter uns zu Ehren gibt. Seine Residenz liegt in Miramar, der feinsten Gegend. Vorbei am Malecón, der eher enttäuschend ist, die Quinta Avenida entlang, auf der man mindestens 60 fahren soll.

Der Botschafter wohnt in einem weißen Haus, nicht mit Garten, sondern mit Park, bewacht von einer seguridad- Truppe, bedient von kubanischem Personal. Gleich in den ersten Minuten erzählt er mir, dass er nebenbei Bildhauerei betreibe: Mit irgendwas müsse man ja seine Zeit ausfüllen. Ein leutseliger Mann, der fast verlegen wird, als er uns protokollgemäß am Esstisch platzieren muss. Er sieht Kuba natürlich kritisch, ist aber, wie anscheinend alle Botschaftsangehörigen, auch kritisch gegenüber der Embargo-Politik der USA. Die Kulturreferentin hat erzählt, dass die USA eine Dollar-Zahlung aus Deutschland an eine chilenische Umzugsfirma blockiert haben, weil im Zahlungsgrund "Kuba" vorkam – es handelte sich um ihren Umzug von Chile nach Kuba. Eine ähnliche Geschichte erzählt der Botschafter. Offenbar gibt es tatsächlich eine amerikanische Finanzkontrollbehörde, die sämtliche Dollar-Überweisungen, die um die Welt gehen, kontrolliert (!). Die Politikreferentin, die hier auf Kuba auch eine Art Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung darstellt, berichtet, dass es in Dubai, wo sie vorher war, möglicherweise schlimmere Menschenrechtsverstöße gibt. Auf einen Menschenrechtsbeauftragten wird dort jedoch verzichtet.

Die Frau des Botschafters: eine warmherzige, strahlende Person. Wenn sie aus Kuba rauskommt, sagt sie, esse sie nie wieder Languste. – Es gibt nämlich, wie immer für Ehrengäste, Languste, die übrigens hervorragend ist.