Eugen Ruge: Meine Tage mit Fidel
Der Schriftsteller Eugen Ruge hat jüngst auf einer Reise in Kuba ein privates Tagebuch geführt. Ob der Sozialismus doch was taugt?
La Habana, Hotel Sevilla
Vorgestern auf Kuba angekommen. Kulturreferentin im Fahrzeug der Botschaft holt uns in Varadero ab. Sind gegen 23 Uhr in Habana. Hotel Sevilla: Kolonialstil, pompös, überraschend gepflegt. Zimmer kosten zwischen 150 und 200 CUC, wie die konvertierbaren Pesos heißen (im Gegensatz zu den »Volkspesos«, 1 CUC = 1 US-Dollar). Am nächsten Tag führt uns Matthias, circa 30 Jahre alt, Student der Sozialwissenschaften, verheiratet mit einer Botschaftsmitarbeiterin, durch eine halbwegs intakte Hauptstraße zur Kathedrale. Prächtige Häuser. Nicht zu vergleichen etwa mit Mexiko-Stadt, auch wenn der Verfall nagt. Kolonialstil, hauptsächlich 18. Jahrhundert. Habana und Kuba waren wichtige strategische Punkte bei der Eroberung der Neuen Welt. Die vergangene Größe sieht man der Stadt an. Ansonsten ist alles genau so, wie man es erwartet: alte Ami-Schlitten zwischen klapprigen Ladas und wenigen neuen Autos. Chinesische Busse. Südländisches Leben. – Was ist südländisch?
Schaue gerade aus VIP-Frühstücksrestaurant im neunten Stock auf die Dächer von Habana (ich frage den Kellner, wer VIP ist: Jemand, der 10 CUC extra bezahlt!), wo aller mögliche Schrott herumliegt; kleine Hütten auf den Dächern, Slum-Atmosphäre. Sehe durch die sperrangelweiten Fenster und Türen in einen Klassenraum weit unten, in dem, unbehelligt vom brüllenden Autoverkehr, Pioniere im weißen Hemd an Schulbänken sitzen. Denke an meine erste Lesung gestern in der Cátedra Humboldt: offene Fenster, brüllender Verkehr, Lärm in den Nebenräumen und – natürlich kein Mikrofon.
wurde 1954 in Soswa in der Sowjetunion geboren. Der Schriftsteller und Regisseur hat im vergangenen Jahr für seinen ersten Roman »In Zeiten des abnehmenden Lichts« den Deutschen Buchpreis erhalten. Sein Vater war der DDR-Historiker Wolfgang Ruge. Eugen Ruge kam im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern nach Ost-Berlin und siedelte 1988 in die Bundesrepublik über. Er arbeitete zunächst als Übersetzer und Autor für Theater, Radio und Film.
Cátedra Humboldt: eine undurchschaubare, ehemals universitäre Einrichtung in einem zerfallenden Gebäude. Der Leiter hat für meine Ankunft einen Vortrag über die Cátedra vorbereitet, in dem er lauter unwahrscheinliche Prahlereien über sie aneinanderreiht, die ich zumeist nicht verstehe. Nur dass die Cátedra angeblich jedes Jahr 350 (!) Deutschstudenten ausbildet, verstehe ich.
Zurück zu Habana. Matthias zeigt uns die Hauptgeschäftsstraße, den Parque Central ganz in der Nähe, dann fährt er uns im nagelneuen Suzuki Vitara zum Essen, das der deutsche Botschafter uns zu Ehren gibt. Seine Residenz liegt in Miramar, der feinsten Gegend. Vorbei am Malecón, der eher enttäuschend ist, die Quinta Avenida entlang, auf der man mindestens 60 fahren soll.
Der Botschafter wohnt in einem weißen Haus, nicht mit Garten, sondern mit Park, bewacht von einer seguridad- Truppe, bedient von kubanischem Personal. Gleich in den ersten Minuten erzählt er mir, dass er nebenbei Bildhauerei betreibe: Mit irgendwas müsse man ja seine Zeit ausfüllen. Ein leutseliger Mann, der fast verlegen wird, als er uns protokollgemäß am Esstisch platzieren muss. Er sieht Kuba natürlich kritisch, ist aber, wie anscheinend alle Botschaftsangehörigen, auch kritisch gegenüber der Embargo-Politik der USA. Die Kulturreferentin hat erzählt, dass die USA eine Dollar-Zahlung aus Deutschland an eine chilenische Umzugsfirma blockiert haben, weil im Zahlungsgrund »Kuba« vorkam – es handelte sich um ihren Umzug von Chile nach Kuba. Eine ähnliche Geschichte erzählt der Botschafter. Offenbar gibt es tatsächlich eine amerikanische Finanzkontrollbehörde, die sämtliche Dollar-Überweisungen, die um die Welt gehen, kontrolliert (!). Die Politikreferentin, die hier auf Kuba auch eine Art Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung darstellt, berichtet, dass es in Dubai, wo sie vorher war, möglicherweise schlimmere Menschenrechtsverstöße gibt. Auf einen Menschenrechtsbeauftragten wird dort jedoch verzichtet.
Die Frau des Botschafters: eine warmherzige, strahlende Person. Wenn sie aus Kuba rauskommt, sagt sie, esse sie nie wieder Languste. – Es gibt nämlich, wie immer für Ehrengäste, Languste, die übrigens hervorragend ist.
Eine der Mitarbeiterinnen ist eine ehemalige DDR-Bürgerin. Ursprünglich war sie Professorin an der Uni. Sie lebt schon seit 30 Jahren auf Kuba, ist mit einem Kubaner verheiratet, der in Moskau Atomphysik studiert hat, um hier auf Kuba ein Atomkraftwerk mitzubauen. Der Bau wurde kurz vor Vollendung eingestellt, nachdem die Sowjetunion zerbrach.
Das Leben als Botschafter oder Botschaftsmitarbeiter ist – auf den ersten Blick – nicht übel: Reich auf Kuba, was Besseres gibt es nicht! Das Problem ist, dass das Auswärtige Amt seine Leute alle zwei bis vier Jahre versetzt, damit sie nicht, wie es heißt, »verbuschen« (die ehemalige Professorin aus der DDR darf, wie ich später erfahre, nur bleiben, weil sie »bloß« eine externe Mitarbeiterin ist – der Unterschied wird sofort klar, wenn man sie in ihren klapprigen, alten Peugeot steigen sieht, ohne Botschaftskennzeichen).
Die beinahe einzige Tageszeitung hier ist das Zentralorgan der Partei, Granma, benannt nach dem Boot, mit dem Fidel und Co. von Mexiko aus nach Kuba gekommen sind (desaströse Aktion mit vielen Todesopfern: Von circa 90 blieben vielleicht 20 am Leben, die dann tatsächlich Kuba umkrempelten!). Der Leitartikel auf der Titelseite berichtet vom 9. Februar – 1957!
Habana, Hotel Sevilla, nach dem Frühstück
Gestern Abend Empfang im Wohnhaus der Kulturreferentin: ein Palast! Aber hier wohnt die sympathische und anscheinend sehr gebildete Frau zumeist ganz allein, weil ihr Mann Chef des Goethe-Instituts in Mexiko-Stadt ist. Früher haben sich die beiden die Stelle des Goethe-Institut-Chefs geteilt, erfahre ich später. Das Partnerproblem macht den Leuten vom Auswärtigen Amt zu schaffen. Die Scheidungsrate, erzählte mir der Botschafter, sei enorm. Partner versuchen, sich irgendwie in dem Nomadenleben einzurichten. Seiner Frau scheint das gelungen zu sein. Schwerer scheint es der mitreisende Mann einer anderen Referentin (für irgendwas) zu haben. Er hat seinen Beruf zeitweise aufgegeben (Anwalt), kümmert sich um die Kinder. Den ganzen Abend rennt er mit einer dicken Habana-Zigarre im Mund herum und probiert sämtliche Rumsorten.
Am gestrigen Vormittag waren wir mit Matthias schon mal probehalber auf der Buchmesse: Volksfest auf der (angeblich) größten Festung Lateinamerikas. Im Zentralorgan der Partei werden stolz die ausländischen Aussteller gezählt – wie damals in der DDR. Viele sind indes links bis links-orthodox orientiert, zum Beispiel hat die Junge Welt einen Stand, auf dem sie allerdings fast nichts anzubieten hat außer zwei im SED-Insiderton geschriebenen Broschüren des ehemaligen DDR-Botschafters auf Kuba, Heinz Langer. Der Stand der deutschen Botschaft (ein Goethe-Institut darf es nach Reibereien um Menschenrechtsverletzungen um 2004 nun doch noch nicht geben, der Botschafter bemüht sich darum, aber vergeblich – am Ende muss er doch die politische Linie Berlins vertreten), der Stand der Botschaft stellt alle möglichen mehr oder weniger aktuellen deutschen Autoren aus, nur wenige davon in Spanisch. Mäßig besucht. Schlangen dagegen am Stand eines mexikanischen Verlags wegen ein paar Zeitschriften. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass es hier im Wesentlichen nur die Parteizeitung gibt, die obendrein kaum mehr als vier oder fünf DIN-A3-große Seiten hat. Auch die meisten Bücher, die es in Buchhandlungen oder bei Straßenhändlern zu kaufen gibt, sind von oder über Fidel oder den allgegenwärtigen heiligen Che Guevara. Die deutsche Botschaft verschenkt alle Bücher zum Schluss. Allerdings fragt man sich auch, wie sich ein Kubaner mit einem Durchschnittsgehalt von 20 CUC (=20 Dollar) monatlich ein europäisches Buch kaufen soll.
Später Vormittag
Eben von einem Morgenspaziergang zurück: Meine Liebste wollte den Wochenmarkt sehen. Früh hat es geregnet, vielleicht stank es deshalb besonders stark aus den verfallenden Gassen und Häusern. Am ersten Tag haben wir nur die Prachtstraßen gesehen. Aber sobald man ein paar Schritte davon abweicht – ein Elend, Ruinen, Löcher, kaputte Straßen und Gehwege, Gestank, Dreck. Es stinkt nach Verwesung und Abgasen (man wundert sich, dass die Kubaner eine annähernd westeuropäische Lebenserwartung haben sollen). Mehrere Botschaftsmitarbeiter haben berichtet, dass hin und wieder ein Haus zusammenstürzt, Menschen unter sich begräbt, erst vor wenigen Tagen wieder. Es heißt dann, sie hätten illegal darin gewohnt... Die allgegenwärtigen Bilder von Fidel (der zu ALLEM etwas zu sagen hat und zu ALLEM schon etwas gesagt hat) und vom heiligen Che beginnen Aggressionen in mir auszulösen.
Trinidad
Am Tag vor der Abfahrt nach Trinidad fahren Matthias und Sybille noch mit uns zur Finca von Hemingway: ein Kolonialstil-Schlösschen, das er angeblich vom Geld für die Verfilmung von For Whom the Bell Tolls gekauft hat – für 18500 Dollar. Es liegt etwa eine Autostunde von Habana entfernt, Riesenanwesen mit großem Swimmingpool und Tennisplatz (wo inzwischen H.s Boot Pilar geparkt ist). Eine in ihrer Begeisterung für H. kaum zu bremsende Museumsangestellte erzählt uns, dass Hemingway täglich 15 Daiquiri getrunken hat. Warum sich Hemingway nach der Revolution, für die er angeblich sogar Geld spendete, in die USA zurückzog, um sich zwei Jahre später dort zu erschießen, kann uns die Museumsangestellte nicht zufriedenstellend beantworten: Wegen seiner »Krankheit«, sagt sie. Dabei soll Kuba doch ein so großartiges Gesundheitssystem haben (was allerdings auch nicht gegen Alkoholismus hilft).
Seit vorgestern Abend in Trinidad, auf der karibischen Seite von Kuba. Die Stadt liegt am Fuße eines Gebirges, circa fünf Kilometer von der Küste entfernt. Einstöckige Häuser, nicht gerade pompös, aber zumindest im Zentrum hübsch verziert mit Säulenreliefs und Kolonialzeitschnörkeln an der Fassade, kunstvollen eisernen Gittern vor den meist bodentiefen Fenstern, die sämtlich kein Glas haben (wie auch meist in Habana), nur Fensterläden und eben Gitter.
Auch wenn einige Häuser im Zentrum ordentlich angemalt und die Straßen nicht dreckig sind, wirkt die Stadt ärmlich: stinkende amerikanische Oldtimer, Fahrrad-Rikschas, schiefe Strommasten, ärmliche kleine tiendas, wo ein bisschen Obst, ein bisschen Fleisch verkauft wird, und vor allem Menschen, denen man Armut und Entbehrungen ansieht.
Nachmittags sind wir ans Meer gefahren, netter Strand, trotz angeblicher Hochsaison ziemlich leer. Languste in einem offenen Restaurant: mäßig. Warum ärgern mich die vier jungen Leute, die zwei Tische weiter vor meiner Nase sitzen? Jung, wohlhabend, ein bisschen laut, in Urlaubslaune, könnte man sagen, aber sie nerven mich, ungerechterweise. Nein, sie sind nicht wirklich arrogant zu dem kubanischen Kellner, aber wenn ich an seiner Stelle wäre, ich würde sie hassen.
Zwei Worte noch zu unserer Wirtin. Ihr Mann, der dicke Rico (circa 40), war einmal mit einer Deutschen verheiratet (DDR?). Seitdem gibt es offenbar Beziehungen nach Deutschland, die vielleicht den Grundstock für einen kleinen Wohlstand bilden, welcher allerdings nun maßgeblich auf der neuerdings genehmigten privaten Vermietung von Urlaubsquartieren beruht. Yaumara mag 35 sein, eine früh verblühte Schönheit, die ihren neuen »Reichtum« zur Schau stellt: Wie auch ihr Mann trägt sie Goldkettchen und bedruckte T-Shirts, aber vor allem Fingernägel, die sie als eine Frau ausweisen, die nicht mehr körperlich arbeitet. Wie Yaumara selbst sieht auch das Haus aus, und das Zimmer, in dem wir wohnen: Schleifchen sogar am Duschvorhang, Goldrähmchen und so weiter. Traurig, was die Menschen mit ihrem bisschen Wohlstand anfangen – überall auf der Welt.
Berlin
Wie soll man Kuba nun beurteilen? Keine Frage, dass die Revolution auf Kuba ihren Grund und ihren Sinn hatte. Batista war ein Diktator, den die USA (wie viele andere) auf schamlose Weise unterstützt haben, und es ist ein Wunder und ein Triumph, dass Kuba sich davon befreit hat. Aber nun ist der Sozialismus auf Kuba 50 Jahre alt, und man darf Bilanz ziehen. Gewiss spielt das Embargo eine Rolle. Aber warum, wenn Kubas Bildungssystem so großartig ist, ist Kuba so stark von westlichem Know-how abhängig? Warum ist es – trotz günstigen Klimas – nicht in der Lage, seine zwölf Millionen Einwohner gut zu ernähren, seinen Bürgern menschenwürdige Wohnbedingungen zu schaffen?
Gewiss, auch in anderen lateinamerikanischen Ländern gibt es Armut, vielleicht schlimmere. Kuba gewährt allen eine medizinische Grundversorgung, die nötigsten Lebensmittel und Bildung. Aber das ist auch schon alles. Wo sind die neuen Werte? Wo ist das neue Leben? Wo ist das Glück? Stattdessen politische Repression, widerliche Inszenierungen der Macht und die typische, im Kommunismus niemals überwundene Orientierung am Westen.
Natürlich stoßen mich die Touristen ab, die hierher fahren, um billig-billig Südstrände zu genießen, zu fressen, während die Leute ringsum knapp nicht hungern; unansehnliche weiße Frauen lassen sich von Kubanern umschwärmen, Männer kaufen sich junge Kubanerinnen. Aber die andere Seite: Die jungen Kubanerinnen verkaufen sich eben auch, das ganze Land verkauft sich – und das ist ebenso widerwärtig.
Der Tourismus macht dem normalen Kubaner auf widerwärtigste Weise klar, dass er ein Mensch zweiter Klasse ist. Die Ausländer essen besser, sie fahren in leisen, klimatisierten Autos umher, schlafen in altehrwürdigen Hotels und lassen sich von den Einheimischen bedienen und verwöhnen. Wenn dieser Sozialismus es nach 50 Jahren nicht geschafft hat, einen Menschen hervorzubringen, der über die Lebensweise des weißen Mannes lacht, anstatt sie, sobald er irgendwie kann, nachzuahmen, dann hat er eigentlich kaum eine Berechtigung. Keine Frage, der Kapitalismus ist ein brutales, Ungleichheit produzierendes System, das die Welt in seiner Unersättlichkeit auffressen wird. Ob aber ein »Systemwechsel« die Alternative ist, darf nach allen Erfahrungen bezweifelt werden. Anscheinend gibt es wirklich nur die sozialdemokratische Variante, nämlich dass man den Kapitalismus reformiert, den Sozialismus sozusagen aus dem Innern des Kapitalismus heraus schafft. Nur, wer soll ihn schaffen, wenn nicht einmal die Sozialdemokratie selbst daran erinnert werden will?






Das Problem des Artikels ist es, sehr undifferenziert an die Sache heranzugehen, Schwarz-Weiß-Denken und die Kalte-Kregs-Brille taugen heute nichts mehr.
In vielen Punkten gebe ich dem Autoren aber Recht, Kuba ist (sehr) weit davon entfernt, eine attraktive Alternative zum Kapitalismus darzustellen; und das alles auf das Embargo zu schieben bringt auch nichts. Das größte Problem auf Kuba ist mMn die fehlende Rede-, Meinungsfreiheit. Ich habe dort ständig versucht, mit Kubanern über Politik zu diskutieren, fast immer blickten meine Gesprächspartner erst einmal nach links und rechts, um sich zu überzeugen, dass auch niemand zuhört (bzw. spitzelt). Trotz im lateinamerikanischen Verhältnis guter Absicherung (Bildung, Nahrung, Medizin) lastet das m.E. schwer auf den Menschen. Ähnlich verhält es sich mit den fehlenden Reisemöglichkeiten, die die Kubaner aber - leider - aufgrund fehlernder Ressourcen ohnehin nicht finanzieren könnten.
Ihre 30 Jahre jüngere Kubanerin ist vermutlich ein Indiz dafür, wie groß die Not in diesem Land ist. Ansonsten sind das tolle Menschen.
"Cuba gehörte vor der Revolution zur zweiten Welt, nun zur dritten, wie sie es richigerweise anführen. Und das hat zuallerERST!!! mal etwas mit seinem System zu tun!"
Sie uebersehen ein wichtiges Faktum, dem Land wuerde es weitaus besser gehen, wenn es das amerikanische Embargo nicht geben wuerde!
Es scheint, als habe der Schriftsteller Ruge während seines Kuba-Aufenthalts nichts anderes als Verfall, Armut, Gestank und Dreck wahrgenommen. Beinahe alles ist ihm widerwärtig, wird negativ belegt - Hassgefühle kommen auf. Da kann auch die luxeriöse und selbstverständlich angenommene Rundumbetreuung durch die deutsche Botschaft nicht abhelfen. Schade, dass die auswärtige Kulturarbeit Deutschlands in diesem Fall zu einer solch undifferenzierten, substanzlosen und ans Unseriöse grenzenden Darstellung Kubas und des deutschen Engagements auf der Karibik-Insel beigetragen hat.
als mitausreisende Ehefrau eines Botschaftsangehoerigen,-habe ich- bis vor einem Jahr-in Havanna gelebt.
Ich moechte auch gar nicht auf die "politischen Aussagen" des Herrn Ruge eingehen,- ich glaube, diese sind allgemein bekannt- und auch in den anderen Kommentaren- aufgegriffen worden!
Man kann Kuba- Land und Leute- nicht nach ein paar Tagen beurteilen. Dazu muss man dort leben.
Ich vermisse im Bericht auch die Lebensfreude der Kubaner-trotz aller Wiedrigkeiten,die Musik und die Gabe des improvisieren. Touristen fallen nun mal in der ganzen Welt nicht immer positiv auf,- bedeuten aber in der Regel- Arbeitsplaetze!
Die fast schon etwas "gehaessige" Beschreibung der Botschaftsangehoerigen und deren Lebensumstaende,-stimmt so nicht,-! Es war und ist nicht immer einfach,-in Kuba zu leben,-und es muss sich sicher einiges aendern!
Aber durch den Bericht des Herrn Ruge,- sicher nicht!
der den deutschen Buchpreis gewonnen hat, wird nach Kuba geschickt. Auf Kuba nimmt der deutsche Autor, der den deutschen Buchpreis gewonnen hat, vor allem Autos, Häuser und Frauen wahr und prüft alles mit dem Blick eines Kenners: "alte Ami-Schlitten", "prächtige Häuser", "früh verblühte Schönheit". Der Kennerblick des deutschen Autors, der den deutschen Buchpreis gewonnen hat, versteht es, die Welt zu ordnen. Und diese Welt riecht nicht gut: "stank", "Gestank", "es stinkt", "stinkende amerikanische Oldtimer" - das alles beleidigt die Nase des deutschen Autors, der den deutschen Buchpreis gewonnen hat. So schafft es der Sozialismus einfach nicht, ihn zu überzeugen. Und schon muss der deutsche Autor, der den deutschen Buchpreis gewonnen hat, wieder abreisen, doch er hat etwas gelernt: Das beste Gesellschaftssystem für alle ist doch die Sozialdemokratie.
Zurück bleiben ratlose Kubaner, denen die Segnungen eines sozialdemokratisch gemilderten Kapitalismus verwehrt sind. Und sie fragen sich, welcher deutsche Autor wohl im nächsten Jahr den deutschen Buchpreis gewinnen wird.
Auch ich bin schon ganz gespannt.
Einige Beobachtungen Ruges aus Kuba sind lesenswert, meist aber klischeehaft. Interessant ist der resümierende Absatz, in dem Ruge nach einer Kritik der Negativfolgen westlicher Einflüsse in Kuba urteilt: „Wenn dieser Sozialismus es nach 50 Jahren nicht geschafft hat, einen Menschen hervorzubringen, der über die Lebensweise des weißen Mannes lacht, anstatt sie, sobald er irgendwie kann, nachzuahmen, dann hat er eigentlich kaum eine Berechtigung.“ Dieser Passus offenbart, in welches Raster seine Beurteilungen gepackt sind. Ein Konsumentenraster: da ist ein Produkt, das Wünsche bediente, aber dann doch nicht die Erwartungen voll erfüllt. Der gezahlte Preis hat sich nicht ausgezahlt. Erstens: was hat Ruge persönlich dafür „gezahlt“, damit ihm der Traum eines „Sozialismus“ in Kuba von den KubanerInnen erfüllt werden konnte? Hat er sich solidarisch engagiert, gespendet, die gegen Kuba praktizierten Aggressionen der USA bekämpft? Und zweitens: weshalb soll ausgerechnet eine Gesellschaft mit 11 Mio. Einwohnern „Sozialismus in einem Land“ schaffen, während fast alle anderen den neoliberalen „Kapitalismus“ (Ruge) praktizieren? Auch Ruge lebt in einem Lande, welches zur Speerspitze der Durchsetzung von Kapitalismus gehört. Da er es offensichtlich nicht geschafft hat, in „diesem unserem Lande“ soziale und humane Verhältnisse zu schaffen – geschweige denn Sozialismus – scheint er dies von Kuba zu erwarten? Aber Sozialismus gibt es nicht in Verkaufsregalen.
doch dann "stank es... besonders stark aus den verfallenden Gassen". Ja, ist denn das die Möglichkeit! Ich vermute, die Liebste hat auf dem Absatz kehrt gemacht und ist wieder unter die Bettdecke des Hotel Sevilla gekrochen. Es ist kaum auszuhalten, was ein mit dem "Deutschen Buchpreis" geadelter Schriftsteller schreibt, wenn er "in Kulturdingen" auf Kuba unterwegs ist. Abgesehen von derart klischeehaften Beschreibungen, die denjenigen verraten, der sich Kuba zum ersten Mal oberflächlich nähert, ist ein -literarisch- langweiligerer Text über die Insel kaum vorstellbar. Zunächst wird fast die Hälfte des Tagebuchs mit uninteressanten Botschaftsinterna gefüllt, dann gibt es einen Abstecher zur Hemingway-Villa und schließlich folgt die obligatorische Landpartie mit dem Touristenmagneten Trinidad. Kein einziger Satz, der sich mit etwas Leidenschaft auf das Land einlässt! Aber kein Wunder, die "Liebste" ist ja mit dabei. Mir kommt es nicht auf die politischen Kommentare von Ruge an. Angesichts der lachhaften Che-Guevara-Nostalgie in Europa macht es durchaus Sinn, kubakritische (politische) Artikel zu schreiben. Doch die literarische Uninspiriertheit des kulturreisenden Schriftstellers tut schon weh. Liebe Zeit-Redaktion, zahlen Sie mir den Flug, und ich zimmere Ihnen eine Reportage zusammen mit etwas mehr Schmackes! Soziale Realität, Dachterrassen- und Hinterhofkultur, Überleben im Sozialismus, Salsa-Tanzen im Wohnzimmer, Transen-Disco im Sozi-Chic - na, wär das was?
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