Aino Laberenz"Für mich persönlich habe ich nur einen Traum: dass er wiederkommt"

Sieben Jahre war Aino Laberenz die Frau an der Seite von Christoph Schlingensief. Seinen Traum von einem Operndorf in Burkina Faso verwirklicht nun sie – mit aller Kraft. von Ralph Geisenhanslüke

Christoph und ich haben uns in der Schweiz kennengelernt, in Zürich am Theater. Es war der erste Blick. Wir hatten noch kein Wort miteinander geredet. Wir begegneten uns auf dem Flur. Eine Kollegin stand neben mir. Sie sagte: »Christoph, Finger weg, das ist eine Gute!« Wir waren sofort zusammen.

Gestern dachte ich noch: Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Über ein Jahr lang habe ich nur bemerkt, was mir alles fehlt. Dieser Schmerz wird immer bleiben. Seit ein paar Monaten lerne ich, wieder einen Lebensgrund zu finden. Ich trage immer noch meinen Ehering. Seinen trage ich an einer Kette. Sieben Jahre lang haben wir alles geteilt.

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Die Idee des Operndorfes hatte Christoph, als er Krebs bekam. Durch die Krankheit hat er sich anders mit sich selbst auseinandergesetzt. Er sagte: »Mir haben so viele Menschen eine Straße gebaut, mir Möglichkeiten gegeben, mich auszudrücken. Ich möchte, dass andere auch solche Straßen bekommen.«

Erst haben ihm die Ärzte verboten, überhaupt wieder nach Afrika zu fliegen. Und das war auch schwer am Anfang. Nachdem wir den Ort in Burkina Faso gefunden hatten , waren wir vier oder fünf Mal da. Er sagte: »Ich bin froh, dass sie hier den Namen Schlingensief nicht aussprechen können. Die brauchen mich hier nicht. Es geht hier nicht um mich.« Er hat das Operndorf immer als Ganzes gesehen, als einen Organismus, der sich entwickelt, der sich nimmt, was er braucht.

Aino Laberenz

31, ist Kostüm- und Bühnenbildnerin und die Witwe von Christoph Schlingensief. Sie will den Traum ihres Mannes vollenden: Das Operndorf Remdoogo in Burkina Faso. Zugunsten der Stiftung wurden vorige Woche in Berlin Werke von 80 Künstlern versteigert, unter anderem von Georg Baselitz, Sigmar Polke und Patti Smith. Die Auktion brachte mehr als eine Million Euro ein.

Zwei Wochen vor seinem Tod sagte er den Ärzten: »Kriegt mich wieder hin, ich möchte sehen, wie die Kinder in die Schule gehen.« Er hat gewusst, dass er bald sterben könnte. Die Fundamente hat er noch gesehen, die ersten Mauern der Schule. Ich fing an, Firmen in Burkina Faso zu suchen, mit denen ich den Bau fortsetzen konnte. Ich habe mir jede Firma angeschaut, um zu sehen, wie sie arbeiten. Dann kam die Phase »Bauen und dranbleiben«: Zeitplan einhalten. Finanzplan einhalten. Besuche beim Bildungsminister. Stundenplan aufstellen. Heute stehen da 16 Häuser. Als im Oktober die ersten Kinder in die Schule kamen, dachte ich zum ersten Mal: Das habe auch ich gemacht.

Ich habe einen Traum
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Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Natürlich habe ich einen Traum für das Operndorf. Und für Christophs Arbeit. Dafür lebe ich gern. Und zwar nicht nur aus Liebe, sondern weil ich ihn auch als Künstler sehr schätze. Und weil ich merke, was ich alles von ihm gelernt habe. Was mein Traum ist, für mich persönlich? Das ist ganz schwer. Ich habe nur einen Traum: dass er wiederkommt. Allmählich begreife ich, dass er das auf andere Art und Weise tut.

Und ich sehe, wie viele andere Menschen ihn als Künstler schätzen. Künstler, deren Werke nun nebeneinanderhängen, um sich an seiner letzten Arbeit zu beteiligen. Christoph hat auch von seinen Arbeiten gesagt, dass man den Gedanken weiterdenken soll. Man soll das dürfen, mit einem Künstler. Sich Sachen nehmen und weiterdenken. Das ist die schönste Freiheit.

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