Brustkrebs-Früherkennung : Das feine Gespür für Knoten

In Frauenarztpraxen tasten Blinde nach Tumoren. Für sie ist das eine seltene Chance, von ihrem Handicap zu profitieren. Der Nutzen für die Patientinnen muss aber noch bewiesen werden.

Wenn Pia Hemmerling eine Patientin begrüßt, lugt unter dem T-Shirt-Ärmel ihr Tattoo hervor. Es zeigt eine große blaue Pfote, darunter den Schriftzug "Moritz" – der Name ihres Blindenhundes.

Pia Hemmerling ist seit ihrer Geburt blind, und manchmal hasst sie ihre Behinderung. Doch vor ein paar Jahren hat sie einen Weg gefunden, von ihrem Handicap zu profitieren. Seit 2009 arbeitet sie in der Krebsfrüherkennung als medizinische Tastuntersucherin ( MTU ) in einer Hamburger Frauenarztpraxis. Täglich kommen drei bis vier Frauen aus ganz Norddeutschland, um sich von ihr die Brust abtasten zu lassen. Hinter dem Modellprojekt steht die Annahme, dass Blinde ein besonders feines Fingerspitzengefühl haben und so Tumore entdecken können, die erst wenige Millimeter groß sind.

An diesem Morgen ist es vor dem Grachtenhaus in Hamburg-Bergedorf so still, dass man den Nieselregen aufs Pflaster fallen zu hören meint. Drinnen klingelt ununterbrochen das Telefon, aus dem Behandlungsraum dringt Gelächter, im Nebenzimmer puckert ein Wehenschreiber. In der Tür gegenüber erscheint Pia Hemmerling, eine schmale Person mit sympathisch-frechem Lächeln unter dem schrägen Pony, und bittet herein.

In Deutschland erkranken jedes Jahr fast 72.000 Frauen an Brustkrebs , etwa 17.000 sterben daran. Diese Zahlen machen vielen Frauen Angst, und aus dieser Angst schlagen andere Kapital. Es gibt immer mehr individuelle Gesundheitsleistungen (iGeL), die gesetzlich Versicherte selbst bezahlen müssen. Patientinnen, denen das Brustkrebsfrüherkennungsangebot der gesetzlichen Krankenkasse nicht reicht, zahlen für Ultraschalluntersuchungen, Kernspintomografie und außerhalb des Screening-Alters für manche Röntgenaufnahme. Das Geschäft mit solchen nicht immer sinnvollen Zusatzleistungen wird zu Recht als "graue Mammografie" bezeichnet.

Ist es dann sinnvoll, für die Tastuntersuchung durch Blinde zu bezahlen, die mittlerweile in bundesweit 17 Kliniken und Praxen arbeiten? Wie sinnvoll es überhaupt ist, die Brust abzutasten, ist umstritten. Wissenschaftlich so gut wie durchgefallen ist die Selbstuntersuchung. Zwar gehen in Ländern ohne Mammografie-Screening die meisten Brustkrebsdiagnosen auf Veränderungen zurück, die die Patientinnen selbst entdeckt haben. Doch Studien aus China und Russland mit mehreren Hunderttausend Teilnehmerinnen haben gezeigt: Wer sich regelmäßig selbst untersucht, hat keinen Überlebensvorteil und muss außerdem zweimal so oft mit unnötigen Gewebeentnahmen nach Fehldiagnosen rechnen wie Frauen, die sich nicht selbst abtasten.

Dass ein Arzt die Brust begutachtet und untersucht, ist laut Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Senologie (das ist die Lehre von der weiblichen Brust) hingegen "unverzichtbarer integraler Bestandteil jedes Brustkrebs-Früherkennungsprogramms". Dasselbe Papier stellt aber auch klar: Was das wirklich bringt, ob es sogar schadet, ist nicht eindeutig geklärt. So systematisch wie die Mammografie wurde das für die ärztliche Tastuntersuchung nie untersucht. Was ist dann aber von den 17 blinden Frauen zu halten, die Brüste abtasten?

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