Man könnte die Geschichte der Teilchenphysik als Märchen erzählen. Eine Gruppe Naturforscher stürmt in einen Wald, um dort alles genauestens zu vermessen; Stämme, Blätter, Wurzeln. Staunend lernen die Wissensdurstigen, dass Bäume wachsen, wenn man ihre Wurzeln wässert. Aber warum sind die Blätter grün? Egal, wie viele Messreihen die Forscher durchführen, mit Gießkanne und Zollstock können sie es nicht herausfinden. In der Dämmerung sinken sie erschöpft zu Boden, frustriert von der Komplexität der Natur. Da kommt einem die rettende Idee: Es muss eine Fee sein, die die Blätter heimlich grün anmalt! Eine Fee, Susy soll sie heißen. Lasst sie uns suchen, ruft ein anderer. Und so springen die Forscher auf und stürmen fackelschwingend ins Dickicht.

Susy, die "Supersymmetrie" , das ist die rettende Fee der Teilchenphysiker. Sie würde ihnen helfen, endlich den Kosmos zu erklären. Susy soll das bisherige wackelige Weltmodell der Physiker mit Stützen versehen – dabei ist das alte Schema noch nicht einmal vollständig. Denn dort wird seit Jahrzehnten nach einem Kobold gefahndet. Selbst physikalische Laien kennen ihn als außerordentlich schreckhaftes Elementarteilchen: Higgs heißt er . Niemand hat ihn gesehen. Heimlich hängt er einigen anderen Elementarteilchen Gewichte an. Er soll, so heißt es immer wieder, das letzte fehlende Teil im Theoriegebäude der Physik sein.

Mit faszinierender Präzision erklärt das sogenannten Standardmodell der Teilchenphysik, woraus Atomkerne bestehen, weshalb sie mal zusammenhalten und mal zerfallen. Nur den scheuen Kobold, das Higgs-Teilchen, muss man noch aufspüren: Ein riesiger Teilchenbeschleuniger am Genfer Kernforschungszentrum Cern , der Large Hadron Collider ( LHC ), hat seine Fährte Ende 2011 tatsächlich aufgenommen . Die Forscher müssen nur noch ausschließen, dass sie einem Schatten nachjagen. In wenigen Monaten könnten sie das Higgs dingfest gemacht haben.

Zwar wäre das Standardmodell dann vollständig – und gleichsam wären alle Bäume vermessen. Aber längst wissen die Physiker: Es kann nicht die komplette Natur beschreiben. Sie müssen auch die Fee Susy aus dem Gehölz locken. Von Susy aber fehlt jede Spur. Dabei hatten die meisten Forscher damit gerechnet, dass sie sich irgendwo am Waldrand versteckt. Es geht um die Zukunft der Disziplin: Hinweise auf die Existenz der Supersymmetrie wären die weitreichendste Entdeckung der modernen Teilchenphysik. Finden die Physiker jedoch nur Higgs, droht die Bedeutungslosigkeit. Das Bestreben, ins Innerste der Welt zu blicken, liefe in die Sackgasse – ebenso wie die Hoffnung, ihren Ursprung zu verstehen.

"Wir wissen viel über das Universum, aber weitaus mehr wissen wir nicht", resümierte die Kosmologie-Ikone Michael Turner im Februar auf der Frühjahrstagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft . Sobald man durchs Teleskop ins All blickt, ergeben die alten Naturgesetze keinen Sinn mehr: Die spiralförmigen Arme der Milchstraße drehen sich schneller, als sie dürfen. Riesige Galaxien-Cluster schweben im Universum, obwohl die Schwerkraft zwischen den Sternen so gering ist, dass die Millionen Lichtjahre messenden Gebilde auseinanderfliegen müssten. Warum halten sie trotzdem zusammen?

Die Antwort der Physiker folgt einem bewährten Muster: Wenn man nicht weiterweiß, erfindet man einfach ein neues Elementarteilchen. Es soll vier Fünftel der Materie im Universum ausmachen! Aber es reflektiert kein Licht und bleibt unseren Sinnen verborgen. Wie Luft ein Leinentuch durchdringt es den Kosmos, nur seine Schwerkraft wirkt auf gewöhnliche Materie. Gewaltige Klumpen dieser "Dunklen Materie" bringen die Arme der Milchstraße auf Tempo und halten Galaxienhaufen zusammen. Woraus sie besteht und ob sie überhaupt existiert, weiß allerdings niemand.

Kopfschmerzen bereitet Physikern außerdem die Geburt des Universums. Die ersten Sekundenbruchteile nach dem Urknall kann sowohl Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie als auch das Standardmodell beschreiben – sie kommen aber zu fundamental unterschiedlichen Ergebnissen. Für sich genommen, halten diese beiden Säulen der modernen Physik jeder experimentellen Überprüfung stand. Eine übergeordnete Theorie, die sie zusammenfasst, lässt jedoch seit Jahrzehnten auf sich warten. Das frustriert. Die moderne Physik gleiche einer "heruntergekommenen Struktur aus isolierten Modellen, die durch schiefe Erklärungen notdürftig miteinander verbunden sind", konstatierte kürzlich der Theoretiker Tony Rothman von der Princeton-Universität in einem Aufsatz.