Die Fronten sind starr, die Beschimpfungen heftig – das Urheberrecht ist zum öffentlichen Kampffeld geworden: Die Internetgemeinschaft will teilen und kopieren und nicht wegen jeder Donald-Duck-Torte im Kindergeburtstagsvideo auf YouTube verklagt werden. Es könne nicht sein, sagt der Blogger Marcel Weiß, dass unsere Gesellschaft die heranwachsende Generation kriminalisiert, weil sie das im Netz macht, was wir alle früher auf dem Pausenhof gemacht haben: Kulturgüter tauschen. Die Verwerter wettern dagegen. Sie wollen nur teilen, wenn jemand bezahlt. Die Pausenhofmetapher hält Alexander Sikpis, Geschäftsführer des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, für eine romantisierende Verharmlosung: »Illegale Downloads sind ein Massenphänomen. Da steckt richtig kriminelle Energie dahinter«, sagt er im Vorfeld der Leipziger Buchmesse .

Für beide Seiten geht es ums Ganze: Wie hältst du’s mit dem Urheberrecht? Das ist die Gretchenfrage unseres kognitiven Kapitalismus, in dem Reichtum zunehmend über immaterielle Güter wie Wissen und Codes produziert wird – womit das Konzept des geistigen Eigentums entscheidet, wer daran partizipiert. Oder, um es noch grundlegender zu formulieren: Wir sind im Internetzeitalter damit konfrontiert, den Begriff des Teilens neu zu denken. Teilen im Sinne von Mitteilen und Teilhaben kennzeichnet die Produktion und Konsumtion immaterieller Güter. Und der in diesem Prozess geschaffene Reichtum wirft die Frage auf, wie er verteilt werden soll.

Mit der Idee des Teilens hat das Urheberrecht aber heute Schwierigkeiten. Besonders deutlich wird das im Bereich der Kunst, in dem die Praxis, Teile fremder Werke für ein eigenes zu verwenden, weit verbreitet ist. Dabei geht es keineswegs nur um die Untiefen des Internets und seine Copy-and-paste-Kultur, um Remixe, Mashups oder das vom Hip-Hop geschätzte Sampling, kurz, um all den hot shit, für den sich ältere Semester nicht zwingend interessieren müssen. Es geht auch darum, dass es nach geltendem Urheberrecht die Pop-Art eines Andy Warhol nicht hätte geben sollen, nicht van Goghs Arbeiten nach dem japanischen Holzschnittmeister Hiroshige, ganz zu schweigen von Bachs brandenburgischer Adaption der Violinkonzerte Vivaldis.

Der freie Umgang mit der Kunst der anderen wurde in dem Zuge eingeschränkt, in dem die Gesetzgeber das Urheberrecht verschärften: Für 21 Jahre besaß ein Künstler im England des 18. Jahrhunderts die Rechte an seinem Werk, für weitere 14 Jahre besaß er sie auf Druck und Veräußerung. Heute ist das Urheberrecht in England wie in Deutschland ein automatisch garantiertes Recht, das bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers gilt – egal, ob es ein privates Foto auf Flickr oder einen Hollywood-Blockbuster schützt. Allein in den USA gab es in den letzten 30 Jahren 15 Verschärfungen des Urheberrechts. Statt sich also der Kulturproduktion des digitalen Zeitalters anzuschmiegen, hat das Urheberrecht eine gegenläufige Richtung genommen, die weder dem Produzenten dient noch dem Konsumenten und am allerwenigsten jenem Zwitter, der Walter Benjamin zufolge erstmals auftrat, als die Tagespresse dem Leser im Blatt eine Sparte einräumte: »Der Lesende ist jederzeit bereit, ein Schreibender zu werden«, resümierte der Philosoph und nahm damit den Typus des sogenannten Prosumenten vorweg, der gleichzeitig produziert und konsumiert und der heute das Netz dominiert.

Will man verstehen, wieso das Urheberrecht mit dieser Entwicklung nicht Schritt hält, muss man einen Blick auf seine Geschichte werfen. Zuerst auf die langen Jahrhunderte, die ohne Autorenrechte auskamen: Von der Antike übers christliche Mittelalter bis hin zum Barock war der Künstler Teil einer Gemeinde, deren Selbstverständnis er in seinen Werken ausdrückte und die im Gegenzug sein Auskommen sicherte. Die Polis, die Kirche, der fürstliche Hof finanzierten die Kunst. Diese Welt zerbricht mit der großen bürgerlichen Modernisierungs- und Individualisierungsphase um 1800. Der Künstler verliert seine quasi-naturwüchsige Gemeinde und muss sich nun selbst eine schaffen. Positiv gewendet heißt das: Er machte sich frei von der Überlieferung und von den geschmacklichen Fesseln feudalen Mäzenatentums. Das ist die Geburt des Autonomiegedankens in der Kunst: Der Künstler schafft sein Werk nicht mehr nach der alten Regelpoetik, sondern nach den inneren Maßgaben der von Kant fixierten Genieästhetik. Als Schöpfung ganz aus sich selbst oder besser noch: aus dem Nichts. Zugleich ist es die Geburtsstunde der Kunst als Ware, denn nun muss der freie Markt den Künstler ernähren. In dieser Situation verhießen garantierte Eigentumsrechte den Künstlern und Verlegern eine Lösung.

In unserer digitalen Kopiergesellschaft stellt sich allerdings die Frage, ob das Urheberrecht diese Aufgabe noch erfüllen kann. Denn das Internet ist die vollendete Reproduktionsmaschinerie: Alles, was ins Netz eingespeist wird, ist mit ein paar Klicks zu haben, nicht selten kostenlos. Die Musikbranche hatte das als Erstes zu spüren bekommen. Mit dem Verkauf von CDs lässt sich heute nur noch selten viel Geld verdienen. Als Nächstes könnte es die Buchbranche treffen, seit sich das geschriebene Wort vom Papier zu emanzipieren beginnt und als E-Book ins Netz wandert. Und das geht gewaltig schnell: 2011 lag der deutschlandweite Umsatz bei E-Books im ersten Quartal gerade einmal bei 50.000 Euro, im letzten Quartal schon bei 1,5 Millionen Euro, und für das erste Quartal in diesem Jahr rechnet der Börsenverein mit drei Millionen Euro. Der Umsatz steigt also, zugleich aber auch der Missbrauch: Mehr als 60 Prozent der Downloads seien illegal, zitiert der Geschäftsführer des Börsenvereins die von der Musik- und Buchbranche in Auftrag gegebene Studie zur digitalen Content-Nutzung. Bei Kino- und Spielfilmen soll der Anteil illegaler Downloads sogar bei 83 Prozent liegen.

Als Antwort auf das illegale Filesharing gründete sich die Deutsche Content Allianz , in der sich die Größen aus analogen Zeiten versammeln. ARD und ZDF vergessen ihren jahrelangen Streit mit dem Verband Privater Rundfunk und Telemedien und machen mit ihm gemeinsame Sache; die Gema ist genauso dabei wie der Bundesverband Musikindustrie, die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft und der Börsenverein. Ihre gut bezahlten Lobbyisten schmeißen sich mit der Forderung in den politischen Ring, das Urheberrecht noch weiter zu stärken und diejenigen, die dagegen im Netz verstoßen, noch härter zu bestrafen. Schließlich sind sie es, und nicht die Künstler, die mit dem Verkauf von CDs, DVDs und Büchern bislang am meisten von den Verschärfungen des Urheberrechts profitiert haben. »Auch wenn unsere digitale Realität heute eine andere ist als die zu Zeiten der Entwicklung des Urheberrechts, gilt der Schutz des geistigen Eigentums damals wie heute als Maxime«, sagt deshalb Jürgen Doetz von der Content Allianz.

Die Situation scheint festgefahren, niemand weicht von seiner Linie ab

Auf der anderen Seite des ideologischen Grabens versammeln sich die Netzaktivisten. Sie wollen das Urheberrecht zwar nicht abschaffen. Aber sie wollen das Gesetz, »das zum Monster angewachsen ist«, wie Markus Beckedahl, einer der Vordenker der Bewegung , sagt, radikal reformieren. Die Dauer des Rechtsbesitzes soll drastisch gekürzt werden, um Lieder, Filme und Bücher so schnell wie möglich allen zur Nutzung zugänglich zu machen. »Je mehr Schutzrechte man dem Urheber heute gibt, desto mehr nimmt man dem Urheber von morgen weg«, lautet die einfache Gleichung, die Blogger Marcel Weiß aufstellt. Die Netzaktivisten wollen nicht als Spinner aus einer anderen Welt gelten, die alles umsonst haben wollen. Sie wollen Anerkennung dafür, dass sich da tatsächliche strukturelle Umbrüche vollziehen, die nicht umkehrbar sind, seitdem die Verbreitung von Kunst nicht mehr von physischen Datenträgern abhängig ist. Für Weiß heißt das: Filesharing und Downloads müssen legalisiert werden, und die Künstler sollen neue Geschäftsmodelle und Teilhaben ausprobieren oder ausbauen.

Ideen für die Umverteilung gibt es viele, einige sind in ihrer Umsetzung schon erprobt: Mikro-Bezahlsysteme wie flattr zum Beispiel, bei dem die Nutzer zu Beginn eines Monats einen selbst gewählten Betrag auf ihr Konto laden, der gleichmäßig auf die Anbieter aufgeteilt wird, auf deren Seiten man im Laufe des Monats den flattr-Button geklickt hat. Wer 100 Euro auf seinem Konto hat und 200 Angebote unterstützen will, zahlt jedem 50 Cent. Oder das Crowd-Funding, wo Künstler auf Seiten wie kickstarter.com oder sell-a-band.com ihre Projekte vorstellen und um Finanzierer werben. Andere Ideen befinden sich noch im Teststadium: Die bekannteste ist die Kulturflatrate, die seit Jahren in linksintellektuellen Zirkeln diskutiert wird und bei der jeder, der einen Internetanschluss hat, eine festgelegte Abgabe bezahlen soll – genau wie es sie jetzt schon für CD-Rohlinge, Kopierer und Drucker gibt.

Die Künstler müssen sich entscheiden: Wollen sie die alten Geschäftsmodelle stärken und für eine Verschärfung des Urheberrechts kämpfen, oder wollen sie sich im Trial-and-Error-Modus in ein neues Zeitalter aufmachen? Bislang bleiben die meisten der Großen an der Seite ihrer Plattenlabels, und die Kleinen machen die Probierstuben auf. Im öffentlichen Diskurs aber gehen die Stimmen der Künstler unter. Weil sie so zersplittert sind, aber auch, weil die organisierten Interessenvertreter sich ihrer bemächtigen – wie Jürgen Kasten, Geschäftsführer des Bundesverbands der Film- und Fernsehregisseure, der die Gefahren für den Wissensstandort Deutschland in alarmistische Begriffe hüllt, die Protestler gegen Urheberrechtsverschärfungen als »heuchlerisch und hehlerisch« beschimpft und sie auf die Rolle der Umsonstfetischisten reduziert.

Die Situation scheint festgefahren, niemand weicht von seiner Linie ab. Bleibt also alles beim Alten? Wohl kaum, denn da sind noch zwei andere Spieler auf dem Markt, die bislang nur am Rande in den Urheberrechtsdiskussionen auftauchen, die aber für gewaltig Aufruhr sorgen können: Apple und Amazon . Denn während die Verwerter die Fans ihrer Künstler vergraulen, indem sie den Download-Kids ein Heer von Abmahnanwälten an den Hals schicken und Remixe verhindern; während die Netzdenker mit ihrer Maximalforderung der Legalisierung aller illegal erworbenen Artefakte verstören; während sich also all die zanken, die eigentlich für die Lebendigkeit und die Qualitätsstandards unserer Kunst verantwortlich sind, haben Apple und Amazon längst Fakten geschaffen. Seit Jahren verdienen sie mit ihren Angeboten im Netz sehr viel Geld – und decken immer mehr Teile des Marktes ab. Bei iTunes gibt es alle Kunst zu kaufen, Lieder, Filme, über iBooks auch Bücher. Und Amazon revolutioniert den Buchmarkt, wie es noch keine andere Firma gemacht hat.

Es gibt die ersten zaghaften Versuche dagegenzuhalten. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist mit seiner Plattform libreka online. Alle verfügbaren E-Books werden dort gelistet, in Zukunft sollen auch Musik und Filme darüber gehandelt werden, ganz wie bei Apple, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: libreka soll in Zukunft mit den Webseiten der einzelnen Buchhandlungen verknüpft werden. Der Kunde könnte damit seinen Buchhändler unterstützen und auf etwas zurückgreifen, was kein Algorithmus liefern kann: die persönliche Beratung des Händlers. Wann aber springen die anderen auf? Wann verkauft die Filmindustrie ihre Filme und Serien online zu angemessenen Preisen? Wann endlich werden die Verwertungsgesellschaften flexibler? Warum kann ein Künstler nicht unter einem Pseudonym bei der Gema gemeldet sein und unter einem anderen Namen mit Creative-Commons-Lizenzen neue Verbreitungs- und Einnahmewege ausprobieren?

Die Zeit läuft: Wenn sich niemand in der Kreativwirtschaft bewegt, werden die großen Internet-Player als Monopolisten den Markt übernehmen. Sie werden nicht nur die Preise bestimmen, sondern den gesamten Kulturprozess von der Entstehung bis zum Verkauf an sich reißen – so wie jetzt schon das zu Amazon gehörende Downloadportal Audible , das Hörbücher selbst produzieren lässt, statt sie lediglich zu vermarkten. Die alten Verlage und Labels drohen deshalb im besten Fall Zulieferer von Amazon und Apple zu werden. Im schlechtesten Fall verlieren sie ihre Aufgabe und werden geschluckt.