»Eimsbütteler Eltern haben DIE SCHNAUZE VOLL. Tun Sie bitte etwas!« Das ließen wir uns nicht zweimal sagen und riefen die Schreiberin Stevie Meriel Schmiedel an. Sie hat in Sachen Genderforschung im britischen Nottingham promoviert und ist jetzt Lehrbeauftragte an der Universität Hamburg .

Wer mag sich darüber noch aufregen: Sexistische Werbung, da steht man doch gleich im altfeministischen Abseits. Aber Stevie Meriel Schmiedel ist 40, und sie hat zwei Töchter, fünf und acht Jahre alt, die das Thema mit ihren neugierigen Fragen wieder auf die Agenda setzen.

DIE ZEIT: Frau Schmiedel, was ist eine Wanderhure?

Stevie Meriel Schmiedel: Keine Ahnung. Man sah sie jedenfalls in den vergangenen Wochen überall in der Stadt auf den Werbeplakaten von Sat.1. Ich nehme an, es ist eine Frau, die durch die Orte zieht und sich prostituiert.

ZEIT: Was für ein Problem haben Sie mit ihr?

Schmiedel: Durch die Druckschrift des Plakats kann jedes Kind aus der ersten Klasse das Wort »Wanderhure« lesen und fragen: »Mama, was ist eine Wanderhure?« Genau das ist mir passiert. Ich muss meiner achtjährigen Tochter erklären, was eine Prostituierte ist. Etwas früh, oder? Kinder assoziieren mit Sex, mit Liebe machen, etwas sehr Inniges, man erklärt es ihnen als etwas Schönes. Und nicht als etwas, für das Frauen sich bezahlen lassen, weil sich Männer befriedigen. Es ist ein Schock für Kinder.

ZEIT: Es verärgern Sie auch die Motive von Sendungen wie Germany’s Next Topmodel – was stört Sie daran?

Schmiedel: Mich regt auf, dass ein sehr kommerzielles Rollenbild für Frauen über Werbeträger vermittelt wird, mit dem Kinder und Jugendliche ständig konfrontiert sind und das ich als sehr ungesund empfinde. Und Hamburg ist ja mittlerweile mit Werbeflächen vollgepflastert. Es geht um die »objectification« von Frauen, die Herabsetzung von Frauen zum Objekt. An allen Stadtecken dominiert ein bestimmtes Frauen- oder Geschlechterrollenbild. Da fragen sich die jungen Mädchen doch eher, wie werde ich Topmodel – anstatt Kanzlerin oder Ingenieurin. Barbie-Frauen, große, dünne Frauen auf allen Werbeträgern: So sollen wir aussehen, denken offenbar viele Mädchen.

ZEIT: Ihre Kritik teilen ja viele Frauen. Werden die Kinder nicht bloß vorgeschoben, weil Frauen mit dem Thema schon lange nicht mehr ernst genommen werden?

Schmiedel: Für mich war das Thema immer relevant, aber jetzt bin ich als Mutter wütend.

Als Wissenschaftlerin beschäftige ich mich unter anderem mit Essstörungen . Aktuell liegen drei Forschungen bedeutender Institute vor, die alle drei belegen, dass die Castingshows, die in den letzten fünf Jahren entstanden sind, die Selbstwahrnehmung, das Körperbild von Jugendlichen und jungen Mädchen schädigen.

Es gibt die Zahlen, und ich frage mich, muss nicht die Politik, die Hansestadt Hamburg Verantwortung zeigen? Dass die Sendungen laufen, ist das eine, aber so massiv Werbung dafür zu machen ist das andere.

ZEIT: Welche Verbindung gibt es zwischen den Werbetafeln und der Stadt?

Schmiedel: Die Stadt vergibt Werbeflächen. So kann zum Beispiel eine Firma, ein Marktführer in Deutschland in der Außenwerbung, in Hamburg viele Jahre lang Hunderte von Leuchtlitfaßsäulen und -werbeflächen vermarkten. Dadurch verliert die Stadt die Möglichkeit, den öffentlichen Raum mit zu gestalten.

Das ist mein Hauptpunkt. Sehen Sie sich eine aktuelle Werbung an: »Feiern, bis die Ärztin kommt« – und das in Zeiten jugendlichen Komasaufens. Oder die Marlboro-Werbung »Maybe«, die so unglaublich präsent ist: Wenn du nicht Marlboro rauchst, bist du ein Nichtsnutz. Wie kann man das mit der Gesundheitspolitik vereinbaren?

ZEIT: Was tun Sie mit Ihrem Ärger?

Schmiedel: Ich habe Kerstin Artus, die Vizepräsidentin der Bürgerschaft, angerufen und werde sie nächste Woche treffen.

ZEIT: Haben Sie konkrete Forderungen?

Schmiedel: Noch nicht, aber Überlegungen hinsichtlich einer Ethik-Kommission etwa. Irgendeine Form von Mitsprache des Senats bei dem, was auf den Werbeflächen gezeigt wird. Es ist ja okay, wenn für Germany’s Next Topmodel geworben wird, es kann aber doch nicht sein, dass Werbeflächen so ausufernd damit belegt sind. Für mehr Vielfalt würde ich plädieren, für eine Mischung.

ZEIT: Momentan sind Sie allein und werden moralisch unterstützt von anderen Eltern. Wollen Sie eine Initiative gründen?

Schmiedel: Es gibt in London zwei Frauen, die sind mit ihrer Initiative » Pinkstinks « (»Rosa stinkt«) sehr erfolgreich. Über ihre Internetseite pinkstinks.org.uk mobilisieren sie gegen eine Spielwarenindustrie, die aus Mädchen lauter kleine rosa Prinzessinnen macht. Ihre Kampagne gegen »gender apartheid« ist inzwischen ziemlich erfolgreich. Ein großes Spielwarengeschäft in London hat seinen Laden neu arrangiert. Die Spielwarenkette Early Learning hat ihr Sortiment verändert. Ein Beispiel: Im Katalog spielen jetzt Mädchen und Jungen mit Spielküchen.

ZEIT: Könnte das ein Vorbild für Ihr Engagement sein?

Schmiedel: Ja. Ich bin mit denen in Kontakt. Ich überlege, Pinkstinks Germany zu initiieren.