Zürcher SchauspielhausFaust und Elfriede

Allerhand Goethe, etwas Jelinek – "Faust"-Fragmente im Zürcher Schauspielhaus. von Michael Skasa

Edgar Selge in der Inszenierung "Faust 1-3"

Edgar Selge in der Inszenierung "Faust 1-3"  |  © Toni Suter / T+T Fotografie

Wohin jetzt? In Goethes Himmel der Dichtkunst oder in Jelineks Hölle der Übermalung? Setzen wir uns mit der großen Menge auf die Polster im Schauspielhaus – oder, mit nur 30 Erwählten, drunten in einen schalltoten Probenraum? Der Dramaturg teilt dem Rezensenten ein Billett fürs Parkett, fünfte Reihe, zu. Was immer im dumpfen Kellerloch getrieben und geredet wird, wir werden’s nicht erfahren, bekommen bestenfalls eine leise Ahnung, wenn wir beim SZ -Kollegen, den das Los in die Gruft verschlagen hat, lesen, man fand sich da »zusammen mit Sarah Hostettler, Miriam Maertens und Franziska Walser auf Stühlen entlang der schalldichten Wand wieder und lauschte dem sarkastischen Witz Jelineks«.

Hatte sie kürzlich Lessings Nathan paraphrasiert, so knöpft sie sich nun Goethes Urfaust vor und lässt einen Worterguss von fast vier Stunden Lesedauer über Zeit- und Welt- und Frauenfragen strömen, sie »übermalt« Goethe mit einer Flut von Kalauern und Damenwitzen, das hoppelt nur so durch den Krautgarten verbaler Assoziationen; wo man hinschaut, witzelt es: Ein Wort schiebt das andre. Dass die Frauen benutzt werden, dass sie die Besseren sind, dass die Wirtschaft ein Durcheinander, das Klima eine Katastrophe, die Welt der Wahnsinn und die Frau ein williges Opferlamm sei. Solche Gedanken halt.

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Nachdem sie für ihre Winterreise den Fall Kampusch bemüht hat, ist sie diesmal angefeuert von der Schaudertat des Herrn Fritzl, der ja mit seiner Tochter, seinem Geschöpf mithin, im selbst gebauten Kellerloch so um die sieben Kinder zeugte. Da explodieren zerebrale Knallfrösche, verpuffen letztlich aber in ein Wortgestöber.

Seit Längerem schon schreibt Elfriede Jelinek ihre Theaterstücke als schiere Prosa, nur hie und da wechselt sie den »Sprecher« aus. Man nennt derlei Literatur »Textflächen« – Fläche, flach, flechten, fluchen oder lachen... Ein Verbalklingler jagt den andern, ein Silbengag tritt dem nächsten auf den Fuß, ein Wutböller haut dem folgenden in die Fresse. Dem Leser wird von alledem so dumm – ja genau: Mühlrad, Kopf herum.

Schon im ersten Satz erkennen wir die Rezeptur. Empfiehlt Mephisto in Goethes Schülerszene: »Besonders lernt die Weiber führen / Es ist ihr ewig Weh und Ach / So tausendfach / Aus Einem Punckte zu kuriren«, so beginnt Jelineks Textfläche, indem die GeistIn spricht: »Die Weiber führen lehren? Wir hätten eher jeden Grund, sie unschädlich zu machen. Denn sie führen doch schon längst! Sie halten das Heft fest in der Hand, in das sie sich eintragen, und nur ihres soll gültig sein.« Ein Wirrsal halb garer Einfälle. Oder: »Wir müssen alle unter die Erde«, sagt eine, als es ums Kellerlochbauen geht, »das ist unser Los. Aber los vom Papa, das geht nicht. Ein Los kaufen, das geht, auch wenn es sinnlos ist...« Oder: »Nur der Mensch gräbt sich zu seinem eigenen Vergnügen ein Loch in der Erde, das ist sein freier Willi, sein frei in der Hose baumelnder Willi, allzeit bereit, der immer was will, der das will, was er will.« Hollariddi-eiho! Das labert und strullt sich ein und aus. FaustIn and Out heißt Jelineks Werkstück, sie nennt es ein »Sekundärdrama« und schlägt dem Theatereinrichter vor: »Zwei Fernsehapparate, in denen vielleicht Szenen aus ›Urfaust‹ laufen, die zum Teil auch auf der Bühne gespielt, abgefilmt und projiziert werden könnten. Nur ein Vorschlag. Zwei Fernsehsessel, in denen je ein Einpersonenchor sitzt: GeistIn und FaustIn, wer immer das ist.«

Was macht ein Regisseur damit? Er könnte, beispielsweise, die große Bühne zweistöckig einrichten: zu ebner Erde und im Kellerloch. Droben Goethe, drunten Jelinek, Licht an, Licht aus; dann dauert das vielleicht sieben Stunden und verschränkt, verdoppelt, konterkariert sich enervierend. Oder er lässt Goethe ganz weg, sprich: spielt nur die druckfrische »Textfläche«, was die Jelinek klugerweise nicht gestattet. Die Lösung daher: Er lässt Jelinek weitgehend weg, nur ein erlostes Besuchergrüppchen wird im Verlies mit ausgesuchten Teilen ihrer Suada konfrontiert, die andern alle hören derweil droben schieren Goethe. Wenn dann endlich Gretchen mit ihrer Tragödie aus dem Verlies auftaucht, wird die hochgeholte Kleingruppe mit der Menge vereint.

Wir droben im Lichte haben bis dahin schon 70 Minuten heitres Vergnügen erlebt vor kahler, nicht gebrauchter Bühne, denn der Regisseur (und, na ja, Bühnenbildner) Dušan David Pařízek hat eine quadratische Vorbühne errichtet mit rahmendem Gestänge, bis vor zur fünften Reihe. Diese Bretterbude ist der Tanzboden für zwei Schauspieler (Frank Seppeler und Edgar Selge), die sich davor, drauf, drangelehnt und drüberpurzelnd die Goethe-Verse zuwerfen, dass es eine Lust ist. Zwei Salonherren, dunkler Anzug, weißes Hemd, so kurven und pflügen sie durch eine Welt von Zitaten – es gibt keine Rollen, nur Aphorismen und Witze. Manchmal fallen sie einander ins Wort, vollenden den Text, verändern ihn, biegen ab zu einem andren Kapitel – das hat dann schon wieder Ähnlichkeiten mit den Assoziationsketten der Jelinek.

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