In diesem Jahr bestimmen die beiden Weltmächte USA und China ihre politische Führung neu. Schwer zu sagen, welche Wahl die wichtigere ist. In Amerika ist vollkommen offen, wie die Präsidentschaftswahlen im November ausgehen werden. In China hingegen, wo im Oktober der 18. Parteitag über das künftige Spitzenpersonal abstimmt, schien das Ergebnis lange festzustehen. Wie es sich für eine ordentliche Diktatur gehört.

Plötzlich ist alles anders. Eine seit Monaten zu spürende nervöse Anspannung hat sich im gewaltigen Knall einer Politaffäre entladen, wie sie das Land seit 20 Jahren nicht erlebt hat. Am vergangenen Donnerstag ist Bo Xilai gestürzt worden , Politbüromitglied und Parteichef der 30-Millionen-Metropole Chongqing. Sein von ihm gefeuerter höchster Polizeioffizier war zuvor mit belastenden Dokumenten in das US-Konsulat der Stadt Chengdu geflohen und hatte dort um Asyl nachgesucht.

Bo Xilai, Vertreter der Parteilinken, galt als Anwärter auf einen Sitz im Ständigen Ausschuss des Politbüros, dem höchsten Führungsgremium Chinas. Sieben von dessen neun Mitgliedern müssen auf dem Parteitag neu gewählt werden.

Im Volk war Bo populär, weil er gegen die Kluft zwischen Reich und Arm wetterte; und weil er gnadenlos die Triaden bekämpfte, die chinesische Mafia. Er tat dies allerdings mit einer solchen Gleichgültigkeit gegenüber den Gesetzen, dass es der Führung in Peking unbehaglich wurde. Gänzlich suspekt aber war den Genossen in der Hauptstadt die "Rote Kultur" in Chongqing, die nostalgisch die Mao-Ära verklärte.

Der Premierminister warnt vor der Wiederkehr der Kulturrevolution

Ein Spuk, der Premierminister Wen Jiabao in Rage brachte. In dramatischen Worten erinnerte Wen vorige Woche an die "harten Lektionen" der Vergangenheit. Eine Tragödie wie die von Mao einst entfachte Kulturrevolution könnte sich auch heute wiederholen!

Wie viel Sprengstoff muss sich in der Partei angesammelt haben, dass der Regierungschef zu solchen Warnungen greift? Wen, der in der KP zu den Liberalen gehört, ruft nach politischen Reformen. Wie weit diese reichen sollen, wer ihn dabei unterstützt – darüber kann nur spekuliert werden. Denn eine öffentliche Debatte über den künftigen Kurs der KP gibt es nicht.

Der Sturz Bo Xilais deutet darauf hin, dass die Reformer derzeit die Oberhand haben. Aber der tiefe Fall des vielleicht beliebtesten Politikers in China erschüttert die Partei bis ins Mark. Nur ein einziges Mal seit ihrer Machtübernahme 1949 ist Chinas Kommunisten bisher ein friedlicher Führungswechsel gelungen. Das war vor zehn Jahren, als Parteichef Jiang Zemin die Macht an seinen Nachfolger Hu Jintao übergab. So sollte es von nun an die Regel sein, mehr als je zuvor legten Pekings Herrscher Wert auf zweierlei: Konsens und Kontinuität.