Die Wahl in Nordrhein-Westfalen wird Deutschlands wichtigste Wahl seit dem Ausbruch der Staatsschuldenkrise sein. Wie halten wir es eigentlich mit den Schulden? Allein darum wird es bei dieser Abstimmung gehen; es ist die eigentliche Richtungsentscheidung, vor der die Wähler im Mai stehen. Die europäische Verschuldungsdebatte, die von den Deutschen immer nur am Beispiel entfernter Länder geführt worden ist, kehrt mit dieser Wahl nach Hause zurück.

Schulden oder keine Schulden: Norbert Röttgen , der CDU-Kandidat , hat bereits klargemacht, dass es für ihn kein anderes Thema in diesem Wahlkampf geben wird. Gleiches sagt Christian Lindner für die FDP . Und Hannelore Kraft , die eigentlich gescheiterte SPD-Ministerpräsidentin, verteidigt ihre Politik des staatlichen Schuldenmachens als Blaupause für die gesamte EU .

Überall in Europa wird in den kommenden Jahren so hart gespart werden, wie die Deutschen es gerne wollen – aber nun geht es auf einmal darum, wie hart die Deutschen selber sparen. Zum Beispiel in ihrem bevölkerungsreichsten Bundesland. Schulden oder keine Schulden: Erstmals seit dem Ausbruch der Krise wird darüber in Deutschland abgestimmt.

Die Bürger erleben, dass Sparen allein nicht die Probleme löst

Das bedeutet freilich nicht, dass diese Landtagswahl nun für die CDU zum Selbstläufer wird, ganz nach dem Motto: Unsere Kanzlerin setzt in Europa das Sparen durch, und unser Kandidat wird dasselbe künftig in NRW tun. Denn in Nordrhein-Westfalen zeigen alle bisherigen Umfragen, wie unpopulär ein rigoroser Sparkurs in der Bevölkerung ist. Die rot-grüne Minderheitsregierung mag vor allem über ihre miserable Haushaltsführung gestürzt sein . Dennoch aber ist Hannelore Kraft die mit Abstand beliebteste Politikerin im Land.

Man könnte das nun als eine gewisse Verlogenheit der Wähler abtun: Sie wissen um die Notwendigkeit von Reformen und Sparen, aber wenn es dann ernst wird, entscheiden sie sich lieber für jene, die ihnen das Blaue vom Himmel versprechen. Doch diese Erklärung wäre zu einfach. Womöglich ist es so, dass die Bürger in NRW gerade live und vor Ort erleben, dass Sparen allein ein Land nicht aus der Krise führen kann. Und dass all das, was wir von den Griechen, Spaniern und Italienern verlangen, eine Gesellschaft doch ziemlich auseinandertreiben kann.

Natürlich führt am langfristigen Schuldenabbau auch in Deutschland kein Weg vorbei. Zugleich aber ist die wirtschaftliche Lage Nordrhein-Westfalens eine Art Abziehbild der Situation anderswo in Europa. Die Wirtschaftsstruktur des Landes wird schon seit Längerem durcheinandergewirbelt, die alten Industrien verlieren an Bedeutung, und boomende neue Branchen gibt es kaum. Die Menschen sind fleißig und engagiert, und dennoch fehlen die Jobs. Es fehlen auch Kindergartenplätze und Erzieher. Viele Städte und Gemeinden stehen vor der Pleite, weil ihre Schulden die wenigen Vermögenswerte übersteigen. Von einem Schuldenschnitt wie in Griechenland ist jetzt sogar die Rede und davon, dass die hoch defizitären NRW-Kommunen keinen Soli mehr nach Ostdeutschland überweisen sollten. Das ganze Land steckt in einer tief greifenden Veränderung, die länger dauern und teurer werden dürfte, als alle nationalen Schuldenregeln es zulassen.

Man kann diesen Wandel nicht aufhalten. Man muss ihn vielmehr noch beschleunigen: durch Investitionen in Bildung und Forschung, in Kinder, in familiengerechte Städte und Gemeinden. All das kostet Geld, das keine Landesregierung, egal, welcher Couleur, einfach an anderer Stelle einsparen kann. Also geht es auch um die Finanzierung dieses Wandels – bloß wie, diese Antwort liefert im Augenblick keine Partei, auch nicht die SPD .