Popalbum "MDNA" : Süchtig nach Madonna

Mit 53 Jahren veröffentlicht der größte lebende Popstar das zwölfte Album. Fragen wir jetzt mal nicht, wie sich Madonna inszeniert. Hören wir nur auf die Musik.
Madonna, ein Girl mit 53 Jahren © Universal Music

Die neue Madonna: klingt doch gleich gut. Madonna, 53 Jahre alt – das klingt doch gleich sehr gut. Wirklich begeistern muss am Status Madonnas, dass der Popstar nach dem Tod Michael Jacksons ( beide 1958 geboren , er 2009 gestorben) den komplett irrealen und wahnsinnigen Status des größten Popstars auf Erden hochhält und dass dieser Star eine Frau ist: schön. Sonst so?

Wir hörten zuletzt, dass der größte lebende Popstar in einem Footballstadion in Indianapolis seine neue Single Give Me All Your Luvin’ vorstellte und 150 Millionen Fernsehzuschauer toll unterhalten hat (als römische Legionäre verkleidete Tänzer trugen die Cäsarin Madonna auf einem goldenen Thron auf die Bühne). Der Popstar hat seine eigene Fitnessstudiokette in den USA lanciert; bei dem Film W.E. hat der Popstar Regie geführt und wurde dafür, was bei Madonna-Filmen Tradition hat, von extrem feindseligen Kritiken zerrissen. Und?

Der Rezensent möchte hier, anlässlich des Erscheinens des neuen Madonna-Albums MDNA – es ist, überraschende Tatsache, erst ihr zwölftes Studioalbum –, zu einem naheliegenden, im Sinne des Pop konsequent gedachten Experiment greifen: zur Form der guten alten Plattenkritik. Was hört der Mensch, der die zwölf Tracks der neuen Madonna-LP in einem Rutsch vorgespielt bekommt? Konkret: Was klopft, poppt, soundet, orgelt, streicht, zirpt und fiept da wie? Wie lauten die spontanen Einfälle, Assoziationen, Gefühle, die beim Madonna-Hören hochpoppen? Macht es gute Laune? Die bange Frage des Rezensenten lautet: Ist das neue besser als das letzte Album Hard Candy , das ja leider ein ziemlicher Flop war?

16. März, Mittagszeit: die Listening Lounge der Plattenfirma Universal in Berlin . Gestern ist die Madonna-CD, von der es in Deutschland angeblich nur eine gibt, aus München eingetroffen. Der Plattenfirma liegt eine Liste der Songtitel vor, Informationen wie die Namen der Produzenten fehlen: alles total geheim.

Track Nummer eins: die zweite Single Girl Gone Wild . Madonna spricht: Es ist die übliche raunchy Madonna-Stimme, eine Stadionansage, vielleicht aber auch eine Tischrede oder Einstimmung für eine Gruppe hübscher, leicht angetrunkener junger Menschen, die in einem halbdunklen Zimmer gleich tolle Dinge miteinander anstellen werden. Moment, oder ist das die Stimme von Britney Spears , mit Lady Gaga eines der Enkelkinder und einer der Geister, die die Königinmutter des Pop gerufen hat und deren Karriere sie mit jenem berühmten Todeskuss in aller Öffentlichkeit unter Kontrolle brachte? Synthesizer tuten, der Beat bumst rein. Wie nennt man so einen Beat? Es ist ein Euro-Trash-Beat, ein Ausgehbeat, es läuft eine gut billige Autoscooter-Hymne. Madonna sagt: "It’s so hypnotic, it’s so erotic." Der Refrain besteht aus den im Pop immer richtigen, immer klugen Worten "Hey, Hey, Hey". Ein starker, kein besonders guter Song.


Track zwei: Gang Bang . Der Beat pocht. Der Beat pocht noch immer. Wir stehen vor der Tür eines Berliner Technoclubs an: Sie will da rein. Ist das Dubstep, das letzte große Ding im Techno? Eine Gay-Hymne. Sehr silly, sehr camp – ein Sound, zu düster zum Vögeln. Die tiefste Madonna-Stimme, die die Welt je gehört hat, erzählt SM-Texte: "Gang Bang / Shot you down / Shot my lover in the head." Dann steigen wir mit dem Popstar in den Darkroom, den Peitschenkeller des Nachtlebens, hinab. Da unten laufen Maschinengewehrsalven, Polizeiansagen, Sirenen. Madonna: "I made a decision / I will never go back." Der Beat setzt aus, Madonna steigert sich in eine Natural Born Killers- Hysterie hinein: "I’m going straight to hell / And I got a lot of friends there / And if I see that bitch in hell / I’m gonna shoot him in the head again." Madonna schreit: "Die, bitch!" Nur natürlich ist, dass der Sehnsuchtsort des Popstars, dem der Sound in jedem Supermarkt, Café, Fitnessstudio und in jeder Kleiderboutique, also dem gesamten Overground auf Erden gehört, im dritten Untergeschoss des Nachtlebens, im tiefsten Underground, liegt. Madonna will bei den Ravern ankommen, die um acht Uhr morgens vor Clubtüren anstehen. Großartige Nummer. Nun muss die Platte aber mal losgehen.

I’m Addicted : der heikle dritte Track. Madonnas Produzenten fahren alle Regler hoch: Es ravt, flasht, blitzt, donnert. Wir stehen immer noch auf der Tanzfläche, aber will man dazu tanzen? Das Phänomen, dass eine Produktion besser ist als der Song, der unter der Produktion liegt. Durch das Soundgewitter hindurch werden Schnipsel ihrer Stimme geliefert: "I’m adic-dic-dic, I-I-I-I’m addicted to your love." Die vierte Nummer Turn Up the Radio. Nach etwa zehn Sekunden Hören ist klar: Das wäre die bessere erste Single gewesen. Ein Hit, ein Ohrwurm, purer Pop. Es fällt einem die Neodisco von Daft Punk ein und der Ibiza-Sound von David Guetta – das ist der DJ, den ehrbare deutsche DJs wie Westbam und Hell verachten, weil er einen so brutal prolligen, tiefergelegten, vordergründigen Discosound herstellt. Madonna vertritt eine der Urforderungen des Pop, die seit den fünfziger Jahren gilt: "Turn up the radio / You gotta turn up the radio." Komplett einverstanden.

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Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

53 Jahre

Wenn ich sowas hören würde, könnte ich gar nicht mehr aufhören darüber nachzudenken, dass hier eine 53 Jährige über Girls singt, als wäre sie selbst noch eins. Man kann sich auch zuviel vormachen. Ich bin gespannt wo die Reise der Madonna eines Tages endet, ob dieses Jugendwahns den sie sich unterwirft. Und nein, sie soll jetzt nicht über Omas singen...

"Größte lebende Popstar"?

In ihren eigenen Träumen und gephotoshopten Bildern vielleicht.
Diese Frau ist nur noch ein Schatten ihrer selbst und bei weitem nicht mehr so erfolgreich, wie noch vor 15 - 20 Jahren.
Zwanghaft läuft sie einer Jugendlichkeit hinterher, die sie schon lange verloren hat.
Diese Frau ist einfach lächerlich.

"haltlose Unterstellung"?

http://www.magistrix.de/l...

Den Liedtext von Like a Prayer bitte einmal lesen und interpretieren, anschließend das passende Musikvideo auf einschlägigen Seiten ansehen.

Dann noch einmal die Halftime-Show angucken und auf "verdächtige" Symbole und Gesten achten.

http://www.youtube.com/wa...

Zuvor am besten mal nach Baphomet googlen und sich versuchen zu erinnern, was man so mit satanischen Kulten verbindet. Ein paar Parallelen sollten bereits beim ersten Mal angucken auffallen.

Dann ihre ziemlich expliziten Kreuzigungsanspielungen während der Confessions-Tour oder auch die deutlich eingeblendete Hotelzimmernummer 666 in einem ihrer Musikvideos (habe leider den Titel des Liedes vergessen).
Diverse Kardinäle haben sich wahrscheinlich nur aufgrund "haltloser Unterstellungen" für ihre Exkommunikation ausgesprochen, richtig?

Ich sage ja nicht, dass sie überzeugte Satanistin ist, aber über ihre Karriere hinweg sind da schon so einige Indizien zu finden, die dafür sprechen würden, dass dahinter evtl. mehr als nur künstlerische Provokation steckt.

Prinzipiell ist mir ohnehin egal, was die Dame im Privaten treibt. Nur möchte ich nicht durch recht explizite Darstellung satanischer Motive beim Gucken des Superbowls belästigt werden.

Ja, haltlos....

Mit Verlaub, aber sie hätten in der Halbzeit einfach wegzappen können, zum Beispiel auf Bibel-TV!
Denn diverse Kardinäle haben sich nicht nur für die Exkommunikation von Madonna ausgesprochen, sondern auch für die Weiterbeschäftigung von diversen Exorzisten sowie die Verbreitung von diversen kreationistischen Vorstellungen im Biologieunterricht von Schulen.
/Ironie an
Des weiteren sind KISS natürlich weiterhin die Knights In the Service of Satan und Marilyn Manson ist der fleischgewordene Antichrist. Analysieren sie doch mal dessen Texte, da wird aber Freude aufkommen!
/Ironie aus

Satanismus ist Satanismus ist Satanismus

Es ist doch völlig unerheblich ob ich nun Äpfel oder Birnen, sprich Metal oder Popmusik mittels der Masche Satanismus an den Fan bringen möchte! In beiden Fällen bleibt man im Gespräch weil die skandalöse Inszenierung wichtiger ist als die bestenfalls mittelmäßige Musik.
Für einen Nichtgläubigen kennen sie sich übrigens gut mit der Materie aus. Mir persönlich sind sowohl Exkommunikationspläne der Kirche als auch Baphomet-Darstellungen völlig schnuppe. Schlechte Musik hat für mich höheres Erregungspotential! ;-)

Hoffentlich nicht ganz haltlos

"Nur möchte ich nicht durch recht explizite Darstellung satanischer Motive beim Gucken des Superbowls belästigt werden."

Also ich schon... Nein, ernsthaft, die u.a. latente Blasphemik des Like A Prayer Videos halte ich für eine Sternstunden der Popgeschichte. Sie sollten auch die SM-Phantasien in "Justify My Love" nicht vergessen, ebenfalls ein toller Song.