SpanienHollywoods Sandkiste

Europas einzige Wüste liegt in Andalusien. Sie ist klein, bietet aber ganz großes Kino von Susann Sitzler

Ein gewaltiger Felsenriegel dominiert das monumentale Panorama. Rundherum gleißen weiße Bergzüge, der Himmel spannt sich weit und hellblau bis zum Horizont. Auf dem Talboden liegt trockenes Gras wie Teppichflor. Über sandigen Grund sind wir hergekommen, vorbei an knisternd trockenen Büschen und menschenhohen Kakteen. Wir haben ausgespülte Kalksteinfurchen gequert und immer wieder Pause gemacht, um zu lauschen. Der Stille oder den kleinen Vögeln, die den kühlen Morgen vollzwitscherten. Jetzt, gegen Mittag, haben wir das Herz der Wüste erreicht. Die Aussicht ist grandios, aber der Atem will uns nicht stocken. Warum eigentlich nicht?

Die Wüste von Tabernas im Südosten Andalusiens ist das trockenste Gebiet Europas und die einzige Wüste des Kontinents. Mehr als 3.000 Stunden brennt die Sonne pro Jahr auf das Land herunter. Viele Pflanzen und Vögel gibt es nur in dieser Region. Gegen Ende des Winters, wenn das Schmelzwasser der Sierra Nevada Feuchtigkeit bringt, blitzen für ein paar Wochen allerlei Blüten hervor. Jetzt im Frühjahr, bevor die Sommersonne wieder alles Leben verdorren lässt, ist die beste Reisezeit. Außer man mag es staubig. Denn die Wüste von Tabernas ist auch Europas Wilder Westen. Über 500 Filme wurden hier ganz oder teilweise gedreht, darunter Meisterwerke wie Zwei glorreiche Halunken oder Spiel mir das Lied vom Tod . Im Schuh des Manitu stehen die Marterpfähle der beiden Hauptfiguren – wie wir selbst gerade – vor dem breiten Felsriegel im Valle del Búho, im Tal des Uhus.

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Aber uns will der Breitwandblick ins Weite nicht recht gelingen. Wo ist hier das ganz große Kino? Schon auf der Wanderung hierher haben wir bemerkt, dass Tabernas keine Wüste ist, wie man sie aus Afrika oder Amerika kennt. Keine Gegend, die einen durch ihre scheinbare Unendlichkeit überwältigt. Im Gegenteil: Wer in die Wüste von Tabernas fährt, weiß von vornherein um ihre Endlichkeit. Um sich in ihr zu verlieren, ist sie mit ihren 280 Quadratkilometern einfach zu klein. Auch in ihrem Innersten werden wir das Gefühl nicht los, dass schon das Land hinter dem nächsten Höhenzug wieder zur Zivilisation gehört. Darüber sollten wir besser hinwegsehen. Also: weiter hinein.

Unser Weg verläuft zwischen blendend hellen Kalksteinfelsen. An vielen Stellen ist der Boden von roten Flecken übersät, als sei Rotwein flaschenweise vergossen worden. Erst in der Hocke erkennen wir, dass es Teppiche aus winzigen roten Blüten sind. Vor dem sprießenden Leben auf scheinbar totem Grund blüht uns ein Gedanke: Kommt man dem Zauber dieser Wüste auf die Spur, wenn man den Blick aufs Kleinste richtet?

Jenseits des Uhu-Tales geraten wir auf weite, fast lila schimmernde Salzfelder. Wir tunken die Finger in gräulichen Schlick, lecken vorsichtig daran und schmecken tatsächlich reines Salz. Ein Ziegenhirt in dunklen Lumpen führt seine Tiere über den Talboden. Einzelne kugelrunde Sträucher locken die Ziegen wie magnetisch an. Mit hektischen Schritten und bimmelnden Glöckchen trippeln sie darauf zu und knabbern dann so energisch und genussvoll, dass der Hirte sie nach einer Weile mit nachdrücklichem Singsang weglocken muss.

Vor einer der Palmen steht der junge Clint Eastwood

Außer ihm ist niemand zu sehen. Tabernas liegt abgeschieden, Touristen kommen nur im Sommer, auf dem Weg zum Meer, das 40 Kilometer entfernt vor Almería liegt. Viele fahren dann von der Autobahn ab, um einen der drei Western-Themenparks zu besuchen, die am Rand der Wüste auf Besucher warten. Seit 20 Jahren ist das Gebiet geschützt, aber der Staat hat kein Geld, es zu kaufen. Deshalb befinden sich die einzelnen Parzellen der Wüste von Tabernas weiter in Privatbesitz. Das erkennt man immer wieder an Schildern und gesperrten Wegen.

Am nächsten Morgen klettern wir in einer steinigen Schneise aus einem Geländewagen. Cristina Serena hat uns hergefahren und weist mit ausladender Geste auf die schrundigen Felswände, die um uns aufragen. "Das hier ist kein Canyon", sagt sie, "das ist eine Rambla", und rollt dabei das R andalusisch rau. "Eine Rambla ist ein trockenes Flussbett, das höchstens in den Monaten der Schneeschmelze Wasser führt." Cristina kennt die geologischen, die botanischen und die kinematografischen Geheimnisse der Wüste. Sie organisiert Führungen nach Tabernas und hat außerdem eine Firma, die Location-Scouting für internationale Filmfirmen anbietet. Vielleicht kann sie uns den richtigen Blick auf die Wüste zeigen.

Leserkommentare
  1. Wer genauer wissen will, wie´s da so ausschaut, sollte sich "800 balas" von Alex de la Iglesia angucken. Ausser der Landschaft gibt´s noch tiefe Einblicke in die iberische Befindlichkeit, vielleicht erleichtert das ja den Beitrag für den nächsten Rettungsschirm.

    salu2

    pedda

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