ZEITmagazin: Herr Niedecken, Sie feiern Ende des Monats Ihren 61. Geburtstag. Wie wäre es noch einmal mit einer neuen Gitarre?

Wolfgang Niedecken: Das hört sich jetzt bestimmt furchtbar an, aber alle meine Traumgitarren habe ich schon! An die zwanzig – viel zu viele. Ich bin ja nicht in erster Linie Gitarrist. Für das Publikum bin ich der Gastgeber, und wenn ich da anfange, zwischen wer weiß wie vielen Gitarren zu wechseln, dann ist mir das alles zu viel, dann kann ich mich nicht auf diesen Job konzentrieren.

ZEITmagazin: Ihre Gitarren haben Schrammen davongetragen...

Niedecken: ...Gitarren erzählen ja auch eine Geschichte . Jeder Cut ist da wertvoll. Diese hier ist von 1968, Eric Clapton hat so eine bei der Band Blind Faith gespielt. Ich besitze sie jetzt seit fast dreißig Jahren. Bruce Springsteen hat sogar schon darauf gespielt.

ZEITmagazin: Wenn Sie sagen, Sie seien Gastgeber bei Ihren Konzerten, wie merken Sie, ob Sie Gas geben müssen oder ob Sie es ruhig angehen lassen können? Schauen Sie in das Gesicht einer jungen Frau?

Niedecken: Eigentlich habe ich so ziemlich alles auf dem Schirm. Im Saloon sitzt der Revolverheld ja auch niemals mit dem Rücken zum Eingang. Ich bin gespannt, wie es jetzt sein wird, wenn ich zurückkomme. Das wird bestimmt sehr emotional. Die Leute haben für mich gebetet, haben Kerzen aufgestellt, Leute mit anderem Glauben haben zu Allah gebetet und zu Gott weiß wem noch.

ZEITmagazin: Es hat etwas genützt!

Niedecken: Ja, ich habe sehr viel Glück gehabt.

Wolfgang Niedecken wohnt mit seiner Frau und ihren beiden gemeinsamen Töchtern in einem Haus auf dem Römerberg im Süden von Köln. Goldene Schallplatten säumen den Weg zum Arbeitszimmer, vom Schreibtisch aus ist der Rhein zu sehen. Besonders gut im Winter, wenn die Bäume unten am Ufer keine Blätter tragen. Niedecken und der Fluss, das gehört seit sechzig Jahren zusammen.

ZEITmagazin: Sie haben ein unglaubliches Glück gehabt! Sie haben im letzten November einen Gehirnschlag überlebt, sind wieder ganz gesund geworden.

Niedecken: Es ist wirklich unfassbar. Ich saß in meinem Sessel dort am Fenster, wollte in einem Buch von William Faulkner lesen, Licht im August. Plötzlich merke ich, dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann. Ich musste immer wieder neu anfangen, die Seite zu lesen. Die Umgebung verschwamm, der Teppich und die Bücherregale waren plötzlich oben. Ich habe noch nie einen Trip genommen, aber wie es heißt, muss sich ein Trip ungefähr so anfühlen. Ich wollte raus auf den Balkon und traf auf dem Flur meine Frau, die den Inhalt unserer Waschmaschine in den Trockner umfüllen wollte. Ein Zufall, dass sie da war. Sie ist keine Ärztin, aber sie kannte die Symptome eines Schlaganfalls. Sie rief sofort den Notarzt, der brachte mich in die Uniklinik.

ZEITmagazin: Was auch wieder ein Glück war...

Niedecken: ...ja, denn da gab es eine junge Ärztin, eine wirkliche Könnerin, die das Blutgerinnsel in meinem Gehirn mit dem sogenannten Angio-Verfahren entfernte. Das heißt, in die Hauptschlagader in der Leiste wird eine Sonde eingeführt, die bis nach oben in den Kopf geführt wird.