ZEITmagazin: Sie haben nie verhehlt, wie groß damals Ihr Heimweh nach Köln gewesen ist.

Niedecken: Der Anfang war furchtbar, ich hatte schreckliches Heimweh. Zu Hause wusste ich immer, wo ich hinkonnte, wenn was passiert. Die Kavallerie war immer bereit zum Ausrücken. Und im Internat gab es diese Kavallerie nicht mehr. Das musste ich alles selber hinkriegen. Das war schon hart.

ZEITmagazin: Sie hätten eine Kavallerie bitter nötig gehabt. In Ihrem Buch »Für ’ne Moment« erzählen Sie schonungslos von einem Geistlichen, der Sie in der Internatszeit misshandelte und gleichzeitig Ihr Beichtvater war.

Niedecken: Pater L.!

ZEITmagazin: Warum nennen Sie diesen Mann nicht mit vollem Namen?

Niedecken: Ich habe immer wieder überlegt, ob ich ihn mit vollem Namen nenne, und bin sehr froh, dass ich es nicht gemacht habe. Rache ist etwas Furchtbares.

ZEITmagazin: Er lebt noch?

Niedecken: Ja, sogar in Köln. Vor Kurzem habe ich in einem Kölner Parkhaus einen ehemaligen Mitschüler aus dem Internat getroffen, der hat mir das erzählt. Ich wäre beinahe umgefallen. Der Mann wurde als Erzieher ausgemustert, er musste sich auch einer Therapie unterziehen. Soviel ich weiß, hat er – er wird heute um die achtzig sein – noch längere Zeit einen Chor geleitet.

ZEITmagazin: Es beschäftigt Sie bis heute?

Niedecken: Nicht wirklich, aber durch mein Buch ist das Thema noch einmal groß geworden . Ich kann nicht behaupten, einer derjenigen zu sein, deren Leben daran zerbrochen ist. Es gibt aber solche Opfer, ich kenne auch welche aus dem Konvikt St. Albert.

ZEITmagazin: Irgendwann hat es die Kavallerie dann doch gegeben, als Ihr Vater von Ihrem Leid erfuhr.

Niedecken: Er war in einem Gewissenskonflikt sondergleichen. Er war ein sehr gläubiger Mensch. Er wollte nicht, dass an der Familie Niedecken irgendetwas hängen bleibt. Ich glaube, dass er in jener Zeit noch mehr gelitten hat als ich. Obwohl er eingeschritten ist, tauchte unser Name später in den Akten nicht auf.

ZEITmagazin: Reden war nicht seine Stärke?

Niedecken: Er hat mich zufällig unter der Dusche gesehen, die schwarz-blauen Striemen auf meinem Rücken. Was das denn sei? Mir blieb nichts anderes übrig, als auszupacken. Er fragte: Bei wem ist das noch passiert? Dann hat er den anderen Vater angerufen und ist mit ihm losgefahren. Pater L. verschwand aus dem Internat. Da ist nie wieder darüber geredet worden, ich habe ihn nie wiedergesehen.

ZEITmagazin: Würden Sie den Mann erkennen?

Niedecken: Ja. Natürlich würde ich den wiedererkennen. Es war ein wunderbarer Zufall, dass mir der Rock ’n’ Roll in der Zeit danach eine Rüstung gab. Anderen hat er diese Rüstung nicht gegeben, die sind an dieser Geschichte zerbrochen.