Rockband UnheiligIm Gespensterstadl brennt noch Licht

"Der Graf" und seine Band Unheilig haben phänomenalen Erfolg. Ein Erklärungsversuch von 

Unheilig – das ist vor allem Bernd Heinrich Graf, genannt "der Graf".

Unheilig – das ist vor allem Bernd Heinrich Graf, genannt "der Graf".  |  © Universal Music

Am Leipziger Hauptbahnhof verläuft sich vieles, die Schlange aber ist nicht zu übersehen. Sie reicht vom einen Ende der Halle bis zum anderen, mit einem kleinen, von Sicherheitskräften frei gehaltenen Schlupfloch in der Mitte, damit die Reisenden von den Bahnsteigen in die Stadt entweichen können. Eine Clubnachtschlange ist das nicht mehr, auch keine Blockbusterkunstausstellungsschlange, es ist schon eine kleine Wallfahrt, die sich an diesem wintergrauen Samstagnachmittag gebildet hat, den Blick erwartungsvoll auf eine Tür in der Wand gerichtet: Durch diese Pforte muss er kommen, der Graf.

Autogrammstunden hat man sich anders vorgestellt. Doch ob Leipzig , Fürth , Köln oder Stuttgart : Wo immer der Mann, den alle nur respektvoll den Grafen nennen, auftaucht, herrscht Massenauflauf. Der Andrang vor den großen Elektromärkten, vor deren Toren er Hof hält, ist inzwischen so groß, dass ihm nur noch mit ausgefeilter Logistik zu begegnen ist. Bitte nicht drängeln! Rollstuhlfahrer zuerst. Bloß ein Autogramm und ein Foto pro Person. Auch wechselt der Graf neuerdings wie ein Simultanschachspieler zwischen zwei Tischen: Während er am einen signiert, stellt die Crew am zweiten schon mal die Digitalkameras ein. Ein Lächeln, ein Klick, dann kommt schon der Nächste. Der Euphorie tut das alles keinen Abbruch. Hauptsache, einmal in seiner Nähe gewesen sein.

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Es ist eine Schattenwelt des Pop , die hier aus der Unsichtbarkeit hervortritt, Männer in Goretexjacken, Vorstadtblondinen, unscheinbare Jugendliche mit Miroslav-Klose-Frisur, ganze Familien samt Omi und Enkel, aber auch Einbeinige, Kleinwüchsige, Grauhäutige, Fettleibige oder sonst wie vom Leben Versehrte, Leute in Klamotten von KiK , Leute, die aussehen, als hätten sie das Ende der DDR verschlafen, nicht zu vergessen die echten Nachtschattengewächse, nietenbeschlagen, schnallenbewehrt, in Kutten bis zum Boden, aber offenbar genauso trostbedürftig. Und obwohl der Graf jedem der Dürstenden nur eine Kurzaudienz gewähren kann, gehen sie an Leib und Seele erquickt nach Hause. Dass dieser Mann Charisma hat, ist offensichtlich. Wo er es hernimmt, schon weniger.

Bis vor Kurzem fristete er ein Nischendasein: Bernd Heinrich Graf aus Würselen bei Aachen . Was an gesicherten Erkenntnissen über ihn vorliegt, lässt sich an einer Hand abzählen. Unauffälliges Elternhaus, Zeitsoldat bei der Bundeswehr, Ausbildung zum Hörgerätetechniker. Litt in seiner Jugend unter Balbuties, besser bekannt als Stottern. Von 2000 an erste Versuche als professioneller Musiker. Es gibt eine Familie, aber er kommentiert das nicht weiter, er könnte Ende dreißig sein, doch das genaue Alter bleibt sein Geheimnis. Nicht einmal seinen bürgerlichen Namen mag er bestätigen. Der Graf ist ein öffentliches Gespenst, eine Kunstfigur, die von sich selbst in der dritten Person spricht und immer in exakt der gleichen Erscheinungsform auftritt: schwarzer Anzug, weißes Hemd, dunkle Krawatte, den Kopf zur Glatze geschoren und um die Mundwinkel dieses Dreiecksbärtchen. Es hebt ihn aus der Menge der Kahlköpfigen hervor, Kritiker haben darin beim Headbangen versehentlich nach unten gerutschte Teufelshörnchen erkennen wollen. Sein Alleinstellungsmerkmal jedoch ist eine Zahl.

Unheilig ist eine Projektionsfläche. Hinter die Leinwand gelangt man nicht

1,66 Millionen Exemplare hat er von seinem Album Große Freiheit verkauft, das ist nicht nur mit Abstand der größte Erfolg, den der deutschsprachige Pop in den letzten 20 Jahren verzeichnen konnte. Die Zahl hat auch einen gewissen Erklärungsnotstand hervorgerufen, bei den professionellen Deutern, bei der Plattenfirma, nicht zuletzt beim Grafen selbst. Unruhig rutscht er auf dem viel zu beigen Designersessel herum, auf dem er zum Interview empfängt, während er laut nachdenkt, wie alles gekommen ist. 100.000 schien eine realistische Zahl, dann war es plötzlich eine halbe Million, und dann ging das Ding ab wie eine Rakete. Was da auf einen einprasselt, muss man erst einmal verdauen: die vielen Menschen, die Aufmerksamkeit. Wie er so dasitzt im Büro des Branchenriesen Universal, wirkt der Graf wie ein aus seiner dunklen Ecke aufgescheuchtes Tier.

»Ich bin für alles offen«, hat er gleich zur Begrüßung gesagt, als sei Angriff die beste Verteidigung. Tatsächlich gibt es wenig, was er auf seinem Weg nach oben nicht mitgemacht hat, von Konzerten in Möbelhäusern bis zu Großkochveranstaltungen mit Alfons Schuhbeck , von Gastspielen bei Ilona Christensen bis hin zum Auftritt im Big Brother- Container. Sich so weit zu öffnen hat Kraft gekostet, schließlich liegen die Anfänge des Unternehmens Unheilig im Düsterpop der Gothic-Szene, und die ist nicht gerade für ihre Weltzugewandtheit bekannt. Was die meisten da draußen nicht wissen: In Kooperation mit dem Verein Herzenswünsche hilft Unheilig krebskranken Kindern. Der Graf könnte noch viel mehr erzählen, »ich hab einen Lkw an Geschichten«, sagt er, doch je länger man ihm zuhört, desto klarer wird, dass das Plaudern seine Methode ist, möglichst wenig von sich preiszugeben. Dieser ganz in Schwarz-Weiß gehaltene Mensch ist einfach nicht zu fassen.

Leserkommentare
    • TFox
    • 27. März 2012 10:48 Uhr

    "Ähnlich bedrohliche Schatten hat Max Schreck als Nosferatu geworfen, wie er in Walter Murnaus Stummfilmklassiker..."
    Der Mann hieß Friedrich Wilhelm mit Vornamen.

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  1. schlagermusik bekommt 3 seiten auf die zeit-online ... na schönen dank.

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    Wenn man bedenkt, wie kostbar doch so eine online-Seite ist.
    Der Mann hat nahezu 2 Millionen Platten verkauft. Da wird man ja wohl mal darüber reden dürfen, wie es dazu kommen konnte. Dass es nicht an der Qualität der Musik liegt, steht ja außer Frage.

    in der Überschrift heisst es "Rockband", im Artikel ist es dann "Pop" und in Wirklichkeit Schlager. Muss man nicht verstehen.

    ...Rockmusik klingt in der Tat anders, ich würde die Musik von Unheilig auch eher als "Mainstream-Schlager" bezeichnen das soll aber nicht heißen, daß die Musik von Unheilig schlecht ist und der Erfolg gibt ihnen ja schließlich auch Recht.
    Über Geschmack lässt sich nicht streiten.

  2. Wenn man bedenkt, wie kostbar doch so eine online-Seite ist.
    Der Mann hat nahezu 2 Millionen Platten verkauft. Da wird man ja wohl mal darüber reden dürfen, wie es dazu kommen konnte. Dass es nicht an der Qualität der Musik liegt, steht ja außer Frage.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "schlagermusik"
  3. ich mir die Zeit gekauft wenn ein Artikel von Thomas Groß drin stand, aber irgendwie wirkt mir das Messer seit einiger Zeit stumpf geworden. Panne ist was anderes aber richtig gut ist auch was anders. Schade!

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    ganz ganz schlechter, herablassender und klischee bedienender artikel:(

  4. "...etwas Krisengeborenes um diesen Fürsten der Dunkelheit und des Lichts, etwas, das an die großen Umbrüche des 20. Jahrhunderts erinnert, an die Sehnsüchte,..." Du liebe Güte, da geht dem Schreiber vielleicht doch ein bischen der Gaul durch mit seinen Vergleichen. Herr Graf weiß ja selber nicht, warum er so erfolgreich ist, an den schlappen Roland-Kaiser-Gedächtnis-Schlagertexten kann es kaum liegen und wenn doch, muss man sich tatsächlich Sorgen um den deutschen Musikkonsumenten machen. Umso mehr, wenn das dann "sinngebend" sein soll. Die unfreiwillige Komik dieses Mannes wäre evtl. eine Erklärung, würde die Sorge aber nicht mindern.

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    • NeoVG
    • 27. März 2012 11:41 Uhr

    Ein Erlöser? Nein, der Begriff ist so deplaziert, dass er noch nicht einmal mehr dem "Grafen" selbst gefällt. Denn er hat seine Jünger verkauft. Stehen gelassen in einer Szene, in dem man Fans, aber keinen Reichtum erlangen kann. Es hat sich für Verkaufszahlen, Fernsehauftritte, volle Hallen, aber gegen die Menschen entschieden.

    Was treibt die Leute zu unheilig? Der kleine Ausbruch aus dem deutschen Spießertum, der Abend Düsterschlager für alle, denen Manson zu böse und Rammstein zu laut ist. Weichgespülte Musik, von eingekauften Produzenten mit ganz feinem Sandpapier in den Massenmarkt hinein poliert. Ein mal sich anders fühlen und doch ganz normal sein.

    Unheilig wurde von einer Szene groß gemacht, die jahrzehntelang an ihren Idolen festhält, treu wie fast keine andere ist. Aber auch nicht verzeiht, wenn sie verraten wird. Herr Graf sagte in einem Interview mit laut.de, dass er nie ein Teil der Schwarzen Szene war, nie sein wollte. Einen größeren Schlag ins Gesicht gibt es nicht für all diejenigen, die jahrelang zu Unheilig-Konzerten liefen, bei denen die Halle kleiner war als jetzt die Bühne.

    Nicht drückt das besser aus als die Weigerung von And One - selbst erfolgreich genug - weiter mit Unheilig auf Tour zu gehen, nachdem ihnen aus dem Publikum totales musikalisches Unverständnis entgegen stieß. Schlager. Nicht alternativ, nicht düster, einfach nur Schlager. Musik mit der man Geld verdienen, aber keine Herzen erobern kann. Nicht auf Dauer.

    7 Leserempfehlungen
  5. Der große Erfolg von Herrn Graf verdient uneingeschränkten Respekt. Er stellt Musik her, die von Millionen gemocht wird. Sie gefällt deshalb aber noch lange nicht jedem. Ich finde sie z.B. schrecklich, sie liegt in meinen Ohren auf einem Niveau mit dem Gedudel von Rosenstolz.

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    • Zack34
    • 27. März 2012 12:06 Uhr

    Zitat: "Was dann folgt, ist eine Mischung aus Erweckungsgottesdienst und schwarzer Messe, bei der heidnische und christliche Symbolik wundersam zusammenfinden, Kerzen brennen ... Auf dem Höhepunkt des Geschehens wird er den Boden küssen, als sei er der Papst persönlich."

    G R O S S A R T I G

    Zitat: "Die glänzenden Augen, in die man schaut, gehören den Dunkelziffermenschen, Leuten, die sonst bloß als statistische Größe auftauchen, die sich von den traditionellen Sinngebungsinstanzen verlassen fühlen und sich doch nichts so sehr wünschen, wie in ihrer Bedeutung wahrgenommen zu werden. Ihnen spricht der Graf aus dem Herzen,... Wer hier sein Heil sucht, der weiß, dass die heile Welt immer woanders liegt."

    Danke Hr. Groß, ein Groß-artiger Beitrag.

    Eine Leserempfehlung

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